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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 07.11.2016

Zwischen Erinnerungskultur und OpferkultLand der Opfer

Von Heiner Kiesel

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, aufgenommen am 21.09.2016.  (picture alliance / Monika Skolimowska)
Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin. (picture alliance / Monika Skolimowska)

Sie verdienen unser Mitgefühl, ihre Schwäche verdient Schutz und sie machen uns durch ihr Schicksal klar, was wir als unakzeptabel ablehnen.

Christian Schneider: "Das Opfer hat eine starke Seite, es ist unschuldig und wir wollen alle unschuldig sein."

Die Wirtschaft in meinem Dorf. Süddeutschland. Eine wie viele überall in der Republik. Gelbliche Lichtkegel über den Tischen. Der Stammtisch steht neben der Theke. Da sitzt der verschmitzte Junge, der Polternde mit Schnauzbart, der Gewichtige, der der immer das letzte Wort hat. Die Beisitzer. Es geht wieder mal um Flüchtlinge. Stammtischgerecht argumentiert. Komplexitätsreduktion live. Eigentlich eher was zum Abschalten. Aber einen Moment noch.

"Wir haben 80 Millionen Einwohner, wir können aber nicht 80 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, das geht absolut nicht."
"Genau!"
"Die Neger kommen ja auch noch, die stehen alle in den Startlöchern. Das sind ja nicht nur Syrer."

Da ist dieser eine Begriff der immer wieder fällt. Der auch die ganze Flüchtlingsdebatte bis hinauf ins Berliner Regierungsviertel so schwierig macht. Ein Schlüsselwort für uns Deutsche.

"Wer hat denn das gesagt? Wer sagt denn sowas? Seit 50 Jahren bekommen wir eine Gehirnwäsche. Wir sind die Opfer!"
"Wir sind heute die Opfer." [Lachen]
"Wenn irgendwas passiert kommen die, und sagen: Ihr Bösen, ihr Bösen! Ich war noch nie ein Böser!"
"Deine Frau sagt doch auch immer, dass du ein Böser bist."
"Nääh."

Überall Opfer! Sie und wir. Jetzt wo das ganze Land von ihnen voll scheint.

"Wer kommt denn da, …kommen da die armen Leute, die wären bei mir auch willkommen, es kommen da nur Leute die abhauen können..."

Wer hat einen Anspruch auf den Titel und welche Verpflichtung haben wir den Opfern gegenüber? Die Fragen reichen weit über den Stammtisch hinaus.

"Und wenn sie eine Demut hätten, dann wäre es in Ordnung, aber sie haben keine Demut."
"Nein, das stimmt nicht, sie haben eine Demut."

Stephan Mayer: "Ja, das möchte ich überhaupt nicht verhehlen, dass der politische Diskurs derzeit schwierig ist, dass es auch für Politiker, die hier bestimmte prägnante Positionen vertreten auch nicht einfach ist."

Wir sind im Berliner Regierungsviertel, im Büro bei….
"Stephan Mayer, ich bin innenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion."

….der das aktuelle Opferproblem in die Sprache der Bundespolitik übersetzt.

Mayers Partei CSU ist bekanntlich dafür, die Migration der Kriegs- und Krisenflüchtlinge zu drosseln. Wie die meisten bürgerlichen Politiker mit dieser Position müht er sich spürbar, den richtigen Ton zu finden. Es ist heikel, denn es geht um Opfer.

"Der Vorwurf wird vielleicht mal erhoben, dass man, wenn man jetzt mit restriktiveren Maßnahmen ans Werk geht, dann den Opfern nicht die nötige Empathie und Bedeutung beimisst. Wobei ich auch darauf hinweisen möchte, dass es aus meiner Sicht auch im Sinne derer ist, auch der Opfer ist, die sich jetzt schon in Deutschland befinden, …dass wir die Integrationskraft unseres Landes nicht überstrapazieren."

