Freistil, vom 17.05.2020, 20:05 Uhr

Segen und Fluch einer UntätigkeitSitzen ohne Ende

Wir sitzen ständig: Bei der Arbeit, im Zug, auf dem Amt, überall heißt es: Setzen Sie sich! Also wird die Wirbelsäule krumm, und Orthopäden schlagen aus unserer Steifheit Kapital. Doch zunächst setzen wir uns ins Wartezimmer. Wie man aber richtig sitzt, lehren uns die Rückenschulen. Und die Stuhlindustrie erfindet immer pfiffigere Modelle, die das aktive Sitzen fördern.

Mehrere ältere Personen sitzen am 31.05.2016 auf einer Parkbank im Schlosspark Pillnitz (Sachsen). Foto: Arno Burgi (picture alliance / ZB / Arno Burgi)
Richtiges Sitzen ist für einen funktionierenden Rücken eine Grundvoraussetzung. (picture alliance / ZB / Arno Burgi)

Damit aber kann ein Mann, der 20 Jahre in Isolationshaft gesessen hat, wenig anfangen. Oft ist er in der Zelle auf und ab gegangen, weil er es anders nicht ausgehalten hat. Politiker gehen da ganz anders ran: Sie bevorzugen das Aussitzen, Helmut Kohl war ein Meister darin.

Außerdem ist Sitzen auch Ausdruck von Behaglichkeit. Man richtet sich ein, um gemütlich zu verweilen. Es gibt aber auch das aktive Aussitzen: Engagierte Geister versuchen mit Sitzblockaden durchzusetzen, dass Brennstäbe nicht transportiert oder keine Studiengebühren erhoben werden. Dabei sitzen die Demonstranten meist unbequem auf dem Boden. Wie man dort aber entspannt und gesund sitzt, lehren uns die Asiaten: Sie verharren stundenlang im Schneidersitz, ihre Mönche meditieren dabei und gehen anschließend locker und gelöst fort. Sie haben die Probleme der Welt ausgesessen.

Fußballtrainer kommen gar nicht dazu, es sich bequem zu machen. Ihr Stuhl wackelt ständig, und überhaupt laufen sie lieber die Coaching-Zone auf und ab. Irgendwann werden sie beurlaubt - und wechseln die Trainerbank. Denn ganz ohne Sitzen geht's einfach nicht.

Dreierpack (2/3)
Sitzen ohne Ende
Segen und Fluch einer Untätigkeit
Von Dieter Jandt

Regie: Uta Reitz 
Es sprachen: Karlheinz Tafel, Thomas Lang, Michaela Breit und Claudia Mischke
Ton und Technik: Michael Neubert
Redaktion: Klaus Pilger
Produktion: Dlf 2013
(Teil 3 am 24.5.2020)

Dieter Jandt wurde 1954 in Remscheid geboren und hat dort vieles nicht geschafft. Erich Ribbeck verleidete ihm Mitte der 1960er Jahre als Sportlehrer am Gymnasium den Fußball. Überhaupt lief es in der Schule keinesfalls rund. Das Schreiben schien ihm zunächst wesensfremd, und die Mutter verfasste für ihn manchen Schulaufsatz. Nach der Schule Jobs: Taxi- und Getränkefahrer, LKW-Planen-Aufleger, Bezirksleiter für Zeitungsboten. Dann aber doch erste Schreibversuche. Als Seiteneinsteiger gelangte Dieter Jandt zum Hörfunk, Sparte Feature. Und dann sogleich mit scheinbar trockenen Themen wie "Selbstgespräche" und "Staub". Aber nicht von der Mutter geschrieben. Glück, Neid, Ekel, Ferne, Lärm - mit all diesen scheinbar eher abstrakten Dingen hat sich Jandt in seinen Features befasst: Höchst lebendig und sehr konkret! Und oft mit einer großen Prise Humor und Lebensweisheit.

Sitzen ohne Ende. Segen und Fluch einer Untätigkeit (PDF)

Sitzen ohne Ende. Segen und Fluch einer Untätigkeit (Textversion)

Abonnieren Sie unseren Newsletter!