Feature, vom 24.05.2014, 18:05 Uhr

UrsendungMimìs Muff

Die Entstehung einer Oper in vier Akten
Von Jens Schellhass

Es ist die "Stunde Null", vor der sich Benedikt von Peter immer wieder fürchtet, die Zeit, in der er zum ersten Mal über eine Inszenierung nachdenkt. Jens Schellhass hat den Opernregisseur über neun Monate begleitet und die Entstehung der Oper "La Bohème" am Bremer Theater dokumentiert.

Patrick Zielke in "La Bohème", Premiere 26. Januar 2014 am Theater Bremen (Jörg Landsberg)
Szene aus La Bohème, Premiere 26. Januar 2014 (Jörg Landsberg)

Wir erleben, wie Benedikt von Peter mit dem Libretto ringt. Geht es wirklich um die wahre Liebe? Scheitern. Weitere Hürden bauen sich auf: Die Herren sollen in Frauenkleidern Ballettunterricht nehmen. Das Theater erwartet einen Erfolg, das Publikum soll strömen, auch des Geldes wegen, und um die Politik nicht zu enttäuschen. Der Druck wächst, bis zum Premierenabend.

Im Anschluss an das Feature senden wir einen Mitschnitt der Bremer Inszenierung.

Regie: Rainer Clute
Mit: Jens Schellhass, Charlotta Bjelfvenstam
Ton: Andreas Narr

Produktion: Deutschlandradio Kultur/RB 2014
Länge: ca. 52'36

Jens Schellhass, geboren 1963, lebt als Autor in Bremen. Für sein Feature "Letzte Fahrt ins Spielzeugland" erhielt er 2010 den Deutschen Radiopreis, für die Produktion "Ein bisschen mehr als Gotteslohn" 2013 den Featurepreis "Bremer Hörkino".

Luis Olivares Sandoval, Raymond Ayers , Patrick Zielke, Christoph Heinrich in "La Bohème", Premiere 26. Januar 2014 am Theater Bremen (Jörg Landsberg)Luis Olivares Sandoval, Raymond Ayers , Patrick Zielke, Christoph Heinrich in "La Bohème" (Jörg Landsberg)

"Da fallen sehr viele Hemmschwellen"

Feature-Autor Jens Schellhass über nervöse Sänger, Erfolgsdruck am Theater und die Stecknadel im Heuhaufen

Deutschlandradio Kultur: Wie kamen Sie auf die Idee, eine ganze Opernproduktion ab der "Stunde Null" zu beobachten?

Jens Schellhass: Das hat mit dem Regisseur Benedikt von Peter zu tun. Er hatte ein fulminantes Stück in Bremen abgeliefert, Brechts Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Er macht das ganze Theater zur Stadt, und ich dachte: Wow, das ist ja bombastisch!

Und dann hat es mich gereizt zu begreifen, wie dieser Benedikt von Peter arbeitet. Ich habe ihn interviewt, und irgendwie mochten wir uns und haben beschlossen: Es wäre doch toll, mal eine Produktion von vorn bis hinten zu dokumentieren.

Besonders reizvoll war für mich in diesem Moment seine Aussage, dass er sich vor jeder Inszenierung zunächst wahnsinnig sträubt - egal, welche Oper er angeht. Diese Stunde Null ist etwas ganz Schlimmes für ihn. Und viele reizvolle Momente sollten folgen.

Deutschlandradio Kultur: Aber der Regisseur bleibt ja nicht allein. Bald kommt die große Theatermaschine in Gang: Sänger, Bühnenbild, Kostüme, Technik, Orchester ...

Jens Schellhass: Das war ein zweiter Aspekt, der mich interessierte: Eine Theaterproduktion unterscheidet sich nicht so sehr von wirtschaftlichen Prozessen. Denn: Neben der Kunst geht es eben auch um Geld. Von Peter und ich haben die Inszenierung einer Oper mit der Entwicklung eines Autos vergleichen wollen. Ursprünglich hatten wir also die Idee, in dem Feature eine Opernproduktion neben die Produktion eines Schiffes oder Autos zu stellen - toll auch wegen der Geräusche.

Benedikt von Peter (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)Benedikt von Peter (dpa / picture alliance / Claudia Esch-Kenkel)

Aber es wäre sicherlich zu konfus geworden. Deshalb blieb es bei der Idee. Was man aber sagen muss: Benedikt von Peter ist volles Risiko gefahren, zugunsten der Kunst. Er hat der Oper das Herz heraus gerissen - eine "Bohème" ohne die Mimì auf der Bühne. Das gibt's doch gar nicht! Ich meine, da ist er sehr in Konfrontation gegangen - mit dem Publikum. Was ich sagen will: Die "Bohème" sollte ein volles Haus bringen. Aber jetzt, wo das Stück raus ist, lieben es die Leute, oder sie hassen es - zu bunt, zu schrill, zu exaltiert und eben kein Liebesflausch. Dazwischen, also Mittelmaß, scheint es für von Peter nicht zu geben. Naja, und jetzt bringt die Oper eben nicht das Geld, das sie möglicherweise hätte bringen sollen. Aber ich finde, das muss Theater leisten, sich leisten können.

