Das Feature, vom 07.12.2018

Zum 100. Geburtstag von Alexander SolschenizynVolksfeind und Heiliger

Aus Solschenizyns Büchern weiß die Welt von Niedertracht und Menschlichkeit im System der stalinistischen Straflager. Dafür musste der Nobelpreisträger seine Heimat verlassen. Als er 1994 nach Russland zurückkehrte, ruhten die Hoffnungen der Opposition auf ihm - die er bitter enttäuschte.

Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn 1983 im US-amerikanischen Maine (imago / Leemage / Sophie Bassouls)
Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn 1983 im US-amerikanischen Maine (imago / Leemage / Sophie Bassouls)

Perm im Ural: Die Region war eines der größten Gebiete im Archipel Gulag. Die Alten hier erinnern sich deutlich an die Zeit des großen Terrors. Sie sind Überlebende der Arbeitslager oder Kinder der Überlebenden. Von ihren Geschichten will das offizielle Russland nichts mehr wissen. Allein Aktivisten der regierungskritischen Organisation "Memorial" hören ihnen noch zu.

In diesem Jahr steht die "Memorial"-Expedition im Zeichen des 100. Geburtstages von Alexander Solschenizyn. Denn sein Hauptwerk, "Archipel Gulag", erst nach der Perestroika in der Sowjetunion veröffentlicht, droht schon wieder aus dem Literaturkanon der Schulen zu verschwinden.

Und so kämpft "Memorial" gegen das Vergessen von Solschenizyns Literatur - nicht unbedingt für Solschenizyn. Denn der Autor – er starb 2008 - ist in seinen letzten Lebensjahren Wladimir Putin sehr nahe gekommen. Er verurteilte Gorbatschow, verteufelte alles Westliche und pries die orthodoxe Kirche. Am Ende war er zum Propheten einer großrussischen Idee mutiert, vom Marxisten zum orthodoxen Christen mit Heiligenstatus.

Natalia Solschenizyna, die Witwe des im Jahr 2008 verstorbenen Schriftstellers Alexander Solschenizyn (Deutschlandradio / Mario Bandi)Natalia Solschenizyna, die Witwe des im Jahr 2008 verstorbenen Schriftstellers Alexander Solschenizyn (Deutschlandradio / Mario Bandi)

Mario Bandi begleitet die "Memorial"-Aktivisten in die Gulag-Region und spricht mit Menschen, die Solschenyzin nahestanden – u.a. mit dessen Witwe, Natalia Solschenyzina.



Volksfeind und Heiliger
Solschenizyns Rückkehr nach Russland
Von Mario Bandi

Regie: der Autor 
Es sprachen: Susanne Flury, Walter Gontermann,  Nina Lentföhr, Bernd Reheuser, Wolfgang Rüter, Ilse Strambowski, Edda Fischer und Daniel Wiemer
Es sang: Julia Balabánowa
Ton und Technik: Michael Morawietz und Jens Müller
Redaktion: Ulrike Bajohr
 
Produktion: Dlf/WDR/RBB 2018