Hörspielmagazin, vom 01.06.2021, 20:35 Uhr

Anne Wills ungewöhnlichstes InterviewKunst in die Sendung geworfen

Sie haben keinen festen Sendeplatz, sind maximal 45 Sekunden lang und sie sind ein eigenes Genre der Kunst: die Wurfsendungen im Deutschlandfunk Kultur. In so einer Minihörspiel-Serie hatte Anne Will ihren ersten Hörspielauftritt. Sie interviewt einen mehr als außergewöhnlichen Gast, einen „Gegenwart“.

In "Traumberuf Gegenwart" hat Anne Will ihren ersten Hörspielauftritt. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Überraschende Einsichten in ein ungewöhnliches Berufsbild: Anne Will interviewt einen "Gegenwart". (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)

Wurfsendung "Traumberuf Gegenwart" Nr. 5, "Kurze Ausbildungszeiten":

Journalistin: Herr Wieland, als Gegenwart, da muss man sicher aufpassen, dass man nicht verweilt?
Gegenwart: Sicher, das muss man lernen. Die Ausbildung zum Gegenwart dauert ja auch nicht gerade lang. Das geht meistens nur von jetzt bis hier.
Journalistin: Eher ein Beruf für Spontane?
Gegenwart: Nicht unbedingt, aber man braucht schon irgendwie einen siebten Sinn dafür. Das können sich ja die meisten nicht vorstellen, dass ich als Gegenwart jeden Tag die Ärmel hochkrempel, um loszulassen.
Journalistin: Und was genau lassen Sie dann los?
Gegenwart: Das ist ja die Schwierigkeit bei unserer Arbeit, dass das ständig wechselt, da müssen Sie dann auch immer wieder voll in die Bremse steigen, wenn der Hirsch vor ihnen steht.
Journalistin: Würde es Ihnen etwas ausmachen, einen typischen Gesichtsausdruck zu machen?
Gegenwart: Also, die meiste Zeit ist es eigentlich dieser Ausdruck (Geräusch von Gesichtsschlackern)
Journalistin: Dachte ich mir schon fast.

Genau so abrupt wird dieses kurze Gespräch in das Tagesprogramm von Deutschlandfunk Kultur eingeworfen, einfach so, ohne Titel, ohne Kontext, zwischen Nachrichten und Musik oder zwischen Interview und Kulturtipp. Plötzlich hört man eine Journalistin, die einen "Gegenwart" interviewt. Und man versteht schnell: Hier handelt es sich nicht um ein reales Interview, sondern vielmehr um ein Hörspiel. Das kürzeste Hörspiel der Welt: eine Wurfsendung.

Frank Schültge:

Am Anfang war das Wort.

Jan Theiler:

Das Wort Gegenwart… Genau, das Wort Gegenwart ist mir irgendwann aufgefallen, das ist ja quasi… "Wart" könnte ja auch ein Beruf sein, dass das da drinsteckt in dem Wort Gegenwart. Und dann habe ich irgendwann mal so einen Comic damit gezeichnet. Aber den hat irgendwie keiner gesehen. Ich dachte, ich muss aus dem Wort noch mal was machen. Und jetzt ist eine Wurfsendung daraus geworden.

Frank Schültge und Jan Theiler haben die Wurfsendungs-Serie "Traumberuf Gegenwart" geschrieben und auch im Studio inszeniert – mit Anne Will als Journalistin und dem Schauspieler Lars Rudolph als Gegenwart.

Aufnahmen Studio

Okay, also, von uns aus kann’s. Ihr sagt Bescheid. – Mm-hm. – Okay, dann… Läuft!

