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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.08.2011

Zwischen Strafgesetz und dekadenter Freizügigkeit

Fllortje Zwigtman: "Adrian Mayfield - Auf Leben und Tod", Hildesheim 2011, 640 Seiten

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London, Schauplatz der Adrian-Mayfield-Trilogie (AP)
London, Schauplatz der Adrian-Mayfield-Trilogie (AP)

Ausgangs des 19. Jahrhunderts war Homosexualität ein gesellschaftliches Tabu, noch zumal im viktorianisch geprägten England. Hier siedelt Fllortje Zwigtman den dritten Teil ihrer Adrian-Mayfield-Trilogie an, die Geschichte eines Mannes, der gegen gesellschafliche Normen kämpft.

London, im Mai 1895. Die Prozesse gegen Oscar Wilde, angeklagt der Homosexualität und Sodomie, sind in vollem Gange. Adrian Mayfield wurde gerade von seinem Liebhaber Vincent Farley verstoßen, einem Maler aus der Oberschicht. Dessen konservative Familie duldet keinen schwulen Liebhaber – Vincent habe standesgemäß zu leben und gefälligst zu heiraten.

Adrian trachtet nach Rache und glaubt, den perfekten Plan dafür zu haben, seinen Liebhaber zurückzugewinnen und gleichzeitig dessen Familie und Vincents Zukünftiger die Augen zu öffnen. Adrians Rachefeldzug führt ihn bis nach Paris, im Gefolge von "Lady" Kinderley, einem todkranken, in Damenkleider gehüllten Mann, der offenbar ein sehr viel ausschweifenderes Leben geführt hat als Oscar Wilde und alle anderen Figuren im Roman zusammen.

Floortje Zwigtman beendet mit "Auf Leben und Tod" ihre Adrian-Mayfield-Trilogie. Wer daran gezweifelt hat, dass nach einem furiosen Einstieg und einem schwächeren zweiten Teil das Ende der Trilogie nur noch ein müder Abklatsch werden könnte, wird sich freuen: Der jüngste Band ist der würdige Abschluss eines groß angelegten Bildungs- und Gesellschaftsromans. Der Autorin gelingt es blendend, ihre Leser in eine faszinierende Epoche zu entführen, ohne auf Stereotypen oder gar Plattheiten zurückzugreifen. Der Leser, ganz gleich, welcher sexuellen Ausrichtung, empfindet Sympathie für den Titelhelden, man lernt die Düsternis des viktorianischen London kennen und fürchten und erfährt mehr über Oscar Wildes Leben und Werke als so mancher Anglistikstudent.

Floortje Zwigtman lässt Adrian Mayfield aus der Ich-Perspektive berichten, ihre Sprache ist, wie schon in "Ich, Adrian Mayfield" und "Versuch einer Liebe" auch hier wieder sehr direkt, fast drastisch – diskrete Schilderungen sind ihre Sache nicht. Aber das passt zu einem Buch, dessen Helden im spätviktorianischen England zwischen Strafgesetz und dekadenter Freizügigkeit hin und her pendeln.

Nach Erscheinen des ersten Teils der Trilogie bezeichnete eine Zeitung in den Niederlanden die Autorin bereits als "weiblichen Charles Dickens". Das trifft für die Anschaulichkeit der Beschreibungen zweifellos zu und für die Szenerie, durch die die Autorin ihre Figuren schickt, aber Floortje Zwigtman steigt darüber hinaus sehr tief in die Biografie Oscar Wildes ein. Die Umstände um den irischen Schriftsteller, der für die damalige Zeit sehr offen mit seiner Homosexualität umging, seine Freundschaften, seine öffentlichen Auftritte, die Verhaftung und schließlich seine Verurteilung sind sauber recherchiert und kunstvoll in den Roman eingewoben.
Adrian Mayfield kann seine Rachegelüste schließlich zähmen. Er findet seinen persönlichen Weg, der sowohl seiner Vergangenheit als Strichjunge gerecht wird, ihm eine große Chance eröffnet und ihn zugleich geradlinig in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts führt.

Besprochen von Roland Krüger

Fllortje Zwigtman: Adrian Mayfield - Auf Leben und Tod
aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Gerstenberg-Verlag, Hildesheim 2011
640 Seiten, 22,00 Euro

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