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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.08.2010

Zwischen Erinnerung und Jetzt

Nadja Küchenmeister: "Alle Lichter", Schöffling, Frankfurt am Main 2010, 104 Seiten

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Kunstvolles Verrätseln ist nicht Küchenmeisters Sache. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Kunstvolles Verrätseln ist nicht Küchenmeisters Sache. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

In ihrem ersten Gedichtband teilt Nadja Küchenmeister viel mit, aber plaudert nicht. Die Intensität, mit der sie der Stille, der Dunkelheit oder einer nur sekundenlang anhaltenden Bewegung nachspürt, erfordert bedächtiges Lesen.

In ihrem Debütband "Alle Lichter" arbeitet die 1981 in Berlin geborene Lyrikerin mit einer überraschenden Mnemotechnik: "gefangen im endlosen/nachmittagslicht. staub. staub. bin ich das insekt, das maßlos/erschöpfte", heißt es im Gedicht "staub". Beim "griff in die oblatenkiste", die mit Bildern vollgestopft ist, muss das lyrische Ich die Erfahrung machen, dass sich die Archive der Erinnerung nicht einfach öffnen lassen. So legt es sich auf die Lauer, abseits vom alltäglichen, geschäftigen Gang und lauscht den Dingen nach - bis der Sprachfunken aufspringt und ein Vers entsteht, in dem Fetzen des Vergangenen aufscheinen.

Die Intensität, mit der Nadja Küchenmeister der Stille, der Dunkelheit oder einer nur sekundenlang anhaltenden Bewegung nachspürt, erfordert ein bedächtiges Lesen. Lautlos schleift da der Saum einer Gardine über den Boden, bringt etwas in Bewegung, plötzlich "zittern die flusen" – bis sich die Gewissheit einstellt: "nichts davon für mich bestimmt". Aber wozu dienen all die Aufbrüche in die Fremdheit bekannter Orte?

Im Gedicht "gespiegelt", das mit der Widmung "für meine mutter" versehen ist, beginnt man etwas von der Rastlosigkeit des lyrischen Ichs zu ahnen, von der Sehnsucht, in die "bewegung der ungestümen/jungen jahre" zurückzufallen. Doch die Mutter beendet zu schnell das gerade erst begonnene Gespräch, kehrt in sich zurück und wäscht sich die "ungestümen/jungen jahre" fort – während das Ich wieder einmal "vergessen die eigene hand" hält.

Küchenmeister versteht es, sich an den Schmerzrändern zwischen Erinnerung und Jetzt einzunisten. Dabei schieben sich die Bilder ineinander. In der Montage von Imaginiertem und Realem ist kein Platz für Sentimentalität: "wie wir dann morgens hier in deinem haus ganz wieder/gegenwart das essen kochen".

Nadja Küchenmeisters Sammlung gliedert sich in neun Abteilungen. Unter wegweisenden Überschriften wie "sag nur kein wort", "stille kreise" oder "fremde signatur" gruppieren sich Gedichte, die eine ausgeprägt narrative Struktur aufweisen. Sie leben vom Kontrast in Form und Sprache.

Hier wird viel mitgeteilt, doch nicht geplaudert. Die Länge des Gedichts ergibt sich wie von selbst aus der Simultanität von Beobachtungen, Gedanken und Gefühlen. Eine durchgehende Kleinschreibung sorgt für die Gleichwertigkeit der Worte, während eine spärliche Interpunktion nur wenig Halt bei der Lektüre bietet.

Der Leser hat seine eigene Gangart zu finden. Und er findet sie auch, da hier nichts kunstvoll verrätselt wird. Denn Küchenmeister ist an lyrischen Gebilden interessiert, die angenehm klar die verschlungenen Wege des Erinnerns beschreiben.

Besprochen von Carola Wiemers

Nadja Küchenmeister: Alle Lichter
Schöffling, Frankfurt am Main 2010
104 Seiten, 16,90 Euro

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