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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.01.2009

Zwischen Utopie und Gewalt

Ausstellung "MAN SON 1969" in der Hamburger Kunsthalle

Von Anette Schneider

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Die Ausstellung "MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation" blickt auf die 60er-Jahre zurück, auf die Utopien von damals und auf das, was aus ihnen geworden ist. Als Ausgangspunkt für die Betrachtungen dient der Kriminelle und Sektenführer Charles Manson.

1969 - das waren Vietnamkrieg und Woodstock. Die Mondlandung und Morde, die der größenwahnsinnige Charles Manson Mitglieder seiner Manson-Family ausführen ließ. - 1968 ist abgefeiert, und so suchten die Kuratoren Frank Barth und Dirck Möllmann offenbar nach Eckdaten des Jahres 69, an denen sich bestimmte gesellschaftliche Widersprüche und Entwicklungen des Jahrzehnts verdichten, und zu einer Ausstellung machen ließen. Dirck Möllmann:

"Für mich ist es eine Ausstellung, die sich mit den Utopien, die in den 60ern eine Rolle gespielt haben, auseinandersetzt. Diese Kombination, sich mit einem Schwerverbrechen, einer technischen Großleistung und einer sich verändernden Popkultur auseinanderzusetzen, ist der Reiz für mich gewesen. Und natürlich die Frage: Warum heute?"

Natürlich, weil viele der damals aufgeworfenen Fragen heute noch immer nicht gelöst sind. So geht es in der Ausstellung um angepasstes und unangepasstes Verhalten, um herrschende Ordnung und Gewalt, um das, was Freiheit ist - damals wie heute. Und es geht um eine befremdliche Ausgangsthese der Kuratoren, die Widerstandsformen wie APO, Friedensbewegung oder wilde Streiks ignorieren und stattdessen einen Charles Manson als Inbegriff der 60er-Jahre wählen, in dem sich, so Dirck Möllmann, die Rohheit der Zeit - mit Vietnamkrieg und dem neuen Massenmedium Fernsehen - mit Aussteigertum vereinen würden.

"Wir machen diese Ausstellung - wir haben das mal genannt Ambivalenz des Schreckens - schon auch, weil uns solche zweideutigen, mehrdeutigen Figuren natürlich interessieren. Im Jahr 69 ist im Grunde genommen eine Wirklichkeit erprobt worden, was vorher als Utopie - mit den 68er Barrikadenkämpfen - als Versprechen in der Luft hing. Und solche Ideen hat dann auch Charles Manson für sich gelöst, die umgeschlagen ist in eine Situation des Schreckens. Und das ist ein bisschen die verborgene Frage: Was ist an diesen Utopien eigentlich schief gegangen?"

Die bauchgesteuerte Hippiebewegung der USA als Inbegriff gesellschaftlicher Utopie? Der Zuhälter, Vergewaltiger und Rassist Charles Manson, der 1967 mit jungen Mädchen die Hippie-Sekte "Manson-Family” gründete, deren Mitglieder zwei Jahre später auf seine Anweisungen hin mehrere Morde begingen, als exemplarisches Beispiel für Aussteigertum und dessen Scheitern? Als Beispiel für Unangepasstheit, die brutal enden muss?

Eine Fotoserie aus der eigenen Sammlung scheint diese Behauptung stützen zu wollen: In ihr zeigt Astrid Proll 1969 Andreas Baader und Gudrun Ensslin kurz vor ihrem Weg in die Illegalität. Wie anders kann diese Arbeit in der Ausstellung gemeint sein, wenn nicht als Gleichsetzung von Manson und den späteren RAF-Gründern?

Glücklicherweise haben die 35 jungen Künstler und Künstlerinnen, die zum Teil eigens für die Ausstellung Arbeiten schufen, wenig Interesse an solchen ebenso platten wie falschen Analogien. Vielmehr fragen sie nach den damals herrschenden Verhältnissen.

"Es gibt sehr viele Installationen, die mit den Besuchern tatsächlich etwas machen. Es ist nicht eine kontemplative Haltung. Ein einfach schön finden. Sondern es wird tatsächlich auch ein Stückweit von den Besuchern etwas abverlangt. Dass man etwas erlebt hat, dass man eine Erfahrung macht, das ist vielfach bei der Auswahl der Künstler, hat das eine große Rolle gespielt."

Viele spüren die Widersprüche von einst auf, die noch immer die heutigen sind. Sie beschäftigen sich mit dem Aufeinanderprallen von gesellschaftlicher Ordnung und Utopien, untersuchen Formen herrschender Gewalt, fragen, was aus alternativen Lebensmodellen geworden ist. Dellbrück und Demoll machen dies nicht ohne Ironie: Nach dem Motto "Jedem Aussteiger sein Eigenheim” zeigen sie große, auf Wandtapete gezogene Fotos von Baumhäusern und ungewöhnlichen Hütten - Aussteiger-Wohnmodelle aus Kopenhagens Christiania.

Stefan Hunstein präsentiert drei große Fotografien in der christlichen Form des Tryptichons: Die Landung auf dem Mond. Das Gesicht Mansons mit eintätowiertem Hakenkreuz auf der Stirn. Ein Popkonzert von 1969, auf dem ein Farbiger von einem Ordner der Hells Angels erstochen wurde. Form und Bilder lassen Assoziationen zu über Rassismus und eine Ordnung, in der zwar Menschen auf den Mond fliegen können, auf der Erde aber nicht fähig oder willens sind, menschliche Verhältnisse zu schaffen.

Und Stephan Micheel führt in einer fünfteiligen Fotoarbeit vor, wie Herrschende ihre Sicht der Dinge als die gültige festschreiben: verborgen hinter einer weißen Wand mit fünf Spionen muss man wie ein Gefängniswärter durch die Linsen blicken, um dahinter Fotos von Ulrike Meinhoffs Grabstein zu sehen. Der wurde nach ihrem Tod auf Anweisung von Regierung und Kirche umgekehrt auf die Erde gelegt, um sie so als Selbstmörderin zu kennzeichnen.

Eine der eindringlichsten Arbeiten stammt von Lutz Dambeck, der ein kybernetisches Experiment von 1970 nachstellt: In einem großen offenen Glaskasten stapeln sich kleine Metallcontainer. Am Rand ist ein Greifarm installiert. Zwischen den Containern laufen Mäuser herum, die die Kästen immer wieder zum Umsturz bringen.

"Es geht darum, dass tierische Ordnung gegen technische Ordnung antritt. Mäuse gegen kleine Container und einen Greifarm, der die Ordnung immer wieder herstellt."

Lernen Mäuse schneller als Menschen? Wir jedenfalls könnten längst wissen, dass die herrschende Ordnung Menschen braucht, die die Maschinen bedienen. Dass es an Menschen liegt, sie abzustellen oder "menschlicher” zu nutzen. Dass Menschen sich erfolgreich gegen die sie erniedrigenden Verhältnisse wehren können - wär’s anders, würden wir noch in der Steinzeit leben. Für diese Erkenntnis spielen jedoch nicht der reißerische Name "Manson” und eine mutwillig konstruierte Ausgangsthese eine Rolle, sondern der Name Marx. Auch der soll 1969 übrigens in vieler Munde geführt worden sein.

Service:
MAN SON 1969. Vom Schrecken der Situation
Vom 30. Januar bis 26. April 2009
Hamburger Kunsthalle
Galerie der Gegenwart, Sockelgeschoss

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