Seit 15:05 Uhr Tonart
Freitag, 18.06.2021
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Neue Musik | Beitrag vom 08.06.2021

Zwischenmenschliche Berührungen bei Andy IngamellsMusik berührt

Von Julian Kämper

Auf einer Bühne im Freien versuchen sich zwei Spieler von Klebebändern zu befreien, mit denen sie aneinandergefesselt sind (Andy Ingamells)
Wenn Körper aneinanderkleben: „Tape Piece“ von Andy Ingamells und Maya Verlaak (Andy Ingamells)

Der britische Composer-Performer Andy Ingamells setzt zwischenmenschliche Berührung als Mittel ein, um sinnliche Verbindungen zu schaffen: zu Körpern, Alltag, Popkultur – und zum Publikum.

"Musik berührt". Ausgehend von dieser überstrapazierten Metapher und der psychoakustischen Gesetzmäßigkeit, dass mit dem ganzen Körper wahrgenommen wird, widmet sich die Sendung denjenigen Arbeiten von Andy Ingamells, bei denen sich Menschen körperlich berühren. Ganz gleich, ob es sich um Hautkontakt zwischen Performer und Performer oder Performer und Publikum handelt.

Der britische Komponist und Performancekünstler, 1988 in Sheffield geboren, lässt seinen entblößten Körper von Musikern kitzeln und wie ein Instrument bespielen. Er bindet zwei Performende mit Klebeband zusammen und lässt sie auf der Bühne um eine Entfesselung ringen. Oder er lädt das Publikum dazu ein, die Musizierenden – wie im Streichelzoo – anzufassen, um deren Instrumentalspiel zu beeinflussen.

Haptische Vergewisserung

Nachdem der (Künstler)Körper im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer mehr in den Fokus rückte und unabhängig von seiner Funktion als Klangerzeuger selbst als Leib ausgestellt wurde, wird bei Andy Ingamells die physische Präsenz der Bühnenakteure explizit, wenn sich das Publikum eben jener durch Berührung selbst vergewissern kann.

Erotische, abstoßende oder schamhafte Berührungen spielen schon in der Performancekunst der 1960er eine Rolle. Im musikgeschichtlichen Kontext fragt sich daher, wie diese Formen der Berührung klanglich wirksam werden oder per se musikalisch sein können, wie Körperberührungen stimulieren oder klingen.

Da der Mensch von der Haptik-Forschung jüngst zum "homo hapticus" erklärt worden ist, scheint die zwischenmenschliche Berührung ein existentielles Bedürfnis zu sein. Verwunderlich also, warum es im Feld der Neuen Musik so wenig haptische Konzepte gibt. Denn im buchstäblichen Sinne "hautnah" dabei ist man im Konzert für gewöhnlich wohl kaum. Bei Performances von Andy Ingamells kann das schon eher sein.

Über Hemmschwellen
Zwischenmenschliche Berührungen bei Andy Ingamells
Von Julian Kämper

Produktion: Dlf Kultur 2021
Sprecher: Markus Hoffmann, Julian Kämper

Mehr zum Thema

Sergey Shabohin / Christoph Ogiermann - Praktiken der Unterwerfung
(Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 27.05.2021)

Timo Kahlens haptische Klangskulpturen - Flauschige Objekte auf glatten Screens
(Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 13.04.2021)

Der Bremer Komponist Uwe Rasch - Studie über Abstürze
(Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 19.11.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur