Hörspielmagazin, vom 29.12.2020, 20:23 Uhr

Ein kritischer Audiowalk rund um das Berliner SchlossHumboldt Forum pre-visited

Das Humboldt Forum ist offiziell teileröffnet, doch ins Schloss kommt man noch nicht. Für Interessierte bieten Lorenz Rollhäuser und Deutschlandfunk Kultur aber schon einmal einen Blick hinter die Schlossfassaden - in Form eines Audiowalks, der die inoffizielle, koloniale Geschichte des Orts erzählt.

Das Humboldt Forum im wiederaufgebauten Berliner Schloss am Schlossplatz kurz vor der digitalen Teileröffnung. (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)
Der Audiowalk "Große Geste Weiße Welt" ermöglicht einen Blick hinter die prächtigen Fassaden des Humboldt Forums im wiedererrichteten Berliner Schloss. (picture alliance / dpa / Fabian Sommer)

Kopfhörer auf, GPS an! Station eins:

Einspielung Audiowalk: "Herzlich willkommen." - "Schauen Sie sich um. Was sehen Sie?"

Die Fontäne in der Mitte des Lustgartens. Den Berliner Dom. Das Alte Museum. Die Straße Unter den Linden, und dahinter: das neu aufgebaute Berliner Stadtschloss in all seiner Pracht aus früheren Jahrhunderten.

Einspielung Audiowalk: Verteilt um das Schloss liegen akustische Miniaturen. Sie können ihnen folgen. Entgegen dem Uhrzeigersinn um das Schloss herum. Sie können die Hörminiaturen auch auf dem Display Ihres Handys sehen. Schlendern Sie, ich werde Sie dabei ein wenig an die Hand nehmen.

In insgesamt 15 Stationen blicken wir von allen Seiten auf die Schlossfassade und lauschen unterschiedlichen Stimmen. Wir hören Geschichten, die unweigerlich mit diesem Ort zu tun haben, mit dem Schloss oder mit dem Humboldt Forum – dem Museum, das für das Schloss konzipiert wurde. Und je länger wir zuhören, desto mehr fängt das Bild der prunkvollen Fassade an zu bröckeln… Die Macher des Humboldt Forums jedenfalls werden von diesem Audiowalk nicht begeistert sein – denn das, was Feature-Autor Lorenz Rollhäuser den Hörenden bietet, ist genau das: eine Gegenerzählung zur offiziellen Version.

Einspielung Audiowalk: Eins gleich vorweg: Es geht mir nicht um Ausgewogenheit. Was vor gut 20 Jahren, als ein paar ältere Herren den Einfall hatten, das wiederaufgebaute Hohenzollern-Schloss mit Objekten aus aller Welt zu füllen, um es zum Museum der sogenannten Weltkulturen zu erklären – was damals noch auf geringen Widerspruch in der Öffentlichkeit traf, wäre heute undenkbar, und schon gar nicht durchsetzbar. So viel hat die Diskussion der deutschen Kolonialgeschichte jedenfalls erreicht.

Im Namen der Brüder Humboldt sollen also Objekte aus aller Welt gezeigt werden. Insbesondere die ethnologischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Problem: Ein großer Teil der Objekte ist während der deutschen und europäischen Kolonialzeit nach Berlin gekommen. Die Umstände, wie sie nach Europa kamen, und: ob sie wirklich – rechtlich und moralisch – in Preußischem Kulturbesitz sein dürften, sind fraglich und hoch umstritten.

Einspielung Audiowalk:

Musik/Gesang

Sprecher Lorenz Rollhäuser: Für manche Vertreter der Herkunftsgesellschaften ist das heutige Beharren der westlichen Museen auf dem Besitz, den sie sich zu Kolonialzeiten angeeignet haben, schwer zu verstehen. Vor allem, wenn das Objekt gegen den Willen der Menschen vor Ort entwendet oder geraubt wurde und hier in Lagern verstaubt, ohne dass jemand ein größeres Interesse daran zeigen würde. So geht es Gad Shinui, einem Berliner aus Kamerun, Angehöriger des Volkes der Nzo im Nordwesten des Landes.

Gad Shinui: So why do you come to Nzo and take our statue? - Was wollt ihr mit unserer Statue in Dahlem, die uns so wichtig ist? – And the most unfortunate thing is that this statue is no more in the exhibition. It is kept in the basement, locked in the basement! [Because they know that there is the haunt for this statue.] When I looked at some of these things, then when I hear people say, colonialism is over, I ask myself: How is colonialism over? – Das zeigt doch nur, dass der Kolonialismus nicht vorbei ist. – We are still colonized! Because you still have things from colonial times! And then you tell me that colonialism is over?! (Stimme überschlägt sich) I wonder, I truly wonder…

Musik/Gesang

Lorenz Rollhäuser: Also, ich glaube, am meisten überrascht mich nach wie vor, wie die Museen oder ein Teil der Museen und insbesondere die Stiftung Preußischer Kulturbesitz doch, obwohl es nicht mehr so deutlich gesagt wird, mit allen Mitteln versuchen, den Status quo zu verteidigen und alles dafür zu tun, dass die Objekte möglichst lange hier bleiben. Und Prozesse der Rückgabe, des Verhandelns zu verzögern. Und so Pseudo-Arrangements mit Herkunftsländern zu treffen, die man dann immer groß ins Feld führen kann: Wir haben einen Benin-Dialog. Wir sind doch mit Tansania im Gespräch und wollen da was machen. Aber de facto läuft es bisher darauf hinaus, dass alle Objekte hier bleiben.

