Hörspiel, vom 04.07.2020, 20:05 Uhr

Hörspiel des MonatsTürken, Feuer

Von Özlem Özgül Dündar

Auf einmal ist alles anders. Fünf Menschen sterben in einem brennenden Haus - und das ganze Land spricht davon. Ist so was zu fassen?

Ruine des Brandschlags in Solingen Pfingsten 1993 (imago stock&people)
Ruine des Brandschlages in Solingen Pfingsten 1993 (imago stock&people)

Aus der Begründung der Jury:

„Am 29. Mai 1993 zündeten vier junge Männer deutscher Abstammung in Solingen ein Haus an, in dem mehrere Familien türkischer Abstammung lebten. Fünf Menschen kamen durch den Brandanschlag ums Leben, darunter die 27-jährige Gürsün Inçe. Sie opferte sich für ihre dreijährige Tochter, indem sie mit ihr aus dem Fenster sprang und so fiel, dass das Kind überlebte. Im Hörspiel des Monats April 2020 lässt die Autorin Özlem Özgül Dündar, selbst 1983 in Solingen geboren, unter anderem diese Mutter zu Wort kommen und schildert das schreckliche Ereignis aus ihrer Perspektive. Diese intensive Innenschau der Gedankenwelt hat für die Betroffene den Effekt, dass sie nicht in der passiven Opferrolle verharrt, sondern zur aktiv Handelnden wird: das Erzählen als Selbstermächtigung gegen Vergessen, Rassismus, aber auch stereotype Geschlechterrollen. Dem herausragenden Sprecherinnen-Ensemble gelingt es unter der Regie von Claudia Johanna Leist und subtil unterstützt durch die atmosphärische Spannung der Musik von Dirk Dresselhaus, den Toten, den traumatisierten Überlebenden, aber auch der Angehörigen eines mutmaßlichen Täters eine Stimme zu geben. In größtmöglicher Dringlichkeit konfrontiert das Hörspiel sein Publikum damit, wie es den Opfern rassistischer Gewalt ergeht. Anstatt jedoch bei sich selbst zu verharren, treten diese unterschiedlichen weiblichen Stimmen miteinander in Dialog und vollziehen so den Perspektivwechsel, der dieses Stück so herausragend macht.“

Hörspiel des Monats
Türken, Feuer
Von Özlem Özgül Dündar
Regie: Claudia Johanna Leist
Mit Lilay Huser, Marina Galic, Kathleen Morgeneyer, Johanna Gastdorf, Ansgar Sauren, Francesco Schramm und Tula Rilinger
Komposition: Schneider TM (Dirk Dresselhaus)
Produktion: WDR 2020
Länge: 53'28‘‘

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main zeichnet jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten aus. Die Entscheidung über das HÖRSPIEL DES MONATS trifft eine Jury, die jeweils für ein Jahr unter der Schirmherrschaft einer ARD-Anstalt arbeitet. Am Ende des Jahres wählt die Jury aus den 12 Hörspielen des Monats das HÖRSPIEL DES JAHRES.

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