Schon interessant, dass der Unionsmann sogar dann im Namen der Opfer spricht, wenn es eigentlich gegen Menschen geht, die ihnen zugerechnet werden sollten. Opfer in der politischen Diskussion lassen sich offenbar nur mit sich selbst aufwiegen. Sich gegen Opfer stellen, geht irgendwie gar nicht. Nicht wenn man zu den Guten gehören will. Das macht es so schwierig. Denn wir definieren uns über sie.

"Ich glaube schon, dass die deutsche Gesellschaft, ich möchte uns nicht überhöhen, das wäre völlig deplatziert, aber vielleicht - und das liegt insbesondere an unserer Geschichte des 20.Jahrhunderts - emphatischer reagiert gegenüber Opfern als die Gesellschaften in anderen Ländern, in denen vielleicht etwas brutaler, egoistischer, egozentrischer auch agiert wird."

Passives und aktives Opfer

Opfer - den Umgang damit macht schon allein der deutsche Begriff schwierig. Opfern: Ein Verb, das im Mittelalter aus dem Kirchenlatein eingedeutscht wurde.

Ursprünglich operārī - das heißt so viel wie arbeiten, pflegen, aber auch Almosen geben und in das später zwei ganz unterschiedliche Konzepte eingeflossen sind. Beides steckt drin: Dass da etwas geopfert wird und dass da ein Opfer dargebracht wird. Also sowohl der erduldende, passive Vorgang, als auch der aktive, die Tat. Das wird in anderen Sprachen sauber getrennt.

Victima und Sacrificium!

Kulturgeschichtlich war der aktive Aspekt lange Zeit das, was gemeint war, wenn von einem Opfer, dem Opfern, dem sich Aufopfern gesprochen wurde. Das persönliche Opfer als höchste heroische Tat. Bis es einfach zu unerträglich wurde.

Adolf Hitler (30.1.1945): "Denn mehr kann ein Volk nicht tun, als dass jeder, der kämpfen kann, kämpft, und jeder, der arbeiten kann, arbeitet, und alle gemeinsam opfern, nur von dem einen Gedanken erfüllt, die Freiheit, die nationale Ehre und damit die Zukunft des Lebens sicherzustellen."

Nach dem Krieg war der Begriff vom tätigen Opfer hohl geworden. Auch wenn sich die Menschen im Osten zunächst weiter aufopfern durften - für den Aufbau des Sozialismus…

Erich Honecker: "Keine Anstrengung und kein Opfer sind umsonst gewesen."

…wird der Begriff allmählich neu besetzt. Seine duldsame, passive Seite gewinnt an Kraft. Die Gesellschaft verschiebt die Koordinaten ihres Wertesystems. Die Sicht auf die Schwachen und Geschädigten drückt das aus.

Bloß nicht auf das Opfer-Label reduziert werden

Helga Pollak: "Was ist ein Opfer?"

Was für eine Frage! Noch dazu stellt sie eine Frau, die das doch wirklich wissen sollte: Helga Pollak-Kinsky. Eine agile 86-Jährige mit wachem Blick. Bei ihren weißen Haaren schimmert es noch immer schwarz durch. Sie bewohnt eine Maisonette-Wohnung in Wien und hat für ihren Besucher einen kleinen Gesundheitskuchen gebacken. Dazu gibt es frisch duftenden Kaffee.

Sie lacht gerne, schon immer, das hat sich in ihr Gesicht gegraben. Das ist mir alles schon fast zu nett und aufgeräumt. So normal, zu normal. Ich bin schließlich hier als ein Deutscher, der jemanden sprechen möchte, der für uns der Inbegriff eines Opfers ist. Helga Pollak-Kinsky wurde 1930 in Wien als Tochter jüdischer Eltern geboren.

"Ich bin, als Hitler Österreich besetzt hat, zu meiner Großmutter in die Tschechoslowakei geschickt worden. Dort habe ich bei meiner Großmutter und Tante gelebt, bis ich nach Theresienstadt ging. Mein Vater ist auch mitgekommen. Ich blieb von Jänner '43 bis Oktober '44 in Theresienstadt in einem Mädchenheim, Zimmer 28. Ich war in Auschwitz und war dann in einem Arbeitstransport nach Sachsen, Oederan, das zu Flossenbürg gehörte. Von dort wurde ich transportiert, Ende April mit den ganzen Todestransporten bin ich zurückgekommen nach Theresienstadt, wo ich meinen Vater wieder vorgefunden habe."

