Seit 10:07 Uhr Lesart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 10:07 Uhr Lesart
 
 

Feature / Archiv | Beitrag vom 30.04.2013

Die zweite Stimme

Hörspiel- und Featurereihe im Deutschlandradio Kultur

Von Ingo Kottkamp

Podcast abonnieren
Die zweite Stimme (AP)
Die zweite Stimme (AP)

Die erste Stimme - das ist die, die man einfach so hört. Die zweite Stimme, das sind die Untiefen, die zum Vorschein kommen, wenn man die erste Stimme hinterfragt und zum Beispiel wissen will: Wer spricht da eigentlich? Die Untiefen reichen von künstlichen Stimmen zu unstabiler Identität, von Sprache als Waffe bis zum Reden in Zungen. Feature, Hörspiel und Klangkunst widmen ihnen eine ganze Reihe.

Es ist die Urszene des Radios: Ich höre Stimmen ohne Körper, sie sprechen mich an und ich brauche nicht zu antworten. In den frühen Tagen des Radios nannte man das magisch und übersinnlich, immer mit Betonung auf die anrührenden und beseelten Stimmen. Für uns Radiomacher sind sie das Herzstück unserer Arbeit.

Der Weg der Stimmen zum Hörer aber ist nicht einfach magisch und seelenvoll, er ist verwickelt, bisweilen bizarr und manchmal auch ernüchternd. Was wir Stimmen nennen, ist in elektromagnetische Wellen und wieder zurück gewandelter Schall. Entstanden ist er in einer durch die Geschichte des Radios tradierten Studiosituation aus Großmembranmikrofon und Schallschutzkabine. Und auch der Ton der Sprecher und Moderatoren, in internen Planungssitzungen gerne als "Anmutung" bezeichnet, ist ein Produkt.

Hören wir die Stimme der Menschen am Mikrofon? Oder hören wir die Planungsredakteure, die sie briefen und eintakten und die Politik des Senders, der im Konkurrenzkampf bestehen will? Wer spricht durch uns, wenn wir sprechen? Man kennt diese Frage in Bezug auf religiöse Erfahrungen wie das biblische Zungenreden. Aber sie ist beim Sprechen im Alltag genauso am Platz.

Die Stimme ist nie einfach nur sie selbst. Was hinter und in ihr steckt, dem spüren wir in den Monaten Mai und Juni mit unserer Reihe "Die zweite Stimme" nach. Wer redet, gibt seine soziale Schicht, seine Herkunft, seinen "Habitus" preis und kann eingeordnet oder auch ausgestoßen werden.

Was an gesellschaftlicher Realität, aber auch an poetischen Möglichkeiten in der Stimme steckt, dafür haben Künstler ein gutes Gefühl. Komponisten finden immer neue Wege, aus Stimmen Musik zu machen. Das zeigt Magdalene Melchers in ihrem Beitrag "Das Instrument Stimme" in der Sendung Musikfeuilleton am 5.5. um 22 Uhr.

Aber auch Bildende Künstler nehmen sich der Stimmbänder an. Wenn Martin Riches in jahrelanger Arbeit Orgelpfeifen so lange bearbeitet, bis sie als anrührend-futuristisches Vokal-und Konsonantenorchester "sprechen" können; oder wenn Jochen Gertz bis an die Grenze des Stimmversagens in die Landschaft ruft, werden verborgene Aspekte der Stimme wahrnehmbar (Pour en finir avec le jugement de Dieu, 17.5.).

Und auch jenseits der Kunstwelt hört man viele merkwürdige und absurde Stimmtöne. Sprechautomaten, wie wir sie täglich in Kundenhotlines hören, klingen täuschend echt – weil sie auch meist aus den Stimmen echter Menschen zusammengesetzt sind (Master's Voices - Stimmen aus dem Off, 22. Mai). Wir wollten der Sache auf den Grund gehen und haben den Stimmenklon einfach befragt Interview mit der Sprechmaschine, 5.6.).

Die Roboterdame Bina48 (l) spricht mit ihrem Konstrukteur Bruce Duncan (r). (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)Die Roboterdame Bina48 (l) spricht mit ihrem Konstrukteur Bruce Duncan (r). (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)Ganz wörtlich nehmen wir den Reihentitel "Die zweite Stimme", wenn Simultansprechern nachgelauscht und Kunstsprachen entworfen werden. Die Manipulierbarkeit der Stimme ist weiter fortgeschritten, als man sich das früher vorstellen konnte. Trotzdem entdecken Kriminalisten sie für ihre Ermittlungen, denn niemand kann sich vollkommen verstellen.

Das Interessante an alldem ist: Je tiefer man der Stimme auf den Grund (oder auf die Schliche) kommen will; je mehr man sie dekonstruieren und von falschen Zuschreibungen befreien will, umso größer wird ihre Magie und um so vielschichtiger ihre Faszination. Eines steht also schon zu Beginn der Reihe Die zweite Stimme fest: Wir vom Radio sind danach immer noch nicht fertig mit den Stimmen.

Die Reihe im Überblick:


"Sonntag, 5. Mai 2013"
22.00
Musikfeuilleton
Das "Instrument" Stimme - A cappella im digitalen Zeitalter
Von Magdalena Melchers

"Montag, 13. Mai 2013"
0.05 Uhr
Freispiel
Sprachlabor Babylon
Hörspiel von Till Müller-Klug

"Mittwoch, 15. Mai 2013"
0.05 Uhr
Feature
Über die Uneigentlichkeit und Unheimlichkeit des Sprechens
Wie Künstler die Stimme imaginieren
Von Inke Arns und Ingo Kottkamp

"Freitag, 17. Mai 2013"
0.05 Uhr
Klangkunst
Pour en finir avec le jugement de Dieu
Von Antonin Artaud

"Montag, 20. Mai 2013"
0.05 Uhr
Freispiel
Die Unvermeidlichen
Von Kathrin Röggla

"Mittwoch, 22. Mai 2013"
0.05 Uhr
Feature
Master's Voices - Stimmen aus dem Off
Von Walter Filz

"Freitag, 24. Mai 2013"
0.05 Uhr
Klangkunst
Stimmbänder
Von Franz Mon, Keiji Haino und Jochen Gerz

"Mittwoch, 5. Juni 2013"
0.05 Uhr
Feature (Ursendung)
Interview mit der Sprechmaschine
Text-to-Speech-Programme und die Tücken künstlicher Kommunikation
Von Markus Metz und Georg Seeßlen

"Mittwoch, 12. Juni 2013"
0.05 Uhr
Feature
Der Lügendetektor
Von Alessandro Bosetti

Feature

weitere Beiträge

Hörspiel

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur