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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.01.2014

Zwischen Kunst und Verantwortung "Ein Film kann mehr bewegen als ich"

Hofft zumindest der Dokumentarfilmer Markus Vetter

Moderation: Liane von Billerbeck

Der Filmregisseur Marcus Vetter (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Der Filmregisseur Marcus Vetter (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

Für Dokumentationen werden Menschen gefilmt, sie erzählen ihre Geschichte. Unbeachtete Themen können so Aufmerksamkeit erzielen. Aber die Protagonisten selbst haben oft nichts davon, sagt Filmemacher Marcus Vetter.

Liane von Billerbeck: Es war der Triumph seines Lebens. Der bosnische Rom Nazif Mujic gewann bei der vorigen Berlinale den Silbernen Bären in dem Film "Eine Episode aus dem Leben eines Metallsammlers“ von Regisseur Danis Tanovic spielte er als Laie die Hauptrolle. Und nach seinem Auftritt auf dem roten Teppich ging es zurück in sein Heimatdorf in Bosnien, doch die Rückkehr in diesen Alltag misslang. So kam Mujic mit seiner Familie vor zwei Monaten nach Berlin in der Hoffnung auf einen Neuanfang. Derzeit lebt er hier in einem Asylbewerberheim, aber ihm droht die Abschiebung.

Nun wurden die Medien aufmerksam, Verantwortliche der Berlinale versuchen zu helfen. Anlass für uns, nach dem Verhältnis, über diesen Fall hinaus nach dem Verhältnis von Dokumentarfilmregisseuren zu ihren Protagonisten zu fragen. Und ich will das tun mit dem Regisseur und Dok-Filmer Markus Vetter, dessen Filme bestimmt einige von Ihnen kennen, "Das Herz von Jenin" und "Cinema Jenin" hat er gedreht. Markus Vetter ist jetzt zugeschaltet. Schönen guten Tag!

Marcus Vetter: Hallo!

von Billerbeck: Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als Sie von diesem Fall gehört haben? Mujic fühlt sich ja von dem Regisseur "verraten", so lasen wir es in der "TAZ". Wie haben Sie das aufgenommen?

Vetter: Darüber habe ich nicht so viel nachgedacht, was jetzt da dran ist, ob er verraten wurde oder nicht. Ich glaube, es geht eher darum, dass man immer wieder Geschichten von Menschen erzählt und sie auch bekommt, und man selber hat am Ende einen Film, und diese Menschen, über die man berichtet hat, die haben eben gar nichts. Und in diesem Fall ging es ihm dann sogar relativ schlecht, weil jeder dachte, er ist erfolgreich, jetzt, wo er den Silbernen Bären gewonnen hat, und ihm geht es gar nicht gut. Das ist natürlich irgendwie tragisch, aber ich denke, es war ein Spielfilm. Von daher ist es noch mal anders als in einem Dokumentarfilm, weil im Dokumentarfilm darf man ja zum Beispiel Protagonisten nichts bezahlen. Weil sonst wäre es so, als ob dieses Protagonisten einem ihre Geschichte verkauft hätten.

von Billerbeck: Das heißt, Sie sind in einer ganz anderen Situation, und die Verantwortung für einen Dokumentarfilmer ist dadurch sogar noch größer?

Vetter: Na, auf jeden Fall kommen wir eigentlich erst mal nicht in den Konflikt, jemanden zu bezahlen. In dem Fall war es ja so, dass er Drehtage hatte in einem Spielfilm und dann auch relativ wenig bekommen hat. Und am Ende ist ja ein Film, also ein Spielfilm, mehr ein kommerzielles – hat auch ein kommerzielles Interesse. Im Dokumentarfilm ist es eben so, wenn ein Protagonist da mitmacht, dann ist – das weiß er vielleicht nicht, aber insgesamt ist es eigentlich so, dass man einfach versucht, eine Situation darzustellen, und in meinen Filmen ging es mir dann immer danach so, dass ich mich deswegen schlecht gefühlt habe, weil ich dann nicht mehr da war und ich auch nichts mehr tun konnte für die Menschen, sondern die Geschichte hörte dann immer auf, wenn ich abgedreht habe und im Schneideraum sitze. Und dann habe ich zwar noch eine Verantwortung der Geschichte gegenüber, eine Redlichkeit, eine journalistische Redlichkeit. Und natürlich soll der Film der ganzen Geschichte helfen und Aufmerksamkeit erwecken, aber für die einzelnen Personen – ja, sie haben oft nichts davon.

von Billerbeck: Sie haben ja, Markus Vetter, die Dokumentarfilme "Das Herz von Jenin" gemacht. Der Film erzählte die Geschichte eines Palästinensers, der die Organe seines von israelischen Soldaten erschossenen Sohnes an israelische Kinder spendete. Das hatte Folgen. Sie haben daraufhin das "Cinema Jenin", "Cinema for Peace" in Jenin gegründet. Das war ja ein aufwändiges Unterfangen. Man könnte fast sagen, so eine Art Lebensaufgabe. Da haben Sie ja Verantwortung über einen Film hinaus übernommen.