Anfang Mai 1945 wurde das Lager befreit.

"Mit ihm bin ich dann zurück in das kleine Städtchen in Südmähren und haben auf unsere Familie gewartet. Aber außer einer Kusine ist niemand mehr zurückgekommen."

64 Verwandte ermordet.

Sie legt ein Buch auf die weiße Tischdecke, man kann alles nachlesen - ihre Erinnerungen und die Aufzeichnungen aus ihrem anrührenden Tagebuch hat sie 2014 veröffentlicht. Pollak-Kinskys Vergangenheit, besonders die Schrecken werden immer wieder abgefragt und gewürdigt. Sie ist ein Opfer, das ist praktisch amtlich.

"Ich habe dann zwei Filme gemacht, das heißt, ich bin die Hauptfigur in zwei US-Filmen - einer hat 1999 einen Emmy-Award bekommen. Und seither bin ich offizieller Zeitzeuge des Unterrichtsministeriums. Ich habe sehr viele in Deutschland, wahrscheinlich 40-50.000 Kinder erreicht. Ich habe sehr viel gemacht in Deutschland, ich habe auch den Verdienstorden bekommen vom Präsidenten Gauck. Ich habe auch hier vom Land Wien einen goldenen Verdienstorden heuer bekommen."

Nur kommt sie selbst mit dem Opfer-Label nicht klar. Die Arbeit mit den Kindern findet sie gut. Das rührt sie, wenn Brundibár von Schulklassen aufgeführt wird - diese Kinderoper von Hans Krása, die ikonenhaft für Theresienstadt steht.

Aber diese Erwachsenen in Deutschland, wir. Wir sind irgendwie sonderbar, wenn es um Opfer geht. Das treibt seltsame Blüten. Auch Helga Pollak-Kinsky wird später mehr davon erzählen.

"Die Erwachsenen sind schon sehr beeindruckt, wenn da so ein Holocaust-Opfer kommt und zu ihnen spricht. Die wollen dann auch immer besondere Widmungen in die Bücher, mit Namen und so, ja."

Wie wir ein Volk von Opfern wurden

Christian Schneider: "Da ist eine andere Aufmerksamkeit auf genau die - nicht die Ideale, die Heldenseite, sondern auf die Opferseite gefallen. Es gibt Historiker, die sprechen von einem Paradigmenwechsel, die sagen, wir haben uns von einer historischen Heroisierung zu einer historischen Viktimisierung entwickelt."

Das ist Christian Schneider...

"...Sozialwissenschaftler mit psychoanalytischer Ausbildung und vor allen Dingen mag ich gerne Wein."

Das klingt ziemlich launig, aber die Erkenntnisse des Frankfurter Soziologen sind ernst. Seine Forschung hat ihm auch einigen Ärger eingebracht, sagt er. Das bringt die kritische Beschäftigung mit diesem Thema nun mal so mit sich.

Schneider hat die bundesrepublikanische Gesellschaft der Nachkriegszeit auf die Couch gelegt. Er hat dabei einen Prozess entdeckt, der dafür gesorgt hat, dass wir gefühlsmäßig ein Volk von Opfern geworden sind - und uns auch noch gut dabei fühlen.

Daran sind vor allem die 68er schuld. Das sind die Spät- und Nachgeborenen, die versucht haben, mit der tatsächlichen oder vermuteten Naziverstrickung ihrer Eltern fertig zu werden. Leute wie der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, politisch bewegt und jetzt so um die 70.

Christian Schneider: "Und da ist es in der Generation der 68er und danach zu etwas gekommen, was ich Opferidentifizierung nenne. Man war identifiziert mit dem Jüdischen, den jüdischen Intellektuellen. Und was ein sehr auffallendes Symptom ist, dieser Gegenidentifizierung finde ich immer wieder in der Namensgebung der Kinder der 68er: Na, die heißen halt Sarah und Judith und Lea und David und Daniel und Benjamin. Das heißt, da ist eigentlich so eine psychische Wiedergutmachungsfantasie im Spiel gewesen. Wo man sagt, ja, unsere Eltern haben die Juden ermordet und wir schaffen sozusagen eine neue jüdische Generation. Das halte ich für einen der ganz wichtigen psychosozialen Springpunkte der Republik, da ist wirklich etwas Neues entstanden."

