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Kompressor | Beitrag vom 11.06.2021

ZwischennutzungKreative Freiräume im Berlin der Nachwendezeit

Annette Maechtel im Gespräch mit Massimo Maio

Verwitterte Fassade einer ehemaligen Fischhandlung in Berlin, 1992. (picture-alliance / akg-images / L. M. Peter )
Jede Menge Leerstand, erst einmal keine Verwertungsinteressen: Verwitterte Fassade einer ehemaligen Fischhandlung in Berlin-Köpenick 1992. (picture-alliance / akg-images / L. M. Peter )

In ihrem Buch "Temporäre Räume politisch denken" beleuchtet Annette Maechtel die 90er in Ostberlin, als viele Räume zur Zwischennutzung freistanden. Eine Zeit, in der Stadt auch jenseits von Verwertungs- und Investoreninteressen gestaltet wurde.

Heute ist es kaum mehr vorstellbar, dass es mal eine Zeit gab, in der man in Berlin mit ein paar Gleichgesinnten einfach zum Wohnungsamt gehen und sagen konnte: Wir wollen gerne eine Galerie eröffnen oder eine Künstlerwerkstatt oder einen Klub. Dann schaute die Sachbearbeiterin auf einer Karteikarte nach, wo es gerade freie ungenutzte Räume gab – und dann bekam man diese ohne große Formalitäten für eine kleine Miete oder umsonst.

Das war in den 1990ern im Ostteil der Stadt möglich, wo unzählige Gebäude auf ihre Rückübertragung warteten und für eine sogenannte Zwischennutzung in Frage kamen. Innerhalb von zwei, drei Jahren wurde Berlin auf diese Weise zur "Hauptstadt der Zwischennutzung" und warb bald schon um die New Economy mit "Freiräumen" für Kreative.

Frei von Verwertungsinteressen

In ihrem Buch "Temporäre Räume politisch denken" beleuchtet die Kulturwissenschaftlerin Annette Maechtel die politische Dimension der sogenannten Zwischennutzungen. Denn diese Räume seien ganz eng an die Transformation eines politischen Systems gebunden gewesen, betont sie. Sie hätten einen Zwischenraum begründetet, in dem Eigentumsverhältnisse ungeklärt waren. "Es gab faktisch keine Verwertungsinteressen."

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Der Senat tat diese Entwicklung als "Wildwuchs" ab. Kleine Verwaltungsbeamte und die Bezirke trugen dagegen die Zwischennutzung oft mit und unterstützten sie. Beispielsweise sei Mitte durch Akteurinnen geprägt gewesen, "die in der DDR sozialisiert waren und auch aktiv beteiligt waren an den Veränderungen". Ihr Ziel sei dabei keineswegs eine gewinnorientierte Gesellschaft gewesen. In den künstlerischen kollektiven Strukturen derjenigen, die sich um neue Räume für Galerien oder Klubs bemühten, hätten sie integrative demokratische Konzepte wiedergefunden, für die sie sich interessierten.

Investoren treffen die Entscheidungen

Heute steigen die Mietpreise in der Hauptstadt und es gibt immer weniger Freiflächen. Angesichts dieser Entwicklung ist es Maechtel wichtig, zu betonen: "Um Raum immer weiterzuentwickeln oder veränderbar zu machen, braucht es letztendliche Strukturen, in denen auch Entscheidungen nicht nur von Investoren getroffen werden." Dies sei auch das, "was die Lebensqualität einer Stadt ausmacht, dass sich auch jeder einbringen und Stadt mitgestalten kann". 

Das Berliner Image vom Temporären sei heute jedenfalls zum Großteil nur noch "Stadtmarketing", meint Maechtel. Kulturschaffende forderten deswegen seit vielen Jahren von der Politik, aktiv zu werden. "Weil es eben nicht mehr die Möglichkeit gibt, Raum zu verändern."

(lkn)

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