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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.04.2008

Zwischen Minnegesang und Kathedrale

Robert Fossier: "Das Leben im Mittelalter", Piper Verlag. München 2008, 496 Seiten

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Operation im Mittelalter - schon damals gab es anatomische Wissenschaften, so Fossier (Deutschlandradio)
Operation im Mittelalter - schon damals gab es anatomische Wissenschaften, so Fossier (Deutschlandradio)

Die Geschichte des Mittelalters scheint eine Domäne der Franzosen zu sein. Bekannt ist vor allem der Historiker Jacques Le Goff. Aus derselben wissenschaftlichen Richtung kommt auch Robert Fossier, der sich mit dem Alltag der Menschen im Mittelalter beschäftigt.

Wenn’s ums Mittelalter geht, bekommen wir Bücher aus Frankreich zu lesen. Vielleicht, weil "Le Moyen Age" eine ziemlich "französische Zeit" gewesen ist. Die Päpste des 14. Jahrhunderts haben in Avignon residiert, die ersten Minnesänger kamen aus Südfrankreich und die schönsten gotischen Kathedralen stehen immer noch in Chartres, Reims und Paris.

Seit Jahrzehnten gilt Jacques Le Goff als der Experte, wenn es um mittelalterliche Geschichte geht, und es sieht zunächst so aus, als sei das hier ein Buch gegen Le Goff. Fossier versichert nämlich, er könne die "Geschichten um Ritter, gregorianische Reformen und die Bannrechte der Grundherren" nicht mehr hören. Da drehe sich alles nur um "die da Oben": Adel, Klerus, Intellektuelle, Kaufleute, Künstler. 90 Prozent der mittelalterlichen Bevölkerung Europas kämen in diesen Werken nicht vor.

Fossier fragt sich deshalb: Wie lebte damals das einfache Volk? Und verspricht uns eine Alltagsgeschichte des Mittelalters. Allerdings ist die Gegnerschaft zu Le Goff nicht ernst gemeint. Le Goff und Fossier kommen schließlich "aus dem gleichen Stall", sprich: gehören zur Historiker-Schule der "Annales", die einer strukturalistischen Geschichtsschreibung verpflichtet ist. Man betrachte deshalb Fossiers Geschichte des mittelalterlichen Lebens am besten als Ergänzung zu Büchern wie "Der Mensch des Mittelalters" oder "Ritter, Einhorn, Troubadoure" von (oder unter Federführung von) Jacques Le Goff.

Mit dem Begriff "Mittelalter" bezeichnen Historiker allgemein etwa die Zeit zwischen 500 und 1500 christlicher Zeitrechnung. Wie bringt man tausend Jahre europäische Alltagsgeschichte auf knapp fünfhundert Seiten unter? Indem man möglichst viel weglässt. Fossiers Werk beschränkt sich auf die Geschichte des 12. bis 14. Jahrhunderts. Der Titel ist irreführend und sollte besser heißen: "Das französische Hoch- und Spätmittelalter. Eine Geschichte des Alltags."

Das erste Kapitel des Buches hat einen anthropologischen Touch. Der Autor fragt sich: "Was ist der Mensch?" und kommt zu einem schlichten Schluss: Menschen sind Wesen, die essen, trinken, schlafen, Sex betreiben, ihre Notdurft verrichten, lachen, weinen und herumschreien. Das war zur Zeit Karls des Großen so, daran hat sich bis heute nichts geändert, das ist das ganz normale Leben. Wie dieses ganz normale Leben im Mittelalter ausgesehen hat, erzählt uns der Autor in den folgenden sechs Kapiteln.

Fossier hat Humor. Und man erfährt durchaus interessante Dinge. Zum Beispiel, dass sich der Stauferkaiser Friedrich II. um die anatomische Wissenschaft verdient gemacht hat. Der Monarch hat nämlich die Sektion frisch Verstorbener empfohlen, um den Todesursachen auf den Grund zu gehen. Ab 1240 ließ er auf Sizilien regelmäßig Sektionen durchführen. Die Geschichte der modernen Anatomie beginnt also nicht erst in der Renaissance, sondern schon im Hochmittelalter.

Man erfährt auch, dass die großen Pest-Epidemien des 14. Jahrhunderts, die fast ein Drittel der Bevölkerung des Abendlandes hinweggerafft haben, an einigen Ländern ziemlich spurlos vorüber gegangen sind. In Ungarn zum Beispiel war die Zahl der Opfer relativ gering. Fossier erklärt uns, das habe wahrscheinlich damit zu tun, dass hiesige Völkerstämme, die ursprünglich aus Asien kamen, mehrheitlich die Blutgruppe B besessen hätten. Menschen mit dieser Blutgruppe seien höchstwahrscheinlich resistent gegen den Pest-Erreger.

Für wen ist dieses Buch geschrieben? In dieser Sache ist der Autor überfragt. Zitat aus dem Schlusswort: "Tatsächlich weiß ich nicht, an wen ich mich eigentlich wende. Vielleicht ist dieses Buch zu vereinfachend für den Gelehrten, zu verwirrend für den Studenten und zu unverständlich für den gewöhnlichen Interessierten. Ich weiß es nicht, möge der geneigte Leser darüber entscheiden." Mit Blick auf die Fachkollegen hat Fossier unbedingt recht. Was allerdings Studenten und "gewöhnliche Interessierte" betrifft ( Fossier meint wohl das Laienpublikum, sein Übersetzter tat sich hier ein bisschen schwer), so darf der kokette Autor sich beruhigen.

Sein Werk ist weder "verwirrend" noch "unverständlich". Es ist nur eben ein Buch, typisch für die Historiker-Schule der "Annales", sprich: es lässt seinen Leser leiden an den Gebrechen der strukturalistischen Geschichtsschreibung. 500 Seiten, wo Menschen aus Fleisch und Blut so gut wie nicht vorkommen, wo immer nur von Bevölkerungsgruppen, Wirtschaftsfaktoren und Statistik die Rede ist, sind schwer zu ertragen. Diese "Geschichte des Lebens im Mittelalter" ist ein Werk zum Nachschlagen, nicht zum Durchlesen. Als "historiographisches Gegengift" empfehlen sich übrigens Texte von Theodor Mommsen oder Golo Mann. Da kann man sich ganz prächtig von den Werken der "Annales"-Schule erholen.

Rezensiert von Susanne Mack

Robert Fossier: Das Leben im Mittelalter
Übersetzt von Michael Bayer, Enrico Heinemann, und Reiner Pfleiderer
Piper Verlag, München 2008
496 Seiten, 22,90 Euro

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