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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.07.2009

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Alfred Kubin: "Die andere Seite", Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, 308 Seiten

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Der Ich-Erzähler besucht ein in Asien gelegenes Traumreich. (AP)
Der Ich-Erzähler besucht ein in Asien gelegenes Traumreich. (AP)

Mit Alfred Kubins Roman "Die andere Seite" legt der Suhrkamp Verlag einen Klassiker der schwarzen Moderne von 1909 wieder auf. Der einzige Roman des österreichischen Illustrators handelt von einer apokalyptischen Traumvision und enthält 52 Zeichnungen des Verfassers.

Vor 100 Jahren ist dieses Buch erschienen und obwohl es so sehr die Stimmung seiner Zeit spiegelt, entfaltet es aufgrund der suggestiven Bilder noch immer eine ungebrochene Anziehungskraft. Der Österreicher Alfred Kubin (1877 bis 1959) war Zeichner, kein Schriftsteller. Dieses Buch schrieb und illustrierte er in nur wenigen Monaten in München, während einer seiner zahlreichen Lebens- und Schaffenskrisen.

"Die andere Seite" ist so etwas wie die literarische - und zeichnerische - Übertragung von Träumen in eine fiktive Realität; es beantwortet die Frage, was es bedeuten würde, wenn Träume Wirklichkeit werden.

Der Ich-Erzähler ist ein Zeichner in einer Schaffenskrise, der von einem längst vergessenen Freund eine Einladung erhält. Ausgestattet mit einem soliden Scheck, soll er sich in die Stadt Perle begeben, die der Freund mit seinem riesigen Vermögen in Mittelasien errichtet hat. Technische Neuerungen sind dort verpönt, überhaupt alles Neue. Die alten Gebäude und Gebrauchsgegenstände hat der Herr der Stadt aus ganz Europa zusammengetragen. Die Bewohner sind das, was man damals als Neurastheniker bezeichnete: Phantasten, Melancholiker, Phobiker aller Art sowie einige echte Psychopathen. Beherrscht wird das Gemeinwesen nach Außen hin von einer byzantinisch bis österreichisch-ungarisch anmutenden Bürokratie. Tatsächlich aber dirigieren die Träume des immer schlafenden "Herrn" die Schicksale von Menschen und Tieren, Straßen und Häusern. Dessen gelegentliche epileptische Anfälle sorgen ab und zu für größere Sprünge in der geisterhaften, meist in ewiges Dämmerlicht getauchten Traumwelt.

Von der Gegenwart her betrachtet ist dieses Traumland ein düsteres Disneyland, das sich ein größenwahnsinniger Demiurg mit Hilfe der Seelen und Imaginationen komplizierter Menschen errichtet hat. Es ist kein Utopia und soll auch keines sein – sondern ein künstlerisches Experiment. Und es gipfelt in einer irrwitzigen, alle Grenzen der Normalität überschreitenden Agonie, einer apokalyptischen Szenerie, in der das Kollektiv der Träumer alles auslebt, was die Imagination des Herrn ihnen an Komischem, Schrecklichem und Bösem hergibt.

Seine Wirkung bezieht dieses Buch weniger aus der Sprache als aus seiner extremen Visualität: seine Szenen verknüpfen sich beim Lesen sofort mit eigenen Traumerfahrungen und verbinden sich mit Bildern von Hieronymus Bosch, William Blake und Francisco de Goya. Kubin schätzte und bewunderte Goya; der berühmte Satz, der dessen "Caprichos" voransteht, könnte auch der Titel zu Kubins Roman sein: "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer". Wobei das spanische Wort für Schlaf ebenso mit "Traum" übersetzt werden kann.

Man hat dieses Buch, diesen großen, düsteren Klassiker der phantastischen Literatur, oft auch als Vorwegnahme der Schrecken des 20. Jahrhunderts gelesen. Aber seine seltsam prophetische Eigenschaft scheint doch immer noch zu gelten. Heutzutage könnte man es auch als Kommentar zur Selbstverwirklichung in der Virtualität verstehen.

Wie man es auch interpretieren wird: Dieses Buch ist ein Solitär, ein Werk, das - literarisch wie bildlich - die Quellen der künstlerischen Imagination aufsucht und zu erschreckenden und bis heute faszinierenden Ergebnissen kommt.

Besprochen von Katharina Döbler

Alfred Kubin: Die andere Seite. Ein phantastischer Roman
Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. Mit einem Nachwort von Josef Winkler
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009
308 Seiten, 25 Euro

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