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Dienstag, 14.08.2018
 
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Freispiel | Sendung am 22.10.2018 um 00:05 Uhr

Hörstück über den Dirigenten Hermann ScherchenSchall und Klang

Von Christina Kubisch

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Hermann Scherchen in seinem Tessiner Tonstudio (privat/ Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg)
Hermann Scherchen in seinem Tessiner Tonstudio (privat/ Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg)

In der Mitte des letzten Jahrhunderts zog der Dirigent Hermann Scherchen das Tessiner Dorf Gravesano. Dort baute er ein experimentelles Tonstudio und schuf so einen Begegnungsort für Wissenschaftler, Elektroakustikerinnen und Musikerinnen aus aller Welt. Über die Weihnachtsfeiertage 1956 befasste er sich intensiv mit der Positionierung von Mikrofonen. Christina Kubisch transformiert die Aufnahmen dieser Studie – erst unmerklich, dann entschieden – und reflektiert so ein weiteres Mal die Verbindung von Klang und Raum.

"Ich möchte einen Raum haben, in dem ich den Raum ausschalte." (Hermann Scherchen)

Schall und Klang
Von Christina Kubisch
Mit den Stimmen von Hermann Scherchen und Kathrin Röggla
AKS Synthesizer: Eckehard Güther
Elektromagnetische und elektronische Klänge sowie field recordings: Christina Kubisch
Ton: Eckehard Güther
Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2017/Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste/Studio Hoppegarten 2017

Länge: 48'31
Eine Wiederholung 05.10.2018

Besonderen Dank an die Akademie der Künste Berlin für das Archivmaterial.

Christina Kubisch, geboren 1948 in Bremen, zählt zur ersten Generation der Klangkünstler in Deutschland. Studium der Malerei, Musik und Elektronik. Ab 1980 vermehrt Klanginstallationen, Klangskulpturen sowie elektroakustische Kompositionen und Hörspiele. Lehrtätigkeit als Professorin für audiovisuelle Kunst von 1994 bis 2013 an der Kunsthochschule Saarbrücken. Christina Kubisch ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin. 2016 wurde sie zusammen mit Peter Kutin und Florian Kindlinger für das Stück "Desert Bloom" (WDR 2015) mit dem Karl-Sczuka-Preis ausgezeichnet.

Ein an einem Rinnsal platziertes Mikrofon: Aufnahme der Wasserläufe im Gelände oberhalb des Hauses (Christina Kubisch)Aufnahme der Wasserläufe im Gelände oberhalb des Hauses (Christina Kubisch)

Christina Kubisch über ihre Arbeit an "Schall und Klang"

"Das Experimentalstudio hat einen großen Vorteil: es ist eine vollständig unabhängige Schöpfung, das heißt, es gibt keine Instanz, die vorschreibt, was geschehen darf." (Hermann Scherchen)

Gravesano Casa Scherchen vom Garten gesehen circa 1972 (Reto Ressegatti)Gravesano Casa Scherchen vom Garten gesehen circa 1972 (Reto Ressegatti)Die Gravesaner Studios von Hermann Scherchen sind heute, 50 Jahre nach seinem Tod, als Meilenstein in der Forschung elektroakustischer Musik und experimenteller Aufnahmetechnik weltweit bekannt.

1954 zog Scherchen mit seiner jungen Frau Pia Andronescu in das damals noch abgelegene kleine Tessiner Dorf und kaufte dort am Ende des Ortes ein großes bäuerliches Anwesen mit zusätzlichen Gebäuden, Ställen und einem riesigen Gelände am Berghang mit Garten, Weinberg und Kastanienwald.

Hermann Scherchens Haus mit Schwimmbad (Reto Ressegatti)Hermann Scherchens Haus mit Schwimmbad (Reto Ressegatti)Dort begann er mithilfe eines Architekten, direkt an das Haus angrenzend, drei Studios zu bauen mit einem Aufnahmestudio, einem kleineren (schalltoten Raum) und einem Technikraum. In den ehemaligen Viehställen ließ er außerdem vier sogenannte Nachhallräume einrichten, in denen Tonaufnahmen erneut aufgezeichnet werden konnten.