Richard von Weizsäcker (8.5.1985): "Und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung."

Wir erinnern uns und stehen dabei auf der Seite der Opfer. Das funktioniert nicht nur beim Holocaust. Es ist eine beruhigende, versöhnende Identität, in die wir da schlüpfen. Sie entlastet und obendrein haben wir Teil, ohne selbst zu leiden.

Christian Schneider: "Mit dem Opfer assoziieren wir Unschuld. Ihm stößt etwas zu, wofür es nichts kann. Es ist ja schon mal wichtig, dass man sich unschuldig fühlen kann. Und die Idee der Unschuld ist ja auch immer weiter konnotiert mit der Idee des Guten. Ja ich denke, dass man damit auf die Seite der Guten übertritt, wenn man diese Opferidentifizierung hat."

Und dann beginnen diejenigen, die sich mit den Opfern identifizieren, auch noch, in deren Namen zu sprechen. Für Schneider ist das eine fragwürdige Position.

"Es ist ja so, wer sich richtig gut erinnert, der setzt sich selber ein moralisches Denkmal. Er steht auf einem Sockel, er weiß Bescheid, er ist besser als die anderen. Er kann belehren, er kann anklagen. Das sind dann für mich die negativen Folgen aus dieser moralisierten Erinnerungspolitik. Und das wäre eine große Aufgabe, dass man versucht, dem ein bisschen den moralischen Stachel zu ziehen. Dass man nicht automatisch besser ist, wenn man sich auf diesen Erinnerungssockel stellt."

Joschka Fischer (Parteitag 1999): "Ich stehe auf zwei Grundsätzen: Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört bei mir zusammen, liebe Freundinnen und Freunde."

Irene Mihalic: "Ich denke schon, dass unsere historische Erfahrung sehr wichtig ist…"

Irene Mihalic, innenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag.

"….Nehmen Sie aktuelle Vorgänge, wie beispielsweise den Nationalsozialistischen Untergrund. Als Mitglied des Untersuchungsausschusses kann ich darüber sprechen, wie ich das wahrnehme. Auch da spielen die Opfer rechtsterroristischer Gewalt eine große Rolle. Und auch in unserer politischen Arbeit, die ja viel mit den Tätern zu tun hat und die selbstverständlich auch viel damit zu tun hat, wie konnten staatliche Behörden bei der Entdeckung der Täter versagen? Da muss man sich auch immer wieder in Erinnerung rufen, es gibt hier zehn Mordopfer und die erwarten von uns, dass wir diese Dinge aufarbeiten. Beziehungsweise deren Angehörige - ihnen sind wir das einfach schuldig, dass all diese Dinge aufgeklärt werden. Und das ist doch schon eine sehr starke Hinwendung zum Opfer."

(Jesco Denzel/Bundespresseamt)Joachim Gauck und der Ismail Yozgat, Vater von Halil Yozgat, der in Kassel einem NSU-Mordanschlag zum Opfer fiel. (Bild: esco Denzel/Bundespresseamt) (Jesco Denzel/Bundespresseamt)

Mihalic' Sorge um die Opfer lässt sich nicht nur moralisch begründen. Sie folgt geradezu aus dem Gewaltmonopol des Staates, seinen Ressourcen und Zuständigkeiten. Streng genommen müssten der Staat und seine Institutionen dafür sorgen, dass es gar keine Opfer gibt. Und wenn es Opfer gibt, dann wird von Amtsträgern selbstverständlich erwartet, dass sie reagieren. Sie ernten öffentliche Kritik, wenn sie  sich nicht umgehend  auf die Seite der Opfer stellen.

Aber es ist ja nicht nur traurige Pflicht. Es ist schließlich die Seite der Schwachen, der Guten. Da wo man hingehört.

