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Konzert / Archiv | Beitrag vom 29.09.2020

Zwei Trios im Flagey in BrüsselMusik aus dem ehemaligen Rundfunkhaus

Moderation: Volker Michael

Ein Neubau am See gelegen mit nächtlicher Beleuchtung. (imago images / Reporters / Oivier Polet)
Das Kulturzentrum Flagey in Brüssel. (imago images / Reporters / Oivier Polet)

Das Flagey war früher das zentrale Gebäude des belgischen Rundfunks. Dass hier Musik stattfindet, hat also Tradition. Hier entstanden die Kammermusikaufnahmen mit aparten Triobesetzungen - darunter das Trio Capricorn mit Mezzosopran, Viola und Klavier.

Flagey ist der Name des Kulturzentrums in Brüssel, der Hauptstadt Belgiens und der Europäischen Union. Von dort kommen diese Aufnahmen. Das Flagey war früher das zentrale Gebäude des belgischen Rundfunks. Dass hier Musik stattfindet, hat also Tradition. Zwei verschiedene Trios traten im August auf - sehr unterschiedliche Trios mit sehr unterschiedlicher Musik.

Zwei mal drei

Das Trio Capricorn umfasst eine Sopranstimme, eine Bratsche und ein Klavier. Und das Trio Fenix besteht aus Geige, Bratsche und Cello. Sie sind allesamt belgische Künstlerinnen und Künstler. Das Trio Fenix interpretiert je ein Werk von Jean Cras und Mieczysław Weinberg.

Von Brest nach Brest

Von Brest nach Brest könnte man diese Kombination überschreiben. Ein bretonischer Komponist und ein polnischer Komponist, der in der Sowjetunion die Schoa überleben konnte.

Jean Cras hat als Admiral das Komponieren nur im Nebenfach betrieben. In seiner Heimatstadt Brest war er zuletzt Kommandeur des Militärhafens, als er 1932 plötzlich starb. Zu Lebzeiten hatte seine Musik in Frankreich den gleichen Rang wie die von Maurice Ravel. Das hat sich nach seinem Tod sehr schnell geändert. Als Marineoffizier war Jean Cras viel unterwegs in der Welt.

Bretonischer Admiral komponiert

Das spiegelt sich auch in seiner Musik wieder, hörbar auch an den vielen überraschenden Ideen in seinem Streichtrio von 1925. Zumeist komponierte er an Bord von Kriegsschiffen, mit denen er unterwegs war. Er liebte fremde Kulturen. Doch auch ein starker Bezug zur bretonischen Volksmusik ist nicht zu überhören.

Eine Dame in Abendkleidung steht hinter einem weißen Stuhl, der zwischen zwei weiteren steht, die von zwei Männern, ebenfalls in Abendkleidung, besetzt werden. (Trio Fenix / Presse)Das Trio Fenix besteht seit gut zehn Jahren und kümmert sich auch um weniger bekanntes Repertoire. (Trio Fenix / Presse)

Jean Cras schrieb viele verschiedene Werke, darunter auch ein Klavierkonzert für seine Tochter. Die hatte den in Frankreich lebenden polnischen Komponisten Aleksander Tansman geheiratet.

Flucht nach Osten

Ein anderer polnischer Komponist ging nicht nach Westen, sondern nach Osten. Dort konnte er Krieg und Völkermord überleben. Mieczysław Weinberg fand Zuflucht in der Sowjetunion. Sein Werk ist in den letzten Jahren immer mehr entdeckt und anerkannt worden. Sein musikalisches Leben war von seiner engen Freundschaft zu Dmitrij Schostakowitsch geprägt, der ihn sehr gefördert hatte.

Trio aus der Schublade

Weinbergs Streichtrio op. 48 komponierte Weinberg 1950 in Moskau. Es wurde zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt. Die Jahre zwischen Kriegsende und Stalins Tod 1953 waren eine schwere Zeit für den Komponisten. In der zweiten Verfolgungswelle war sein Schwiegervater, ein bekannter Schauspieler und Regisseur von Stalin ermordet worden. Und nach Vollendung dieses Trios sollte es nicht lange dauern, bis auch Weinberg im Gefängnis landete.