Alle Studios hatten unregelmäßige Formen, ungerade Wände und asymmetrische Grundrisse. Die Ausstattung war einfach: Wände waren mit Pferdedecken, mit Teppichen und mit einem Verpackungsmaterial für Eier ausgekleidet und gedämmt. Scherchen entwarf selbst Lautsprecheranlagen und im Laufe der Zeit kamen ständig neue "Apparaturen" hinzu.

Scherchens Studio innen mit Walter Ehrler September 1961 (Reto Ressegatti)Scherchens Studio innen mit Walter Ehrler September 1961 (Reto Ressegatti)Die Berichte der Musikwissenschaftler, Komponisten, Klangforscher, Musiker und Radiotechniker (Frauen kommen als Autoren nicht vor) gehen auf die Eigenheiten der Studios und die Forschungsergebnisse der dort stattfindenden Symposien detailliert ein, das Umfeld aber bleibt in den Zeitzeugnissen eher Nebensache.

Gravesano war ein Nest mit 200 Einwohnern. Es war laut einer Zeitzeugin so ruhig, dass Besucher aus großen Städten die Stille anfangs befremdend und sogar unangenehm empfanden. Es gab in dem armen Tessiner Dorf kaum Autos. Die Menschen stiegen morgens von den Bergen ins Tal, nahmen die Regionalbahn nach Lugano und fuhren abends zurück. Die typischen Klangereignisse kamen von Nutztieren und Insekten, den Glocken und an Markttagen von den Karren der Händler.

Scherchens Studio innen mit Gerüst (Reto Ressegatti)Scherchens Studio innen mit Gerüst (Reto Ressegatti)Das Haus mit seinem großen Gelände war Heimat von Vögeln, Fröschen und Wasserläufen. Im Hause Scherchen gab es nicht einmal ein Telefon. Rief jemand für den Maestro an, so kam die Nachbarin, die einen Anschluss hatte, und holte ihn oder seine Frau.
Diese Stille vor Ort war für Scherchen, der rastlos reiste, wichtig. Auf seinem Lieblingsplatz im Garten, unterhalb des Weinbergs, arbeitete er viel und gerne im Freien.


Neben vielen anderen Faktoren hat die Erfahrung von Stille, räumlicher Weite und Natur sicher auch die Forschungsarbeiten in den Studios beflügelt. Von allen Seiten hört man heute am ehemaligen Sitzplatz die kleinen Bäche, die den Berg herabkommen, Insekten, den Wind, Blätterrauschen, von ferne Glocken. Man saß sozusagen inmitten einer minimalistischen Klanginstallation, die die Freude jedes heutigen field recordisten gewesen wäre.
Weinberg hinter dem Haus von Hermann Scherchen, sein Lieblingsplatz im Gartengelände (Christina Kubisch)Weinberg hinter dem Haus (Christina Kubisch)war auch für die Gäste die Stille und Abgeschiedenheit des Ortes eine atmosphärische Gelegenheit, sich abseits von Lärm und Hektik zu treffen und auszutauschen. Nicht von ungefähr geht es in den Gravesaner Blättern manchmal auch um die Erforschung sehr stiller Laute, Stimmen von Tieren und Naturklängen oder auch Glocken. Die damals noch vorhandene absolute Ruhe der Umgebung machte ein sensibilisiertes Hören erst möglich.

Der letzte verbliebene Stuhl aus dem großen Studio. Die heutigen Besitzer des Hauses haben ihn im Garten gefunden und dort auch gelassen. (Christina Kubisch)Der letzte verbliebene Stuhl aus dem großen Studio (Christina Kubisch)Diese Soundscape existiert so heute nicht mehr. Gravesano und das gesamte Vedeggio Tal hat sich zum ständig wachsenden industriellen Hinterland von Lugano entwickelt. Die Autobahn und zwei weitere Straßen gehen direkt am Ort vorbei, überall wird frenetisch gebaut und der Verkehrslärm überlagert bei Tag und Nacht wie eine akustischer Nebel nicht nur das Tal, sondern auch das Anwesen von Scherchen selbst.