Vetter: Ja. Und das hatte genau diesen Grund, weil ich dachte, das kann nicht sein, dass ich so viele Filme mache, und jedes Mal eigentlich weglaufe von der Szenerie, und ich weiß, dass sich vor Ort nichts verändert, und in dem Film wollte ich das ändern und hatte die Idee eben, mit dem Protagonisten Ismail Khatib zusammen ein Kino wieder zu eröffnen in Jenin. Und das war am Anfang ganz toll und wurde dann ein Albtraum, weil es auch klar ist, helfen heißt oft, nicht nur eine Woche oder zwei Wochen oder drei Wochen – so hätte man es gern, weil das wäre so eine angebrachte Hilfe, sag ich mal.

Nein, aber in dem Fall wurden es wirklich drei Jahre, und es ging an die Grenzen meinerseits, der Familie, finanziell. Und die Risiken, die da drin lagen, waren immens. Und deswegen wurde es auch eine Lebensaufgabe. Aber manchmal entscheidet man sich für Dinge, und dann waren sie am Ende auch gut, wenn man am Ende noch mal gut davongekommen ist.

von Billerbeck: Es gab einen anderen Film von Ihnen, der heißt "Hunger", den haben Sie gemacht und sind dafür fast um den ganzen Globus gereist in Regionen, wo Menschen an Hunger leiden. Wie ist es Ihnen dabei ergangen? Wie hält man das aus, als ja zutiefst satter Mensch?

Vetter: Ja, das war sehr schlimm. Das waren fast vier Monate, wo ich unterwegs war mit Karin Steinberger, einer Journalistin von der "Süddeutschen Zeitung". Da ist erst mal bei mir folgendes passiert, dass ich einen Blackout hatte, dass ich also mich bis heute eigentlich an die Dreharbeiten gar nicht mehr erinnern kann, sondern sie mir wieder hergeholt habe über den Schnitt. Und das lag wahrscheinlich daran, dass ich auf der anderen Seite in Jenin committed war und gemerkt habe, ich kann so vielen Leuten gar nicht helfen, unmöglich. Und da das auch noch ein Film war, der in mehreren Ländern gespielt hat, war es gleich – es gab keine Chance für uns, irgendetwas selbst zu tun, außer, dass wir drei Jugendlichen aus Haiti geholfen haben, nachher finanziell ein Studium zu finanzieren. Aber da steht man letztendlich vor einen absolut unlösbaren Problem.

von Billerbeck: Das klingt, küchenpsychologisch gesprochen, fast so, als hätte ihr Körper da die Reißleine gezogen, indem er da die Decke über Ihr Gedächtnis gelegt hat.

Vetter: Ganz genau. Weil man weiß, dass man eh gar nichts machen kann und eigentlich versucht man, wenigstens im Kleinen noch irgendetwas zu machen, irgendjemandem zu helfen, also außer diese Honorare, die wir ja nicht bezahlen durften. Da haben wir natürlich auch bezahlt in Afrika. Das waren dann keine Honorare, sondern Ausfallhonorare, dass jemand gekommen ist, ist ja ganz klar. Und trotzdem hat ein einzelner Mensch diese Kraft nicht.

Deswegen bin ich Filmemacher und hoffe dann immer, dass ein Film insgesamt mehr bewegen kann als ich, wenn ich einem individuellen Menschen helfe, dass der Film was Größeres ist. Und das andere, was eben Filme dann so an sich haben, ist, dass man sich wenigstens dazu verpflichtet, eine Geschichte, die nicht gut ist, eben aufzudecken oder den Menschen näher zu bringen, und vielleicht den einen oder anderen im Kino oder im Fernsehen dazu zu bringen, etwas von seiner Zeit zu opfern, damit man irgendwas gegen Ungerechtigkeit tut auf der Welt.

von Billerbeck: Markus Vetter. Mit dem Regisseur und Dokumentarfilmer sprach ich über Distanz und Verantwortung für die Protagonisten in eigenen Dokumentarfilmen. Ich danke Ihnen!

Vetter: Gern geschehen! Tschüs!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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