Irene Mihalic: "Ich glaube, es hat schlicht etwas mit der Übernahme von Verantwortung zu tun. Die Opfer können sich ja selbst nicht mehr dagegen wehren, gegen das, was ihnen da passiert ist. Und ich glaube, das ist insbesondere eine gesellschaftliche Verpflichtung, nicht nur für das Opfer, weil es auch um die Menschen geht, die heute noch nicht Opfer geworden sind und die wir auch so gut es geht davor bewahren wollen."

Die Grünen-Abgeordnete spannt einen weiten Bogen. Wir sind alle potenzielle Opfer. Das war zwar schon immer so - Verkehr, Unwetter, Kriminalität - aber jetzt, in Zeiten des globalisierten Terrors, wird es für viele zur konkreten Angst. 70 Prozent rechnen damit, Opfer eines islamistischen Anschlags zu werden, 16 Prozent fühlen sich akut bedroht, haben die Meinungsforscher von Allensbach ermittelt.

Opferidentifikation

Mit jedem Vorfall steigt das Gefühl, es hätte einen selbst treffen können. Es ist eine weitere Form der Opferidentifikation. Höchst irrational, aber die Politik reagiert darauf mit immer neuen Sicherheitsgesetzen. Wir tolerieren das, aus Angst, zum Opfer zu werden. Der Grünen-Politikerin Mihalic ist das auch nicht ganz geheuer:

"Das kann natürlich auch genau dazu führen, dass Menschen sich selbst beschränken, aus Angst Opfer zu werden."

David von Mayenburg: "Wenn man die Zeit vor dem 20. Jahrhundert in den Blick nimmt, wird man Schwierigkeiten haben, eine Lehre vom Opfer in der Rechtswissenschaft, oder in der Rechtspraxis zu finden."

David von Mayenburg hat die Professur für Rechts- und Kirchenrechtsgeschichte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main inne. Es geht um konkrete Spuren für die gesellschaftliche Hinwendung zum Opfer - mal jenseits von Psychologie, Gefühlen und abstrakten Werten.

Gesetze, wie sie Mihalic und ihre Kollegen im Bundestag verabschieden, zeigen den grundlegenden Wandel. Denn von Mayenburgs Blick zurück zeigt: Traditionell hatte das Opfer bei der Strafverfolgung wenig zu melden. Die Polizei sucht den Täter, dessen Vergehen genau genommen nicht darin besteht, dass er jemanden, also ein Opfer, geschädigt hat, sondern darin, die Rechtsnorm gebrochen zu haben.

"Das große Problem ist natürlich, dass der Strafprozess natürlich, so wie er sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hat, ein Prozess ist, der sich zwischen dem Staat und dem Täter abspielt. Die Personen, wie sie geschädigt werden, die Art, wie sie geschädigt werden, die Frage, wie leben sie weiter, mit dem was ihnen widerfahren ist - diese Frage interessiert das Strafrecht nicht."

Einst wurde dies als Fortschritt gesehen. Der Geschädigte wurde aus dem Verfahren weitgehend verbannt, damit Recht nicht Rache gesprochen wird. Das hat sich geändert. Opfer dürfen heute vor Gericht mehr als nur Zeuge sein. Seit 1986 dürfen sie beispielsweise einen Anwalt beiziehen und kommen damit fachlich auf Augenhöhe mit dem Richter und mit dem Täter und seinem Verteidiger.

Seit 2009 wurden die Rechte des Opfers auch im polizeilichen Ermittlungsverfahren gestärkt. Ab 2017 kann auf Kosten des Staates sogar psychosoziale Prozessbegleitung gewährt werden. Eine absolute Neuerung des Strafprozessrechtes.

All das könnte ihnen helfen, besser mit den psychischen Folgen der Straftat fertig werden. Der Gerichtssaal wird damit Teil der Trauma-Therapie.

"Also wenn man nur das Strafgesetzbuch nimmt und einfach nur eine ganz banale Wortsuche laufen lässt, dann sieht man, dass es im Strafgesetzbuch inzwischen 46 Mal das Wort Opfer erwähnt wird und in der Strafprozessordnung 17 mal. Im ursprünglichen Strafgesetzbuch 1871 kam das Wort Opfer nicht ein einziges Mal vor."