Das heutige Gravesano - die Autobahn zerschneidet die einstmalige Stille des Ortes (Christina Kubisch)Das heutige Gravesano - die Autobahn zerschneidet die einstmalige Stille des Ortes (Christina Kubisch)Die Bevölkerung, meist Menschen, die mit der dortigen Industrie zu tun haben, ist in Gravesano auf das Zehnfache angestiegen. Scherchen und die Geschichte des Studios ist hingegen im Ort mehr oder weniger vollkommen unbekannt. Erst im abgelegenen Hinterland findet sich noch die Stille und Klarheit, die auch das Hören leiser und entfernter Klänge möglich macht.

Blick auf den Luganer See in Richtung Gravesano, 2016 (Christina Kubisch)Blick auf den Luganer See in Richtung Gravesano, 2016 (Christina Kubisch)




Zum Hörspiel

Das Hörspiel beruht auf dokumentarischem Originalmaterial und eigenen Klängen.

Die Quellen:

1.Tonaufnahmen, die Hermann Scherchen 1956 in seinen Studios in Gravesano über die Weihnachtstage machte. Mit dabei waren André Moles vom Ircam und ein Radiotechniker. Scherchen gibt Anweisungen zur Einstellung und Position der drei für die Aufnahme eingesetzten Mikrofone und singt dann mit wechselnder Intensität immer wieder den Beginn der Ode an die Freude aus der 9. Symphonie von Beethoven. Insgesamt singt er die "Ode" einhundertdreimal während eines Zeitraums von drei Tagen.

2. Die Gravesaner Blätter, eine Reihe von Zeitschriften mit teilweise beigelegten Schallplatten, die die Aktivitäten in den Gravesaner Studios dokumentieren.
Die Themen sind "musikalische, elektroakustische und schallwissenschaftliche Grenzprobleme". Von diesen Schallplatten werden Hermann Scherchens Ansagen zu verschiedenen akustischen Versuchsreihen und einige andere Stimmbeispiele benutzt.

Gravesaner Blätter und Schallplatten (Dieter Scheyhing)Gravesaner Blätter und Schallplatten (Dieter Scheyhing)
3. Die Überschriften der Kapitel der Gravesaner Blätter werden nacheinander von einer Frauenstimme gelesen. Die Ansagen ertönen im Abstand von jeweils einer Minute.

4. Field recordings (Naturaufnahmen) die zum Teil 2016 in und um Gravesano gemacht wurden. Weitere Aufnahmen aus meinem Archiv wurden nach Beschreibungen ausgesucht, die mir Myriam Scherchen von der Klangwelt in Gravesano machte. Die Klänge gehen von Froschkonzerten, Kühen und Brunnen bis zu knarrenden Treppen und den militärischen Übungen der Schweizer Armee im großen Gartengelände.

5. Elektromagnetische Aufnahmen und elektronische Klänge von Christina Kubisch.

6. Klänge eines originalen Synthesizers AKS (hergestellt von den EMS Studios in London).

7. Aufnahmen von Rückkopplungen, Tonbandmaschinen und anderen Geräten.

Hermann Scherchen 1958 in Gravesano mit Prof. Dr. Winckel (TU Berlin), W. Schlechtweg (damaliger Direktor von Telefunken -Studiotechnik) und Dr. Enkel (Technischer Leiter des Elektronischen Studios beim WDR in Köln) (Gerhard Steinke)Hermann Scherchen 1958 in Gravesano mit Prof. Dr. Winckel (TU Berlin), W. Schlechtweg (damaliger Direktor von Telefunken -Studiotechnik) und Dr. Enkel (Technischer Leiter des Elektronischen Studios beim WDR in Köln) (Gerhard Steinke)

Mit Dank an:

Myriam Scherchen für die Beschreibung ihrer akustischen Erinnerungen aus Gravesano.

Esther Domenighetti für die Erzählungen über ihre Teilnahme an der Eröffnung des Gravesaner Studios und das Leben in den 50er Jahren in Gravesano.

Reto Ressegatti für die Möglichkeit, die ehemaligen Studios in Gravesano zu besuchen und im Garten von Hermann Scherchen Tonaufnahmen machen zu können.

Gregorio Garcia Karmann für die Unterstützung im Studio für Elektroakustische Musik der Akademie der Künste.

Kathrin Röggla für ihre Stimme.

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