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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 26.07.2007

Zwischen Trauma und Blockade

Die Jugend im Osten

Von Ines Geipel

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Generation Praktikum, Generation Option oder Generation ohne Träume  (AP)
Generation Praktikum, Generation Option oder Generation ohne Träume (AP)

Sie sind pragmatisch und hochmoralisch. Sie wollen Karriere und Spaß. Sie sind politisch bestens informiert und sagen, dass Gesellschaft ein unveränderbarer Naturzustand ist. Sie haben Sehnsucht nach großen Werten und wollen im selben Moment die Gesellschaft auf radikale Weise abschaffen. Was von außen unvereinbar wirkt, vermag der Einzelne problemlos in sich zu vereinen. Tatsächlich?

Die Generation der heute 20- bis 25-Jährigen ist mittlerweile als Generation Praktikum, Generation Option oder Generation ohne Träume bekannt. Wenn sie spricht, spricht sie unentwegt von Druck - von Leistungsdruck, Multioptionsdruck, Anpassungsdruck. "Mir geht es schlecht, warum auch immer, obwohl es mir genauso gut gut gehen könnte", sagt Stephan, 21 Jahre. "Es geht wohl darum, dass ich der Jemand bin, für den ich etwas tue. Bei all der Warterei gehen auch die Fasern aus dem Leim. Ich zerfasere." Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, als Leiter der Shell-Jugendstudie ein Kenner der Materie, hält über solcherart Phänomene fest: "Die Zukunftsaussichten dieser Generation sind erkennbar düsterer geworden. Die Grundhaltung ist zwar erstaunlich pragmatisch, aber darunter spürt man Unruhe. Die Decke ist dünner geworden."

Fällt dieses Fazit nun in Ost wie West gleichermaßen aus? Gibt es noch einen Unterschied zwischen einer Zwanzigjährigen, die in Konstanz aufwuchs, und einer, die in Erfurt zu Hause ist? Tickt das ostdeutsche Unruhesystem der sogenannten "pragmatischen Generation" anders als das westdeutsche? Die "Sozialpsychologie der Jugend in der postsozialistischen Welt" von Gerhard Schmidtchen hatte zu diesen Fragen vor zehn Jahren eindeutige Antworten parat: Wertorientierungen und Lebensziele unterschieden sich in Ost und West nur marginal. Die Jugendlichen im Osten waren zwar etwas preußischer und puritanischer, bewerteten Familie und Leistung höher und waren zorniger als ihre Altersgenossen im Westen. Ansonsten aber lief das jugendliche System da wie dort auf denselben Druck hinaus.

Und heute, zehn Jahre später? In dieser Zeit scheint das innere Kollektiv des Ostens merklich poröser und der Einbruch der Vergangenheit in seine Herzkammern unabweisbarer geworden zu sein. Die DDR-Geschichte ist nachgerutscht und setzt ihre eigenen Marker. Mittlerweile haben die Kinder der Kriegskinder - die Mauerkinder - Kinder bekommen, die nun "Generation ohne Utopie" genannt wird. Mittlerweile gab es das Schul-Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium und den rechtsradikalen Mord von Potzlow. Mittlerweile gibt es die allgemeine Landflucht ostdeutscher Alphamädchen und die signifikant hohe Gewaltbereitschaft junger Männer. Soziologen nennen das Phänomen "Faschisierung der Ost-Provinzen". Das sind Tatsachen - Tretminen unbewältigter Geschichte. Sie verweisen auf die toxische Wirkung von Tabus und so auf Risse, Kapseln, Depots ineinandergeschobener Traumata. Sie erzählen von den Transmissionsenergien verschiedener Generationen in der Geheimsprache des Unbewussten, bei der die Kinder der Kindeskinder zu stillen Containern von Geschichte werden.

Diese Kinder reagieren auf die Überforderung mit Überidentifikation in Bezug auf die Eltern, aber auch mit Aggression. Der Sohn des Kripobeamten, der mit der Wende entlassen wurde, lebt das Trauma der väterlichen Ohnmacht nach, ohne die Kraft zu finden, dessen konkrete Erfahrung zu erfragen. Was aber geschieht durch das Outsourcing der beschwiegenen Geschichte? Die Tochter der Parteifunktionärin klebt an der Mutter, die mit 1989 durch verschiedenste biografische Löcher musste. Was verursacht das dickwandige mütterliche Schweigematerial in der Tochter?

Es verunsichert, verhindert Fragen und Auseinandersetzung, sucht sich Ventile und ist im gegenwärtigen verwirrenden Historien-Cocktail auf Neukreation aus. Die vollzieht sich nüchtern, da junge Ostdeutsche auf eine verlogene, blockierte Gesellschaft treffen, die selbst ohne Träume ist.

Das aktuelle Psychogramm dieser Nach-DDR-Generation ist deshalb nicht grundlos auf Radikalisierung aus. Es ist noch nicht ganz klar, was daraus wird: zwischen Super-Karrieren, Mafiosi, sozialem Engagement, toten Babys in Kühlschränken und neuer Gewalt ist alles drin.


Ines Geipel, Germanistin, Autorin, ehemalige DDR-Sportlerin. Ines Geipel, 1960 in Dresden geboren, war Leistungssportlerin und wurde Anfang der achtziger Jahre Mitglied der Leichtathletik-Nationalmannschaft der DDR. Nach einigen Jahren gab sie ihre Sportlerinnen-Karriere auf und studierte Germanistik in Jena, 1989 floh sie in die Bundesrepublik, studierte in Darmstadt Philosophie. Heute lebt Ines Geipel in Berlin und Darmstadt. Sie ist Professorin für Verssprache an der Hochschule für Theaterkunst Ernst Busch in Berlin und unterrichtet an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg. Sie arbeitet zugleich am von ihr gegründeten Archiv für unterdrückte DDR-Literatur. Veröffentlichungen: "Die Welt ist eine Schachtel. Vier Autorinnen in der frühen DDR" (Hg.); "Das Heft"; "Verlorene Spiele. Journal eines Doping-Prozesses"; "Dann fiel auf einmal der Himmel um"; "Für heute reicht's. Amok in Erfurt".

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