Fokussierung auf Opfer fördert Passivität

Deutschland kümmert sich immer besser um Opfer. Um echte und potentielle. Wer sich schwach zeigt, darf Hilfe erwarten. Die Entwicklung geht der deutsch-amerikanischen Philosophin Susan Neiman inzwischen zu weit.

"Es hat sich aber inzwischen befestigt, dass man nur darauf achtet, was die Welt einem angetan hat, und nicht, was einer in der Welt tut. Die alleinige Fokussierung auf die Opfer der Geschichte führt dazu, dass man tatsächlich eine Art von Passivität fordert und alle Formen des aktiven Eingreifens in der Geschichte skeptisch bleiben."

Deutschland im Opfermodus, es schwächelt. Dazu passen sorgenvolle Äußerungen, wie die des Historikers Herfried Münkler. Der vermisst die gute, alte, heroische Opferbereitschaft und befürchtet, dass wir, das ist in dem Fall die westliche Staatengemeinschaft...

"Was ich postheroische Gesellschaften nennen würde."

...ins Hintertreffen geraten im globalen Wettstreit. Zumal wir ja eigentlich niemandem mehr wehtun - zum Opfer machen - wollen.

Herfried Münkler: "Wir gehen in diese Konflikte, ja sagen wir mal, mit gesellschaftlichen Handschellen hinein. Die andere Seite hat eine hohe Opferbereitschaft und sie hat zweitens ein Ethos des Kampfes und dem kann man allenfalls technologisch gewachsen sein, aber der Technologie sind Grenzen gesetzt. Denn als der Oberst Klein die überlegene Technologie der Staatenwelt zum Einsatz gebracht hat, hat das auch viele Zivilisten das Leben gekostet, das wollen wir dann auch nicht."

Die Bedenken gegen unsere Haltung zum Opfer wirken aufreizend provokant. "Ihr Opfer!", würde ein Jugendlicher schimpfen. Aber es trifft nicht wirklich. Es verkennt, dass wir gerade wegen und für die Opfer erstaunlich aktiv werden können. Wir arbeiten uns immer weiter im Weltspendenindex hoch, unsere Alltagshelden helfen für gewöhnlich Benachteiligten. Zehntausende gehören Opferhilfevereinen an. Wir haben die Willkommenskultur entdeckt. Und, wenn die Bundeswehr loszieht - dann natürlich im Namen der Opfer.

Noch lange keine echten Opferversteher

Die Deutschen und ihre obsessive Beschäftigung mit dem Opfer. Sie hat viel Gutes hervorgebracht, aber den Betroffenen geht es dadurch nur bedingt besser. Wir sind noch weit davon entfernt, echte Opferversteher zu sein.

Jan van Dijk: "Ich bin jetzt eigentlich selbst zu dem Schluss gekommen, nach Jahren der Forschung, dass die Opfer von Verbrechen in der westlichen Kultur unterdrückt werden."

Der Niederländer Jan van Dijk ist einer der bekanntesten Viktimologen weltweit - das sind die Wissenschaftler, die sich mit Verbrechensopfern auseinandersetzen. Er kommt auf die Wortgeschichte zurück. Denn in praktisch allen europäischen Sprachen werden Begriffe verwendet, die ursprünglich auf ein Tier verweisen, das rituell-religiös geschlachtet wird.

Van Dijk ist überzeugt, dass wir mit den Wörtern noch immer traditionelle christliche Konzepte transportieren.

"Wir haben alle noch irgendwo im Hinterkopf, dass Jesus Christus am Kreuz dazu aufgerufen hat, seinen Sündern zu vergeben, denn die wüssten nicht, was sie taten. Nach der christlichen Tradition muss das Leiden in Gelassenheit erduldet werden, also vor allem passiv."

Die Matthäus-Passion von Bach bringt das auf den Punkt, meint Van Dijk:

"Und dass wir in unserer Pein ihm ähnlich sollen sein.