Ein Mann stützt versonnen seinen Kopf auf die Hände, die er über eine Stuhlkante gelegt hat. (Mieczyslaw Weinberg / Weinbergsociety)In Polen geboren, fand er schließlich seinen Lebensmittelpunkt in Moskau (Mieczyslaw Weinberg / Weinbergsociety)

Das Trio birgt unterschiedliche Seiten: eine hintergründig-fröhliche, dann wieder eine geheimnisvoll-gedrückte. Viele folkloreartige Einschübe gibt es darin, ähnlich wie im Trio von Jean Cras.

Bratsche im Fokus

Der erste Teil ist dem speziellen Setting aus höherer Stimme, Viola und Klavier gewidmet. Johannes Brahms gilt als Schöpfer dieser Formation. Sein Ursprungswerk, die zwei Lieder op. 91, steht als zweites auf dem Programm.

Ein Musiker sitzt umrahmt von seinen Musikpartnerinnen auf einer Klavierbank vor einem Flügel. (Trio Capricorn / Presse)Das Trio Capricorn mit Katarina Van Droogenbroeck (Mezzosopran), Hélène Desaint (Viola) und Philippe Riga (Klavier). (Trio Capricorn / Presse)

Das Programm beginnt mit Three Songs von Frank Bridge. Der britische Komponist von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bekannt auch als Lehrer von Benjamin Britten, war selbst Viola-Virtuose und hatte also einen engen Bezug zum Lied mit doppelter Begleitung.

Außerdem gibt es ähnlich besetzte Lieder von Adolf Busch, Camille Saint-Saëns, Charles Martin Loeffler und Lady Dean Paul Poldowski. Das Programm bietet auch zwei Werke von Franz Liszt für Stimme und Klavier bzw. Bratsche und Klavier, die eng zusammenhängen.

Anrührend und intensiv

Tränen der Frauen - "les Pleurs des femmes" - dieses Gedicht einer russischen Gräfin vertonte Franz Liszt gleich mehrfach. Ihm taten die Tränen seiner Ex-Geliebten, der Comtesse Marie d’Agoult leid. Später machte er daraus noch ein Stück für Viola und Klavier und nannte es "Romance oubliée" - vergessene Romanze.

Ob er die Dame je vergessen hat? Seine intensive und anrührende Musik kündet vom Gegenteil.

Paarberatung mit zwei Liedern

Johannes Brahms muss bestimmte Personen und Stimmungen im Sinn gehabt haben, denn eine tiefere Frauenstimme und eine Bratsche teilen sich nicht selten den  gleichen Tonraum. Dennoch ist es besonders reizvoll, für die beiden Musiklinien zu schreiben, die sich gegenseitig umspielen, verstärken, bejahen oder in Frage stellen. 

Sein op. 91 bringt das Zitat des Volksliedes "Josef lieber Josef mein", damit bezieht sich Brahms sich auf den Widmungsträger des Trioliedes, Joseph Joachim mit seiner damaligen Gattin Amalie. Brahms begleitete das unruhige und oft unglückliche Eheleben des Geigers und der Sängerin.

Tradition angestoßen

Mit den Liedern wollte er wohl direkt eingreifen und beide Seiten zur Versöhnung anstiften. Das war ziemlich vergeblich. Mit seinen zwei Gesängen für Altstimme, Viola und Klavier op. 91 hat Brahms trotz allem ein Genre geschaffen, das oft mit wunderbaren Beiträgen nachgeahmt oder fortgesetzt wurde, wie dieses Musikprogramm beweist.

Flagey Brüssel
Aufzeichnungen vom 9. und 30. August 2020

Frank Bridge
Three Songs H. 76

Johannes Brahms
Zwei Gesänge für eine Altstimme mit Viola und Klavier op. 91

Adolf Busch
Drei Lieder für Singstimme, Viola und Klavier op. 3a

Camille Saint-Saëns
"Violons dans le soir"

Franz Liszt
"Oh, pourquoi donc" S. 301a  (Les pleurs des femmes)
"Romance oubliée" S. 132

Charles Martin Loeffler
Quatre poèmes op. 5

Lady Dean Paul Poldowska
"Soir"

Trio Capricorn:
Katarina Van Droogenbroeck, Mezzosopran
Hélène Desaint, Viola
Philippe Riga, Klavier

Jean Cras
Streichtrio

Mieczysław Weinberg
Streichtrio op. 48

Trio Fenix:
Shirly Laub, Violine
Tony Nys, Viola
Karel Steylaerts, Violoncello

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