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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.03.2010

Zwischen Hoffnung und Ausweglosigkeit

Alice Munro: "Tanz der seligen Geister", Dörlemann Verlag, Zürich 2010, 384 Seiten

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Helen wartet jahrelang vergeblich darauf, dass der lüsterne Clare sie heiratet. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)
Helen wartet jahrelang vergeblich darauf, dass der lüsterne Clare sie heiratet. (Stock.XCHNG Michelle Seixas)

Wieder einmal hat der kleine Dörlemann Verlag aus Zürich ein Kleinod aus der Fundgrube der Literatur gefischt. Die Kanadierin Alice Munro ist die <em>grande dame</em> unter den zeitgenössischen Erzählern und gilt seit Jahren als mögliche Literaturnobelpreisträgerin.1968 erschien ihr erster Erzählband, der nun zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt.

Sie war 37 Jahre alt, als das Buch erschien. Sie hatte geschrieben und hatte gelebt, war den Klauen ihrer calvinistischen Erziehung mehr oder weniger entkommen und hatte sich auf den fernen Planeten Literatur gerettet. Sie hatte geheiratet und Kinder in diese Welt gebracht, die sie in ihren Erzählungen mit wenigen schmucklosen Worten in einen rätselhaften Kosmos verwandelt.

Alice Munro ist eine zierliche Person mit zähem Willen und lichtem Verstand, die es schon in diesen ersten Geschichten versteht, das Leben in seiner ganzen Spannbreite zwischen Hoffnung und Ausweglosigkeit mit gläserner Kühle, aber auch mit gescheiter Nachsicht auszuloten. Sie kennt die Traurigkeit in unseren Leben, auf die wir oft mit kleinen Grausamkeiten oder angstvoller Gleichgültigkeit reagieren. Munro weiß um zerbrechliche Lebenswirklichkeiten.

Es werden keine spektakulären Geschichten erzählt. Es geht scheinbar um den banalen Alltag. Und tatsächlich um nichts weniger als unsere Existenz. Wie frei, wie gefangen sind wir, wie lieben, wie verraten wir. Wie viel Sehnsucht können wir ertragen und wie viele Enttäuschungen.

Da ist Helen, ein junges Mädchen in einer Kleinstadt, die sich verlobt fühlt mit dem dicklichen, lüsternen Clare, der aber ein MacQuarrie ist. Mit viel Besitz und großem Herrenhaus. Erst wenn die Mutter stürbe, sagt er, könnten sie heiraten. zwischen Hoffnung und Ausweglosigkeit Eines Tages kehrt er von einer Reise mit standesgemäßer Gattin zurück. Er ist ein MacQuarrie. Unanfechtbar. Und zum ersten Mal spürt Helen ein wirkliches Verlangen, ihn zu berühren.

Während ihre späteren Erzählungen oft vom Leben in späteren Jahren handelt, folgen wir hier meist jungen Mädchen und Frauen auf ihren ach so komplizierten Pfaden auch des wunderbaren Unbehagens ins Erwachsenenleben. Wie sie die Erfahrung machen, dass ihre Eltern Geheimnisse haben, Sehnsüchte gar, wie sie in großer, manchmal auch schamloser Unschuld mit Sex, Alkohol, Gefühlen und Demütigungen konfrontiert werden. Und mit einem eigenen Willen.

Da sind die Schwestern, die sich ihrer kranken Mutter schämen, die eine geradezu bizarre Erscheinung ist mit ihren verdrehten Augen, ihrer lallenden Stimme, ihren wilden Grimassierungen und hysterischen Anfällen. Eine Schwester flieht. Sie studiert, heiratet und kommt nicht wieder. Die andere bleibt und pflegt zehn Jahre lang die Dahinsiechende. Die Botschaft scheint klar. Da ist die Egoistische und da die Aufopfernde. Aber wie es so ist im Leben, die schlichten Wahrheiten stimmen fast nie. Auch hier nicht. Das ist eine unglaublich spannende Geschichte voller zärtlicher und grausamer Widersprüche.

Und hier ahnt man bereits, was Munro später ausmachen wird, das reiche Erzählen in sparsamen Sätzen. Eine Autorin, die uns die Hoffnung auf einfache Lösungen mit glitzernder Schärfe austreibt. Eine Schreibmeisterin.

Besprochen von Gabriele von Arnim

Alice Munro: Tanz der seligen Geister
Erzählungen
Aus dem Englischen von Heidi Zerning
Dörlemann Verlag, Zürich 2010
384 Seiten, 23,90 Euro

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