Für Opfer ist das eine schwere Aufgabe. Denn die Opfer von schweren Verbrechen sind im Allgemeinen ziemlich aufgebracht. Und sie haben auch ein großes Bedürfnis danach, dass das große Unrecht anerkannt wird, dass ihnen durch einen Mitmenschen angetan worden ist. Für die Wut des Opfers bieten wir in unserer Kultur aber ziemlich wenig Platz. Opfer, die ihre Rechte einfordern, die wütend sind, die irritieren uns."

Unser ideales Opfer, schließt der Viktimologe, ist unschuldig, leidet tief, vergibt und verschwindet dann - demütig - in der Versenkung. Das wird erwartet.

Kinderkleidung hängt am 07.07.2016 in Berlin vor einem Hangar der Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof an einem Bauzaun zum trocken in der Sonne. (dpa / picture alliance / )Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof (dpa / picture alliance / )

Der Flüchtling soll demütig in der Unterkunft verharren, die geschlagene Ehefrau sich beim Täter-Opfer-Ausgleich versöhnen, die Terroropfer sollen vertrauensvoll auf staatliche Aufklärung warten.

"Eigentlich kann man sagen, dass wir die Opfer erneut opfern, indem wir sie zu Sündenböcken unserer Gesellschaft machen. Damit wir mit unserem friedlichen Leben einfach weitermachen können. Da stört ein streitbares Opfer. Wir wollen doch lieber, dass sie ruhig in ihrem Winkel bleiben, da kriegen sie dann unsere Mildtätigkeit."

Helga Pollak: "Sie bohren dann mit Fragen, die ja nichts Positives zulassen. Also weder interessiert sie, was die Lehrer freiwillig gemacht haben, um uns die Menschenwürde und die Kindheit irgendwie in diesem Ausnahmezustand zu erhalten, was die freiwillig für uns gemacht haben. Da sind sie ja gar nicht interessiert. Sie sind nur interessiert an der Rampe, und wie man da Appell steht und solche Sachen fragen sie da."

Helga Pollak-Kinsky, die Wienerin, die Theresienstadt und Ausschwitz überlebt hat. Sie weiß was ihre Erwachsenen deutschen Zuhörer wollen und sie fühlt sich nicht besonders wohl dabei. Wenn sie dann in diese Rolle des Holocaust-Opfers gedrängt wird.

"Ja, man will immer eigentlich die Opfergeschichte hören und ich erzähle nicht immer gerne die Opfergeschichte. Erstens sind sehr viele Jahre vergangen und auch das Schreckliche verblasst ja in einem. Man kann es immer wieder herausholen - aber wozu? Und ich habe auch sehr viel Positives erlebt in diesem Kinderheim, Zimmer 28 von dem ich gern erzählen würde, weil, das fehlt ja den Kindern auch eine Solidarität und ich weiß nicht ob sie genug Ethik haben. Ich erzähl gern auch über das Positive in Theresienstadt. Dass wir Hunger hatten, dass wir Angst hatten in einen Transport zu kommen, das viele Krankheiten waren, - das weiß ja eh jeder!"

Es ist ja auch ein bisschen peinlich. Mir auch. Natürlich hat die Rampengeschichte einen großen Unterhaltungsfaktor. Tarantino und Spielberg und der Spiegel wissen das auch. Noch besser: Gruselstunde mit der Zeitzeugin! Geil! Dann kann man sich beim Zuhören immer wieder selbst sagen, wie sehr man das Geschehene verabscheut. Da bin ich doch ganz nah am Opfer. Mein Opfer!

Bei Helga Pollak-Kinsky gibt es das nicht mehr.

"Das habe ich nur erlebt, das war in der Nähe von Bonn. Da haben sie mich… Das war am Abend, in einer Kirchengemeinde. Es war auch so Novemberstimmung und es war auch so ein bisschen neblig - es hat alles so gut zusammengepasst. Die haben so gebohrt, dass ich wirklich zu weinen anfing. Dann waren sie zufrieden. Der Klavierspieler war Psychiater und hat gefunden, das ist richtig so. Aber ich würde das nie wieder machen."

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