Hörspiel, vom 01.06.2019, 20:05 Uhr

Hörspiel des MonatsHafen

Von Mishka Lavigne

Drei Ereignisse zur selben Zeit: Elsies Mutter, die berühmte Schriftstellerin Gabrielle Sauriol, verunglückt tödlich bei einem Autounfall. Matt, der auf den Spuren seiner Vergangenheit in Sarajevo war, kehrt zurück nach Ottawa: in eine einsame Wohnung. Außerdem hat sich ein riesiges Loch aufgetan, in der Straße, in der Elsie wohnt. Auf seinem Grund: ein leeres Auto.

Ein Auto in einer Grube (picture alliance / dpa)
In Elsies Straße tut sich ein Loch auf. Auf dem Grund: ein leeres Auto (picture alliance / dpa)

Begründung der Jury der Akademie der Darstellenden Künste:

„Das Hörspiel 'Hafen' von Mishka Lavigne (SR/Deutschlandfunk Kultur, Regie: Anouschka Trocker), ins Deutsche übersetzt aus dem kanadischen Französisch von Frank Weigand, schildert in ironisch-lakonischer Sprache einen dramatischen Bewältigungs- und Selbstfindungsprozess zweier Protagonisten:
Elsies Versuch, den tödlichen Autounfall ihrer berühmten (Schriftsteller-) Mutter zu bewältigen, und Matts Streben danach, sich seiner Herkunft aus Bosnien zu vergewissern.
Die perfekt ineinander verschränkten Parallelgeschichten (vor allem das scheinbar zufällige Aufeinandertreffen von Matt und Elsie) mit Sarajevo als Referenzpunkt bzw. Motiv erzählen von unbewältigten Verlusterfahrungen und der tastenden Suche nach einer Zukunftsperspektive. Metaphorisch geschickt inszeniert die Autorin diesen Prozess über das surreale Mittel eines Kraters, der sich unvermittelt in Elsies Straße aufgetan hat.
Das intelligent konstruierte Hörspiel überzeugt durch eine Sprache, die bei aller Dramatik stets unprätentiös-realitätsnah bleibt und deren Inszenierung oft mit Gegenschnittvarianten arbeitet: figurales Ich, Dialoge, Off-Kommentare, Spiel mit Hintergrundgeräuschen zur Verdopplung, harte Gegenschnitte zur Verstärkung von Selbst- und Fremdwahrnehmung.
Die musikalischen Interpunktionen von Bo Wiget beeindrucken einerseits durch ihre idiomatische Selbstständigkeit und unterstützen anderseits die Erzählhandlung in markanter Weise. Die herausragende schauspielerische Qualität der beiden Sprecher hebt zudem dieses Hörspiel auf ein außerordentlich hohes Niveau.“

Hörspiel des Monats
Hafen
Von Mishka Lavigne
Aus dem kanadischen Französisch von Frank Weigand
Regie: Anouschka Trocker
Musik Bo Wiget
Mit Tanja Schleiff und Nico Holonics

Produktion: SR/Dlf Kultur 2018
Länge: 85'59‘

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main zeichnet jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten aus. Die Entscheidung über das HÖRSPIEL DES MONATS trifft eine Jury, die jeweils für ein Jahr unter der Schirmherrschaft einer ARD-Anstalt arbeitet. Am Ende des Jahres wählt die Jury aus den 12 Hörspielen des Monats das HÖRSPIEL DES JAHRES.