Deutschlandradio Kultur: Wie nah sind Sie der Produktion gekommen?

Jens Schellhass: Ich habe sicherlich Grenzen überschritten. Und ich durfte sie überschreiten. Bei den Proben stand ich ganz nah an der Bühne, manchmal auch auf der Bühne, um eben gute Töne zu bekommen. Bei der Premiere stand ich direkt beim Inspizienten hinter dem Bühnenvorhang, direkt bei den nervösen Sängern. Ich habe sie atmen hören und dieses Atmen habe ich einfangen können. Und diese Nervosität ist ansteckend, war's bei mir jedenfalls.

Ich bin Benedikt von Peter, dem "Bohème"-Ensemble und dem Theater Bremen sehr dankbar, dass sie sich so sehr geöffnet haben und scheinbar keine Geheimnisse hatten - bis hin zu wirklich intensiven Auseinandersetzungen zwischen Regisseur, Intendant und Ensemble. Toll!
Sie dürfen ja auch nicht vergessen, dass in den Probenstadien vieles fehlerhaft läuft, immer wieder korrigieren, und da macht sich eine Sängerin schon angreifbar, wenn sie immer wieder vom Orchesterleiter korrigiert wird, und ich stehe daneben und nehme alles auf - fürs Deutschlandradio. Das waren wahnsinnig intime Momente. Und ich denke, das kann man hören. Ich hatte jedenfalls vorher noch nie eine Oper nur mit Klavierbegleitung gehört, also noch ohne Orchester. Das ist wahnsinnig zart. Da hörst du die ganze Puccini-Liebe.

Und ganz nebenbei: Die Darsteller mussten mir auch glauben. Glauben Sie mir, ich könnte Ihnen skurrile Momente liefern, besonders aus den Zeiten nach den anstrengenden Durchlaufproben. Da muss anscheinend alles raus bei den Darstellern, da fallen sehr viele Hemmschwellen. Naja, ich behalt's aber für mich. Diese Töne bleiben unter Verschluss.

Deutschlandradio Kultur: Wie viel Material hatten Sie schließlich auf Band?

Jens Schellhass: 80 Stunden. Das Problem war: Du kriegst die Einwürfe des Regisseurs oder des Orchesterleiters, die Sorgen, die Fragen der Sänger, eine aussagekräftige Atmosphäre während der Proben nicht auf Abruf. Also lässt du immer laufen, wenn du denkst: jetzt passiert's gleich. Und dann passiert's eben doch noch nicht. Und dann sitzt du da am Ende vor einem Haufen Material wie vor einem Heuhaufen, aus dem du die Stecknadeln fischen musst, sehr, sehr viele, hübsche Stecknadeln. Und was wirklich spannend war: Je näher der Termin der Premiere rückte, umso intensiver brannte die Luft. Alle waren nervös. Ein Sänger war wegen Krankheit ausgefallen und musste von jetzt auf gleich ersetzt werden, plötzlich ging das Konzept nicht mehr auf, sodass bis an den Premierentag Änderungen geprobt werden mussten - nicht ganz ohne Widerstand der beteiligten Sängerinnen und Sänger. Alle waren nervös - keine Zeit mehr für ausgedehnte Interviews, aber überall versuchst du dann, deinen Fuß in die Tür zu kriegen - Stunden lang.

Allein fürs Abhören habe ich zwei Wochen gebraucht, um die markantesten Momente herauszufischen.

Luis Olivares Sandoval und Raymond Ayees in "La Bohème", Premiere 26. Januar 2014 am Theater Bremen (Jörg Landsberg)La Bohème (Jörg Landsberg)

Deutschlandradio Kultur: Wer kommt in dem Feature zu Wort?

Jens Schellhass: Der Regisseur, der Orchesterleiter, die Sänger natürlich, aber auch die Werkstätten, der Kinderchor, die Garderobieren. Ich habe versucht, möglichst viele Menschen zu bekommen, ohne dass der Hörer den Überblick verliert, wer nun welche Rolle spielt. Die tragende Figur ist aber Regisseur Benedikt von Peter, nicht zuletzt weil er sich in Gesprächen am weitesten geöffnet hat. Da erfahren wir was über Ängste, über das ausbeuterische System eines Theaters, über Erfolgsdruck und künstlerischen Ausdruck. Das habe ich in der Art noch nie erlebt, dass mir ein Mensch sagt: Ich kann nicht mehr, ich bin fix und fertig, mitten in einer Produktion! Benedikt von Peter hat sich mir vor allem als Mensch gezeigt und nicht als Kultur-Yuppie. Das fand ich beeindruckend.