Einspielung Audiowalk:

Schlendern Sie ein wenig am Ufer weiter und lauschen Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz:

Hermann Parzinger: Dieser Ort wird zur Selbstvergewisserung in einer global vernetzten Welt beitragen. Die Welt wird sich hier betrachten können und die Welt braucht solche Orte. Die Kulturen der Welt werden zu Teilhabern eines der vornehmsten Plätze Deutschlands.

Ein Vorzeigeplatz Berlins mit einem Schloss, dessen Rekonstruktion 644 Millionen Euro gekostet hat und das jährlich weitere 60 Millionen Euro im Erhalt kostet. Lorenz Rollhäuser:

Lorenz Rollhäuser: Was völlig vergessen wird, ist die europäische Stadt. Der Reichtum der europäischen Städte verdankt sich dem Kolonialismus. Es war der Kolonialismus, der diese Städte so reich gemacht hat. Und wenn das nicht gesehen wird und akzeptiert wird und ernst genommen wird, dann spaltet man einen ganz wichtigen Teil der Geschichte weiterhin ab.

"Große Geste Weiße Welt" ist ein Audiowalk aus der Reihe Radioortung von Deutschlandfunk Kultur. (Deutschlandfunk Kultur / Sebastian Wagner)Der Audiowalk "Große Geste Weiße Welt" lässt kritische Stimmen zum Humboldt Forum zu Wort kommen. (Deutschlandfunk Kultur / Sebastian Wagner)

Einspielung Audiowalk:

Sprecher Lorenz Rollhäuser: Nach wie vor vermeidet die deutsche Regierung klare Aussagen zum Völkermord an den Herero und Nama. Sie lehnt Forderungen nach Reparationen ab und verhandelt, wenn überhaupt, dann nur mit der Regierung Namibias, nicht mit Nachkommen der Opfer. Dagegen protestieren sie immer wieder, wie hier 2017 direkt vor dem vor dem Schloss als dem neuen Symbol deutscher Kolonialgeschichte.

Proteststimmen Herero und Nama: We are here! Angela Merkel! We are here! Genocide! The Germans they killed us!

Sprecher Lorenz Rollhäuser: Das immerhin ist der Erfolg des Humboldt Forums. Deutschland kann sich nun nicht mehr der Auseinandersetzung mit seiner Kolonialgeschichte entziehen. Dafür ist der Platz in der Mitte der Hauptstadt tatsächlich zu prominent.

Eine gute Stunde dauert der Audiowalk rund um das Humboldt Forum. Je mehr Stimmen man hört, desto mehr Tonspuren, desto mehr Perspektiven legen sich über den eigenen Blick.

Bonaventure Ndikung: Es könnte das wichtigste Projekt Europas sein, wenn man die richtigen Leute an Bord hätte und ein Konzept dafür hätte.

Grada Kilomba: Wir sind tatsächlich nicht in der Gegenwart. Wir reinszenieren die Vergangenheit…

Tag der offenen Baustelle: Mein Großvater war bei der kaiserlichen Garde. – Meine Mutter hat ja beim Kaiser gekocht, musste se auch ertragen. – Also ein bisschen weniger Aggressivität gegen Preußen wäre angebracht. – Traditionell und von der Geschichte her und so… - ja, ‘n bisschen Tradition!

Grada Kilomba: Wir reinszenieren die Vergangenheit… und so kommen wir in der Zukunft nie an.

Einspielung Audiowalk:

Musik

Sind Sie beim Schloss-Center angekommen? Dann ziehen Sie jetzt bitte Ihre Mund Nase Bedeckung auf und gehen Sie hinein…

Vorletzte Station, uns erwartet die Noa K. Ha, Stadtforscherin und Expertin für Dekolonisierung:

Einspielung Audiowalk:

Gesang: What goes up, must come down!

Noa K. Ha: Das Gebäude mit dem Inhalt, mit dem ganzen Prozess ist eigentlich eine Rekolonisierung, eine koloniale Geste… Daher denke ich: Das Humboldt Forum sollte man abbauen. Und das als Anfangspunkt eines Prozesses der Dekolonisierung begreifen.


"Große Geste Weiße Welt" - Ein Radioortung-Audiowalk von Lorenz Rollhäuser und Deutschlandfunk Kultur. Vorgestellt von Sarah Murrenhoff.


Radioortung - Hörspiele für Selbstläufer | Große Geste Weiße Welt
(Deutschlandfunk Kultur)


How to... Radiowalk - Mehr Infos zum Radioortung-Projekt: www.hoerspielundfeature.de/radioortung

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