Anne Will: Und noch immer bei uns zu Gast ist Herr Wieland.
Lars Rudolph: Absolut.
Anne Will: Herr Wieland arbeitet als Gegenwart.
Lars Rudolph: Das … stimmt so.
Anne Will: Gegenwarte werden heute ja nicht gerade händeringend gesucht.
Lars Rudolph: Mh, leider.
Anne Will: Wie kommt es, dass Sie sich trotzdem für diesen Beruf entschieden haben?
Lars Rudolph: Als ich damals angefangen hatte, war der Bedarf an Gegenwarten sogar noch geringer als heute, aber dann dachte ich mir: irgendeiner muss es ja machen.
Anne Will: Stimmt.
Frank Schültge: Danke… Das war schon mal super. Ähm… erste Ideen, die Jan und ich jetzt hatten: Der Gegenwart, der könnte, finde ich, so ‘n bisschen weniger greifbar sein. So ‘n bisschen wuschiger, so ’n bisschen weniger präsent sozusagen. Weißt Du?
Lars Rudolph: Auch langsamer dann so?
Frank Schültge: Nee, das lieber nicht. Das ist dann ja unser technisches Problem.
Lars Rudolph: Weniger präsent… Ich glaub, dann müsstet ihr mich umbesetzen. Aber ich versuch’s mal!
[Lachen]
Frank Schültge: Ja, präsent… halt ’n bisschen schwerer greifbar, so’n bisschen mehr mit dem Kopf in den Wolken…
Jan Theiler: Abwesend.
Frank Schültge: Also, Anne will versuchen, Dich zu kriegen und Du bist irgendwie da und schon wieder weg. Weißt Du? Dieser Gedanke vielleicht.

Anne Will und Anne Will und Lars Rudolph (als "Gegenwart") bei der Produktion der Wurfsendungs-Serie "Traumberuf Gegenwart" im Studio. (privat)Anne Will und Lars Rudolph (als "Gegenwart") bei der Produktion im Studio. (privat)

Wurfsendungsautor Frank Schültge:

Ich fand super, dass Anne Will Anne Will sein sollte, durfte. Sie ist eben Journalistin. Und sie sucht nach dem, wie’s ist, der Wahrheit, der Realität, den Fakten so… Sie will die Sachen festhalten, denke ich mal, und den Leuten erklären, wie es ist, was ist. Und der Gegenwart, der ist ja, finde ich, genau das Gegenteil, der ist total… also, für mich war der sehr schwer zu greifen, der ist da und gleich schon wieder weg.

Ein "Gegenwart" ist wohl die denkbar schwierigste Figur, um sie festzuhalten und klar zu umreißen. Dieser Gegenwart ist verhuscht, seine Antworten schweben im Raum und werfen mehr Fragen auf als dass sie Erklärungen liefern.

Lars Rudolph:

Ich spiele da jemanden, den es eigentlich gar nicht gibt [lacht]. Gibt’s eigentlich Gegenwart? Das gibt’s doch eigentlich gar nicht, oder? Es ist ja nur ein Wort, um zu versuchen zu beschreiben, was jetzt ist. Aber das ist ja schon gleich wieder weg.

Aufnahmen Studio

Anne Will: Ich bin ‘n bisschen genervt, ne?
Frank Schültge: Ja genau.
Anne Will: Ah, das kann ich sehr gut.
[Lachen.] Okay.
Aufnahme läuft…
Anne Will: Und wir begrüßen heute Herrn Wieland.
Lars Rudolph: Hallo… [Lachen im Regieraum.]
Anne Will: Er arbeitet als Gegenwart.
Lars Rudolph: Kann man so sagen.
Anne Will: Als Gegenwart achten Sie darauf, dass das Unbeständige Bestand hat?
Lars Rudolph: Eigentlich eher umgekehrt. Ich führe Angehäuftes wieder dem Kreislauf zu.
Anne Will: Dann machen Sie doch mal eine typische Bewegung. --- Ich war nicht genervt, ne?
Jan Theiler: Noch nicht so richtig, nee.
Anne Will: Ich war gar nicht genervt!
[Lachen]
Anne Will: Könnt sein, dass ich doch keine gute Schauspielerin bin!?
Jan Theiler: Es war schon alles super, was ihr gemacht habt. Wir können es wirklich ein letztes Mal versuchen. Es ist natürlich jetzt kein klassischer Grund genervt zu sein.
Lars Rudolph: Nee, deswegen finde ich es auch Quatsch, genervt zu sein eigentlich…
Jan Theiler: Na ja, ich meine, doch, sie hat ja erst mal so ‘nen ganz schlauen Satz gesagt, und denkt, sie liegt voll richtig, und Du, Lars, fährst ihr da voll rein, und sagst, das ist völliger Quatsch und daraus resultiert dann eigentlich der Ärger.