Deutschlandradio Kultur: Ist diese "Bohème" besonders unkonventionell?

Jens Schellhass: Die Inszenierung wird sehr kontrovers diskutiert. Es gibt Menschen, die finden sie großartig, andere sprechen vom Verfall der Kultur am Bremer Theater. Interessanterweise sind es gerade die Menschen, denen diese "Bohème" gefällt, die unvorbelastet diese Oper sehen. Andere, die zum zehnten Mal eine "Bohème" sehen, sind schnell mal enttäuscht. Sie wollen die Mimì sehen, das Café Momus, aber das gibt es eben nicht, aus gutem Grund. Benedikt von Peter geht davon aus, dass diese vier Bohème-Männer die Liebe nur benutzen, um kreativ zu sein. Sie lieben nicht. Und ich finde, von Peter hat Recht. Kann es wirklich Liebe sein, wenn der Dichter Rodolfo nicht einmal selbst auf die Idee kommt, seiner schwindsüchtigen, frierenden und sterbenden Mimì einen Muff zu besorgen? Ist das wirklich Liebe? Nein. Deshalb spielen da vier alberne Männer auf der Bühne, besprühen sich mit Farbe und Sahne, beschießen sich mit Luftschlangenpistolen und bekämpfen sich am Ende bis aufs Blut. Nix da mit großer Liebe, die ich bislang eigentlich auch immer bei der "Bohème" geliebt und erwartet habe. Das Herz ist raus und das nimmt ein großer Teil des Publikums dem Regisseur sehr übel. Über soziale Netzwerke wie Facebook erreichten das Theater hunderte böse Anfeindungen, richtig übel. Ich hatte nicht geahnt, dass sich theaterinteressierte Menschen wirklich so vulgär und vernichtend äußern. Das ging bis in die rechtsextreme Ecke - würde ich sagen.

Deutschlandradio Kultur: Treten Sie selbst in dem Feature als Sprecher auf?

Jens Schellhass: Selten. Das liegt daran: Ich wollte keine Dokumentation über "La Bohème" in Bremen machen, mit etlichen Beschreibungen. Ich wollte das Experiment wagen, eine eigene "Hörfunk-Oper" zu machen, eine Oper über die Oper. Also nicht große Sachverhalte schildern, sondern ich wollte Atmosphären sprechen lassen, mit denen Bilder im Kopf entstehen. Ich wollte zunächst also ganz ohne Sprecher auskommen. Das hat zu guten Teilen auch funktioniert. Ich habe aber einsehen müssen, dass der Hörer auch Halt braucht. Er muss wissen, wo wir sind. Manchmal erkläre ich also, was zum Beispiel eine "BO" ist, eine Bühnenorchesterprobe, ein Augenblick, in dem das Konzept des Regisseurs eigentlich in Stein gemeißelt ist, weil dann auch das Haus aktiv wird, Bühnenbildner, Kostümbildner, Requisite.

Christoph Heinrich, Patrick Zielke, Luis Olivares Sandoval und Raymond Ayers in "La Bohème", Premiere am 26.Januar 2014 am Theater Bremen (Jörg Landsberg) "La Bohème" (Jörg Landsberg)

Deutschlandradio Kultur: Hätten Sie das Feature auch über andere Opern machen können, meinetwegen "Tosca"?

Jens Schellhass: Ja. Mich hat vor allem Benedikt von Peter interessiert. Ich suche mir meine Themen meistens über die Menschen. Die sind das Interessante - egal ob es um kulturelle, soziale oder wirtschaftliche Themen geht. Von Peter ist jetzt 37, und ich glaube, dass wir ihn noch in großen deutschen Theatern erleben werden, wenn er durchhält.

Es ist immer ein bisschen schade, wenn so eine Arbeit zu Ende geht. Ich hatte mich gerade an ihn und sein Ensemble gewöhnt. Aber wir sind eben alle nur Bohemiens, heute hier, morgen da ...

Nichtsdestotrotz, ich hoffe, mit "Mimìs Muff" einen Spiegel seiner Arbeit abgeliefert zu haben, in dem er sich wiederfindet, aber auch die Kritiker des Regietheaters sich finden können. Ich habe nicht bewertet, sondern beobachtet. Und es ist nun mal so: Ich mag ihn.

Das Gespräch führte Sven Crefeld

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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