Das Feature, vom 08.12.2020, 19:15 Uhr

Der Brand in Moria und das Versagen EuropasLesbos außer Kontrolle

Von Martin Gerner

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria kämpfen im neuen Lager Kara Tepe Tausende um ihre Rechte und ums Überleben. Gewalt entlädt sich zudem zwischen radikalen Inselbewohnern und humanitären Helfern. Dass ein neues Lager unter Ägide der EU die Lösung ist, glaubt niemand. Erneute Katastrophen sind jederzeit möglich.

Griechenland, Moria: Migranten fliehen vor neu ausgebrochenen Feuern mit ihren Habseligkeiten aus dem Flüchtlingslager Moria, nachdem zuvor bereits mehrere Brände das Lager nahezu vollständig zerstört hatten. Vorangegangen waren Unruhen unter den Migranten, weil das Lager nach einem ersten Corona-Fall unter Quarantäne gestellt worden war.  (dpa)
Brand im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos (dpa)

Der Brand im Lager Moria und seine Folgen bündeln wie unter einem Brennglas sämtliche Spannungen auf der Insel: Flüchtlinge fürchten Populisten und Rechte. Rechte und Populisten fürchten die Islamisierung der Insel und greifen Migranten an. Populisten und Behörden attackieren Hilfsorganisation als Helfershelfer der Migranten. Aktivisten zwischen den Fronten sorgen sich um wiederkehrende Gewaltausbrüche zwischen beiden Seiten.

Die Anzahl von NGOs und freiwilligen Helfern auf Lesbos verstärkt dabei die vorhandenen Spannungen. Die Spuren vieler Hilfsgelder verlieren sich, Kontrollinstanzen versagen. Begleitet von kultureller und sprachlicher Verwirrung ist - wie die Protagonisten eindringlich erzählen - Lesbos zu einer Konfliktregion am Rande der EU geworden, die sich aus den anhaltenden Kriegen und Krisen in Nahost speist, mit der Türkei als Zünglein an der Waage.

Bildergalerie für Feature "Lesbos außer Kontrolle"Im Winter sind die Bedingungen besonders hart: ohne Warmwasser, Duschen, Strom. Viele Menschen im neuen Lager waschen sich im Meer - so wie zuvor in Moria (Foto), wo die Verhältnisse ähnlich waren.Azim Malekzada beim Deutsch-Unterricht in der "Wave of Hope School" in Moria. Azim hat in Deutschland gelebt, bevor er nach Afghanistan abgeschoben wurde.Kinder und Erwachsene dursten regelmäßig nach Wasser. 1,5 Liter werden offiziell pro Tag und Person verteilt. Hilfsorganisationen teilen zusätzlich Flaschen aus, was aber immer noch nicht ausreicht.Anstehen nach Essen im provisorischen Lager Kara Tepe. Die Menschen bekommen nachmittags ihr Essen für den ganzen Tag ausgehändigt, in Tüten und als Ein-Mann-Pakete.Manchmal kochen Menschen im Lager an offenen Feuerstellen. Feuer zu machen ist offiziell verboten, weil von Behörden und Lagerleitung erneute Lagerbrände befürchtet werden.Das alte Lager Moria ist fast vollständig abgebrannt. Hier, wo die unabhängige "Wave of Hope School" stand, haben Flüchtlinge andere Flüchtlinge unterrichtet, unter anderem in Deutsch.

Lesbos außer Kontrolle
Der Brand von Moria und das Versagen Europas
Von Martin Gerner

Regie: Matthias Kapohl
Redaktion: Wolfgang Schiller
Produktion: Deutschlandfunk/ORF 2020

Martin Gerner, Feature-Autor für Deutschlandfunk, ARD und ORF, verfolgt seit zwanzig Jahren Kriegs- und Krisengebiete und ihre Mechanismen. Seine Features und Beiträge zur Konfliktanalyse für Hörfunk, Print und Dokumentarfilm sind international vielfach ausgezeichnet. Er ist Fellow am Institut für Medien und Kommunikation Köln.

Abonnieren Sie unseren Newsletter!