Trotz aller Missverständnisse sind die Kurzinterviews für die Autoren und Musiker Frank Schültge und Jan Theiler, die sich im Absurden und im Dadaismus durchaus zu Hause fühlen, ein Beispiel für gelungene Kommunikation.

Frank Schültge:

Ja, weil da auf jeden Fall mehr Räume sich öffnen als in manch anderen Gesprächen, die so geradlinig und linear ablaufen und in Anführungsstrichen sinnvoll sind. Da gehen einfach mehr Türen auf. Also da gehen mehr Assoziationsräume auf, und das ist inspirierend. Das finde ich super. Man ist auch aktiver mit dem Gehirn dabei, wenn man nachdenkt: Hä, wie bitte? Was wurde da jetzt gerade gesagt?

Jan Theiler:

Ja. Man braucht, glaube ich, aber auch so ein bisschen Unzufriedenheit mit den herkömmlichen Formaten, das, was uns als normale Kommunikation verkauft wird.

Genau darum geht es beim Konzept der Wurfsendung: Sie lässt das Kartenhaus der Kontinuität und Logik in sich zusammenfallen, ohne Ankündigung wird man aus der Spur geworfen und muss sich, das eigene Hören, die eigene Denkstruktur völlig neu aufbauen. Man muss gegenwärtig sein.

Anne Will:

Also, ich bin davon überzeugt, dass es sehr gut tut, in der Gegenwart zu sein und nicht permanent festzuhängen bei dem, was vergangen ist. Und sich nicht ausschließlich darauf zu konzentrieren, was vor einem liegt, sondern tatsächlich wirklich in der Gegenwart zu sein. Ob das ein Beruf ist oder ob das nicht ein Anspruch an mich selbst, an jeden von uns, an jede von uns ist. Ja, stell ich mal… lass ich mal dahingestellt.

Die Reihe "Traumberuf Gegenwart" besteht aus insgesamt zehn Minihörspielen. Die einzige Regel dabei: Keine Wurfsendung darf länger als 45 Sekunden sein. Ansonsten sind der Kunst und dem Experimentieren keine Grenzen gesetzt. Und so entstehen Minihörspiele, die skurril sind, witzig, abwegig, dadaistisch, mit Pointe oder ohne, und die ganz auf tiefsinnigen Wortwitz bauen.

Jan Theiler:

Also, ich finde das super, dass das quasi anstatt eines Werbeblocks, dass da so eine Kunst präsentiert werden kann. Das kenne ich von keinem anderen Radio. Das ist wirklich einzigartig, würde ich sagen. Und dass es halt so im normalen Kontext einer journalistischen Radiosendung plötzlich da aufpoppt und eventuell so Zusammenhänge sogar dann entstehen dadurch, dass das so random, zufällig dann ausgewählt wird.

Lars Rudolph:

…sehr absurde, nette, kleine Auszüge der Gegenwart… einer… möglichen Gegenwart. (lacht)

Anne Will:

Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht und finde auch das Wort der Wurfsendung wirklich gelungen. Stelle ich mir auch für mein Leben schön vor, dass das häufiger mal da reingeworfen wird.


Kunst in die Sendung geworfen. Ein Beitrag von Sarah Murrenhoff.


Zur Wurfsendungs-Serie "Traumberuf Gegenwart":

Wurfsendungs-Serie - Traumberuf Gegenwart
(Deutschlandfunk Kultur, Wurfsendung)

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