Hörspielmagazin, vom 29.10.2018

Hörspielkritik Die Hörspielpremieren im November

Ein Turm aus vielen Radios gebaut (Unsplash/Ryan Stefan)
Ein Radio-Turm (Unsplash/Ryan Stefan)

Die Hörspielpremieren im November.
Eine kritische Auswahl von Stefan Amzoll.

"Desperados oder Hitler geht ins Kino" von Rudolf Herz und Julia Wahren
"Sorbás unter Sternen" von Wolf Reiser
"Mit diesen Händen" von Helmut Oehring

Stefan Amzoll:

Drei eben produzierte Hörspiele sollen in Rede stehen. "Desperados oder Hitler geht ins Kino" als erstes. - Schon wieder ein Hitler? Den hatten wir doch gerade, in Chemnitz und anderswo. Die Figur boomt. Sie boomte schon immer, denn der Nazidreck verschwand nimmer.

Nun betrachten wir an dieser Stelle Hörspiele, die es besonders lohnen, angehört zu werden. Solche, die einen kritischen Impuls haben und die Verhältnisse nicht bestätigen, wohl aber ihnen den Stempel aufdrücken. Das Hörspiel "Desperados oder Hitler geht ins Kino" gehört zu diesen Stücken. Sein Ausgangspunkt:

Die Zeit vor 100 Jahren, als SPD-Führer, Regierungsbehörden und Militärs, unterstützt von Großindustrie und Hochfinanz, die Novemberrevolution strangulierten.

Ein Mann in den Kinoreihen, der den Stummfilm "Desperados" gesehen hat, mit Namen Hitler? Von daher entwickelten die Münchner Künstler Rudolf Herz und Julia Wahren die Geschichte ihres Stücks.

(...)

Das zweite Hörspiel, etwas ausführlicher betrachtet, heißt "Sorbás unter Sternen" und stammt von Wolf Reiser.

"Sorbás unter Sternen" hat der RBB jetzt mit exzellenten Stimmen und O-Tönen produziert. Gewiss, da berührt sich manches mit dem legendären Film "Alexis Sorbas" von Michalis Cacoyannis. Unvergessen Anthony Quinn in der Hauptrolle. 1965 in Europa erstmals gezeigt, sprengte der Streifen alle Kassen. Zu sehen war mit Sorbás ein Energiebündel, ein Pulverfass an Leidenschaft. Sein "Sirtaki"-Tanz in qualmiger Umgebung faszinierte eine halbe Welt.

Das Stück erzählt die "wahre Begegnung" zwischen dem Schriftsteller Nikos Kazantzakis und dem "echten" Sorbás, wie sie sich vor hundert Jahren am Kalógria Strand von Stoupa abgespielt hat.

(...)

Das dritte und letzte Radio-Werk, das ich Ihnen vorstellen möchte, heißt "Mit diesen Händen", ein Autorenhörstück, das der Berliner Komponist, Autor und Regisseur Helmut Oehring für den SWR produziert hat.

Das Stück ist eminent aktuell. Es handelt von keinem geringeren als dem Schriftsteller Heinrich Böll, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr begangen wurde. Böll hielt die Freiheit der Kunst höher als seine Romane. 1966 schrieb er:

"Was die Kunst braucht, einzig und allein, ist Material – Freiheit braucht sie nicht, sie ist Freiheit; es kann ihr einer die Freiheit nehmen, sich zu zeigen – Freiheit geben kann ihr keiner; kein Staat, keine Stadt, keine Gesellschaft kann sich etwas darauf einbilden, ihr das zu geben oder gegeben zu haben, was sie von Natur ist: frei."

Diese markanten Sätze bilden das Gerüst der Sprach-Klang-Produktion aus Stimmen, Kinderstimmen, diversen O-Tönen Bölls, Atemgeräuschen, Fermaten, Schaltstößen, Stiefelschritten und den Hör-Raum ausschreitenden Partien des Ensembles Musikfabrik.