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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.08.2008

Zwerchfellerschütternd

Die Opernparodie "Irmingard“ beschließt die Saison der Salzburger Festspiele

Von Ulrich Fischer

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"Irmingard" von Bernd Jeschek auf den Salzburger Festspielen. (Ursula Kaufmann)
"Irmingard" von Bernd Jeschek auf den Salzburger Festspielen. (Ursula Kaufmann)

Einen krönenden Abschluss der Salzburger Festspiele bieten Regisseur Bernd Jeschek und die Blechbläserband Mnozil Brass mit ihrer Opernparodie "Irmingard". Der Inhalt: Eine zickige Prinzessin macht sich auf die Suche nach dem passenden Prinzen. Das Besondere: Alle Spieler ziehen sich irgendwie selbst durch den Kakao und verursachen beim Publikum schallendes Gelächter.

"Irmingard", die neue Création von Mnozil Brass, übertraf mal wieder alle Erwartungen. Mit Ovationen wurden die sieben Blechbläser aus Wien (Brass, englisch für Messing, gleich Blechbläser; Mnozil heißt die Kneipe in Wien, wo die Sezessionisten zechen und ihre Anschläge auf die Hochkultur ausbrüten) und ihr Regisseur und Librettist, Bernd Jeschek, im "republic"" überschüttet. Während der zweistündigen Uraufführung am Sonntag in Salzburgs altem Stadtkino wackelten die Mauern, denn das Gelächter war homerisch.

Irmingard heißt eine Prinzessin auf der Suche nach einem Prinzen, denn ihr Opa, der Kaiser, drängt auf Erhalt der Dynastie. Mit sechs Baronessen macht sie sich auf den Weg. Da aber nur sieben Spieler zur Verfügung stehen, können Hoheit und ihr Gefolge niemand finden. Auch die sieben Prinzen haben keine Chance bei ihrer Suche nach einer Prinzessin, mit Hilfe derer sie für Nachwuchs sorgen können. Es erhebt sich die bange Frage: Ob? Und wenn ja, wie? Zumal die Prinzessin zickig ist und Männer für Schweine hält.

In der Werbeschrift war das Projekt als Projekt angekündigt: "Wahrscheinlich eine Oper in zwei Akten". Es war aber abzusehen, dass es eine Opernparodie werden würde. Spätestens seit dem "Trojanischen Boot" ist der Steckbrief der geistreichen Musiker weithin bekannt: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung.

Eine solide Grundlage für ihren alles durchdringenden Humor legt Mnozil Brass durch Selbstkritik: Sie ziehen sich selbst zu allererst durch den Kakao. Vor allem als Musiker. Sie zeigen, wie eine schlechte Gedankenlosigkeit Traditionen des 19. Jahrhunderts zu Tode reitet. Es ist ganz einfach, einen afrikanischen Prinzen musikalisch zu charakterisieren, Kriegstanzrhythmen, und bei einem Ungarn spielt man den üblichen Paprikapfeffer.

Überdies sind die Herren nicht ganz von der Überlegenheit ihres, des starken Geschlechts überzeugt. Sie spielen vielmehr statt strahlender Prinzen arme Würstchen, die gern strahlende Prinzen wären. Zu allem Unglück sind sie auch nicht von der Vollendung des schönen Geschlechts überzeugt: Wenn sie Damen spielen - und sie müssen, sie haben keine weiblichen Ensemblemitglieder -verfügen diese über wenig Liebreiz und wirken ein wenig mannstoll; über die Intelligenz der Prinzessin schweigt des Sängers Höflichkeit. Sie soll schließlich nicht studieren, sondern sich vermehren.

Mnozil Brass macht alles selbst. Sie spielen auch das Bühnenbild. Da muss ein Zeichen herhalten für eine ganze Situation. Ein Reif um den Kopf reicht für die Prinzen, für die Prinzessin und ihre Baronessen ein Blumenkranz. Am schönsten ist immer der Moment, wenn das Ensemble ein Ungeheuer braucht - es spielt den Drachen selbst. Er ist ein bisschen harmlos, sehr sympathisch, speit akustisch aber ungeheuer Feuer - über die Gefährlichkeit sollte sich niemand täuschen.

Mnozil Brass gewinnt das Publikum, indem die Herren ihre Zuschauer für intelligent ansehen und auf unsere produktive Einbildungskraft setzen. Wir danken es durch aktive Mitarbeit und halten im Rückkehrschluss Mnozil Brass für ebenso intelligent. Das augenzwinkernde Einverständnis erweist sich als solide Grundlage für einen durchschlagenden Erfolg.

Der Angriff des Drachens ist gefährlich, aber auch die Attacke von Mnozil Brass ist nicht ohne. Jeder kann den Abend als heitere Unterhaltung konsumieren. Es steckt aber mehr dahinter. Die Oper wird im Kern getroffen, wenn Fachleute wie diese virtuosen Bläser feststellen, dass Opernlibretti allzu oft banaltrivialganzegal sind, eine prästabilierte Harmonie voraussetzen und, konservativ bis in die verkalkten Knochen, als Kunstform mit den bestehenden Verhältnissen, so prekär sie auch sein mögen, versöhnen.

Sie wollen wissen, ob Irmingard ihren Prinzen bekommt? Gehen Sie bitte selbst hin, wenn Sie die Spannung nicht ertragen können. Aber übers Happy End will ich Sie indes nicht im Zweifel lassen: Für Mnozil Brass ging die Uraufführung gut aus. Sehr gut!

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