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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.09.2009

Zwischen Trauer und Sehnsucht

David Grossman: "Eine Frau flieht vor einer Nachricht", Hanser Verlag 2009, 730 Seiten

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Ein israelischer Panzer steht in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen. (AP)
Ein israelischer Panzer steht in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen. (AP)

David Grossman, geboren 1954 in Jerusalem, ist der Sohn von Shoah-Überlebenden und einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller, übersetzt in alle Weltsprachen. Neben Amos Oz setzt er sich unermüdlich, wenn auch zusehends aus einer Minderheitsposition, für eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern sowie für eine faire Teilung des Landes ein.

Grossman schrieb fast ein Dutzend Romane und Kinderbücher (darunter: "Stichwort: Liebe", 1991, und "Der Kindheitserfinder", 1994), dazu mehrere Bände von Essays ("Der geteilte Israeli. Über den Zwang, den Nachbarn nicht zu verstehen", 1992, "Die Kraft zur Korrektur. Über Politik und Literatur", 2008). Während er an seinem jüngsten Roman schrieb, fiel im August 2006 sein Sohn Uri 20-jährig in den letzten Stunden des zweiten Libanonkriegs. Das hat, schreibt Grossman im Nachwort des Romans, "den Resonanzraum der Wirklichkeit verändert, in dem die letzte Version entstand".

Der Roman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" erzählt vom Leben in Israel mit und angesichts der "Lage". Er erzählt von der Erschöpfung der Israelis nach mehr als einem halben Jahrhundert im Kriegszustand und fragt, ob und wie es ein ziviles Familienleben unter dem Druck permanenter Alarmbereitschaft geben kann. In dem Roman erscheint die Existenz Israels als längst nicht mehr selbstverständlich. Ein Gefühl immanenter Bedrohung, die Angst vor einem möglichen und denkbar gewordenen Ende des Staates hält seine Figuren von Kindesbeinen an in Atem. Schon als Teenager, während des Sechs-Tage-Kriegs, fantasieren das Mädchen Ora und ihre beiden Freunde Ilan und Avram, die Araber hätten Tel Aviv erobert und Israel besetzt.

In der Gegenwartsebene des Romans ist Ora eine Frau um die 50, die in ihrem Leben zwei Männer, Ilan und Avram, geliebt und mit jedem einen Sohn hat. Sie fragt sich verzweifelt, wie sie ihre Familie, "diese private Untergrundzelle", zusammenhalten soll. Denn die Armee hat ihre Söhne verstaatlicht und militarisiert. Ihr Ehemann Ilan hat sich, zermürbt von der "Lage", gemeinsam mit dem älteren Sohn auf eine Weltreise geflüchtet und will nicht mehr zurückkommen. Oras ehemaliger Liebhaber Avram, den die Ägypter im Yom-Kippur-Krieg halb tot gefoltert haben, vegetiert, an Leib und Seele erloschen, in Tel Aviv dahin. Und ihr gemeinsamer Sohn Ofer hat sich zu Oras Entsetzen nach drei Jahren Militärdienst noch am Tag seiner Entlassung aus der Armee freiwillig zum erneuten Kriegseinsatz gemeldet.

Eigentlich wollten Mutter und Sohn mit einer Bergwanderung durch Galiläa Ofers heile Heimkehr feiern. Nun schnappt sich Ora als Ersatz den unwilligen Avram und schleppt ihn mit auf die Wanderung. Diese wochenlange Rucksacktour ist zugleich eine Flucht, ein psychotherapeutischer Selbstheilungsweg, eine Friedenswanderung, ein Abschied vom Land Israel und ein magischer Abwehrzauber, der Oras Lebensmenschen retten und bewahren soll.

In ihrer Panik, dass jeden Moment Militärs mit der Botschaft von Ofers Tod vor ihrer Tür in Jerusalem stehen könnten, flieht Ora in magisches Denken: Solange sie nicht zu Hause ist, kann die Botschaft nicht überbracht, kann Ofer nicht tot sein. Ihre Flucht soll ihn schützen. Auf der Wanderung, die zugleich eine Erinnerungsreise, eine Gesprächstherapie und ein Erzählungsweg ist, ruft sie sich und Avram den gemeinsamen Sohn vom Moment seiner Zeugung an ins Gedächtnis, um Ofer mit ihrer Erzählung magisch am Leben zu erhalten.

Unterwegs geschieht eine wundersame Verwandlung: Während sie Avram an der intimen Innenansicht ihrer Familie in allen körperlichen und seelischen Einzelheiten teilhaben lässt, weckt sie den erstarrten Mann aus seiner Seelenlähmung: Sie erzählt Avram ins Leben zurück, vielleicht sogar in ein gemeinsames Leben. So ist aus Oras großer Trauerrede über die Zerstörung ihrer Familie und ihres Landes durch die Nahost-Kriegspolitik unversehens eine Art Heilungsgeschichte geworden, auch wenn das Ende offen und Ofers Schicksal ungewiss bleiben. Der Roman ist ein meisterliches Sehnsuchts- und Trauerbuch, das "mitten in der Lage" die Arbeit an der Menschlichkeit hochhält.

Besprochen von Sigrid Löffler

David Grossman: Eine Frau flieht vor einer Nachricht
Roman
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Hanser Verlag, München 2009
730 Seiten, 24,90 Euro


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