Das Feature, vom 27.07.2021, 19:15 Uhr

Der unwahrscheinliche Weg der Angela M.Merkel-Jahre (3/6) – Eins und eins

Angela Merkel, nun Chefin der CDU, wird bald als „Physikerin der Macht“ beschrieben, als stille Kraft, die alles „vom Ende her“ denkt. Der lärmenden Boy-Group des Noch-Kanzlers Gerhard Schröder setzt sie ihr stilles „Girls Camp“ entgegen. Der Erfolg kommt schneller als erwartet.

epa00580166 Outgoing German Chancellor Gerhard Schroeder of the Social Democrats (SPD) congratulates new elect German Chancellor Angela Merkel (L) of the Conservatives (CDU) in Berlin, Germany, Tuesday 22 November 2005. Merkel was elected with the majority vote of the parliament. EPA/Peer Grimm (picture alliance / dpa | Peer Grimm)
Gerhard Schröder gratuliert Angela Merkel zur Kanzlerschaft (picture alliance / dpa | Peer Grimm)

Sie hat Edmund Stoiber den Vortritt bei der Kanzlerkandidatur gelassen. Er verliert knapp. Nach der Wahl 2002 experimentiert Angela Merkel als neue Oppositionschefin damit, der Christenunion ein neues Gesicht zu geben. Auf einem Parteitag in Leipzig inszeniert sie sich als eine Art Margaret Thatcher light, mit deutlich neoliberaler Programmatik.

Doch bei der Wahl 2005 fährt die CDU ein miserables Ergebnis ein: 35,2 Prozent, weit unter allen Erwartungen. Für ein Bündnis mit der FDP reicht es nicht. Merkel rollt die Fahnen ihrer "neuen sozialen Marktwirtschaft" ein, schmiedet ein Bündnis mit der SPD und zieht als erste Frau ins Kanzleramt.

Ihre nüchterne, am Detail schraubende Art wird stilprägend für die deutsche Politik. Schon bald aber werden auch Klagen über einen Mangel an politischer Debatte, ein "neues Biedermeier", eine um sich greifende "Lethargokratie" laut. Das ändert sich auch nicht, als es vier Jahre später doch noch zur Wunschkoalition mit der FDP kommt.

Im Regierungsalltag tun sich viele Konflikte mit den ganz auf Steuersenkungen fokussierten Liberalen auf. Nach vier Jahren verschwindet die eben noch enorm erfolgreiche FDP aus dem Bundestag. Auch in der CDU wünscht sich mancher mehr konservativen Kampfgeist, sehnt sich nach dem "großen Wurf". Doch Merkels Kanzleramtsmaschine stampft weiter wie bewährt.

Zeitzeugen: Edmund Stoiber, Ex-CSU-Chef und Kanzlerkandidat; Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Ex-FDP-Justizministerin; Franz Müntefering, Ex-SPD-Chef und Vizekanzler u.a.

Bildergalerie "Making Of""Man bekommt ein Bewusstsein dafür, dass nicht immer alles glatt läuft im Leben" - Diakon Wolfgang Seyfried, bis 2016 Leiter des Templiner Waldhofs.Diakon Wolfgang Seyfried im Gespräch mit Autor Stephan Detjen"Ihre Klugheit war herausstechend.“ - Hans-Ulrich Beeskow, Organisator des „Kasi“, des "Kreisklubs junger Mathematiker" in Templin, zu dem auch Angela Kasner zählte."Sie ist ein sehr vorsichtiger Mensch und ein sehr realistischer Mensch.“ - Merkel-Biographin Jacqueline Boysen mit Autor Tom Schimmeck"Hat sie ja auch nie behauptet, dass sie ein widerspenstiges Wesen in der DDR gewesen ist." Pfarrer Rainer Eppelmann am ehemaligen Grenzübergang Bornholmer Straße"Wenn Du schon hier bist, denn musst Du auch ’n Schnaps mit uns trinken." - Fischer Acki Bull erinnert sich an Angela Merkels ersten Besuch im November 1990."Ja, Sie merken, ich bin da eher positiv gestimmt." - Sabine Leutheusser-Schnarrenberger"Das war ja ein Schock für den Rest. Was soll die denn da? Kann die das überhaupt? Denn das war ja das Mädchen. Kann die das? Für solche Überraschungen war Kohl oftmals gut." - Rita Süssmuth"Wir haben uns gut verstanden, auch wenn sie es selber hätte werden wollen… " - Edmund Stoiber über das Frühstück in Wolfratshausen 2002."Sie kann sich ja über Männer lustig machen. Es war so diese Zeit, wo man diese bunten Westen trug, die Männer, vor 15 Jahren oder wann das war. Hat sie sich eine halbe Stunde drüber amüsiert, die Männer als Gockel, die so rumlaufen." - Elmar Brok"Wir wussten beide, was zu sagen war. Wir haben keine Zettel in der Hand gehabt. Beide sind wir in der Lage, Sätze hinzukriegen mit Subjekt, Prädikat, Objekt." - Peer Steinbrück zur Bankenkrise 2008.Die Autoren Tom Schimmeck und Stephan Detjen im Studio

Merkel-Jahre
Der unwahrscheinliche Weg der Angela M.
(3/6) Eins und eins
Feature-Serie von Stephan Detjen und Tom Schimmeck

Ton und Regie: Tom Schimmeck
Es sprachen: Annette Burchard, Stephan Detjen und Tom Schimmeck
Redaktion: Wolfgang Schiller
Produktion: Deutschlandfunk 2021

Stephan Detjen, 1965 in Bayreuth geboren, ist Chefkorrespondent des Deutschlandradios und leitet das Hauptstadtstudio in Berlin und das Studio Brüssel. Von 1997 bis 1999 war der Jurist und Historiker rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Als Buchautor hat er sich mit Fragen des Verfassungsrechts und der politischen Öffentlichkeit beschäftigt. Die Kanzlerin Angela Merkel beobachtet er von Anfang an aus der Nähe.

Tom Schimmeck, 1959 in Hamburg geboren, arbeitet seit 1979 als politischer Journalist für Presse und Hörfunk. Über Helmut Kohls ersten Wahlsieg 1983 berichtete er aus Bonn. Seit 2004 macht er Radiofeatures für den Deutschlandfunk und die ARD. Seine Arbeit wurde u.a. mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Ernst-Schneider-Preis, dem Schweizer Featurepreis, dem RIAS-Radiopreis und dem Alternativen Medienpreis ausgezeichnet.

Feature-Serie "Merkel-Jahre - Der unwahrscheinliche Weg der Angela M."

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