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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 13.10.2014

ZwangsprostitutionDie Madames und ihre Mädchen

Wie junge Nigerianerinnen in die Prostitutionsfalle geraten

Von Lukas Roegler, Katrin Eckert und Beatrice Weiskircher

Die Beine von zwei Frauen als Silhouetten am 05.09.2013 in Berlin
Immer öfter auch in Deutschland: Zwangsprostitution

Ein okkulter Schwur und immense Schulden zwingen junge Nigerianerinnen in deutsche Bordelle. Die Polizei steht hilflos vor dem nigerianischen Frauenhandel. Dieses Feature legt das perfide System der Menschenhändler offen und schildert das Versagen des deutschen Rechtsstaates im Kampf gegen die Zwangsprostitution.

Jennifer: "Das Geld kannst du selber nicht behalten. Du machst das für andere und dann überlegst du:'Wie lange muss ich dann die Schulden abbezahlen?'"

Tracy: "Wenn ein Mann auf mir lag, hab ich einfach versucht an etwas anderes zu denken. In Gedanken einfach zu fliehen ...

Ich hab im selben Bett geschlafen, in dem ich die Freier bedient habe. Ich hab nur das Laken umgedreht."

Jennifer: "Wo mich nicht dran gewöhnt habe, war dass ... welche da waren, die wirklich so gestunken haben, unerträglich. Das geht nur dann: 'Mit wie vielen Männern musst du schlafen, dass du das, diese Summe kriegst'."

Tracy:"Ich hab morgens um 10:00 angefangen und dann bis 6:00 am nächsten Morgen. Jeden Tag. Oft nur zwei, drei Stunden Schlaf. Drei Monate ohne Pause. Arbeiten, Schlafen, Arbeiten, Schlafen..."

Jennifer: "Ich war wirklich in Gedanken nur weg, in Gedanken weg. Keine Träume, nur einfach weg. Das war wirklich wie Sklaverei."

400.000 Frauen und Mädchen. So viele Prostituierte soll es in Deutschland geben. So viele wie in keinem anderen Land Europas. Das Geschäft mit dem Sex blüht.

Doch das Problem dabei: Jeden Tag werden abertausende Frauen und Mädchen gezwungen, ihren Körper zu verkaufen. Immer mehr von Ihnen kommen aus Nigeria.

Was hilft gegen Zwangsprostitution?

Um den Opfern zu helfen, werden derzeit die unterschiedlichsten Modelle diskutiert. Aber was hilft den Zwangsprostituierten wirklich? Und wie kann man die kriminellen Netzwerke der Menschenhändler am wirksamsten bekämpfen?

Um diese Fragen zu beantworten, muss man wissen, wie der nigerianische Frauenhandel funktioniert.

Jennifer ist eines der Opfer, das uns Einblick in das System gewährt. Sie lebt irgendwo in Deutschland. Ihren Namen haben wir geändert.

Ein Wohnzimmer. Weiße Tischdecke, Orchideen auf der Fensterbank. Mittendrin eine hübsche, schwarze Frau, Mitte Zwanzig. Jennifer erzählt, wie alles angefangen hat, in Nigeria.

Jennifer: "Wenn diese Schule nicht abgebrochen wäre - ich wäre heute nicht hier. Bevor mein Vater arbeitslos geworden war das Leben schön. Die Zukunftsperspektive war voll da, ne, dass ich irgendwann studiere."

Jennifer ist gerade mal 18 als ihr Vater den Job verliert und sich ihr Leben schlagartig ändert. Der Traum vom Studium platzt – stattdessen soll sie einen 30 Jahre älteren Mann heiraten.

Jennifer: "Mit 18 zu heiraten, das ist zu jung für mich, sag ich mal so. Und das ist auch Zwang. Das war Flucht, wo ich sagen, ich laufe lieber weg als da überm Zaun zu hängen, auf gut deutsch gesagt, ne."

Die Situation scheint ausweglos. Da bietet eine Nachbarin an, sie nach Deutschland zu bringen.

Jennifer sagt ja. Aber die Reise ist teuer und sie hat kein Geld. Sie muss versprechen später für die Kosten aufzukommen. Wie hoch diese sein werden, ist ihr da noch nicht klar. Dann kommt alles ins Rollen:

Jennifer: "Da wo ich mich entschieden habe, gingen wir fast jeden Tag raus zum Medizinmann. Bei dem Medizinmann hab ich geschwört, das Geld zurück zu bezahlen."

Der "Medizinmann" ist ein Voodoopriester und zwingt sie zu einem Ritual. Darüber reden will sie nicht.

Von der eigenen Tante angeworben

Viele Mädchen haben vom Leiden anderer Nigerianerinnen gehört. Aber sie fühlen sich in Sicherheit. Denn oft sind es Verwandte, die sie nach Europa verschleppen. So ist es auch Tracy ergangen. Sie sitzt in einem Kölner Hotelzimmer. Auch sie will ihre Identität nicht preisgeben. Tracy kam mit 17 nach Deutschland, um zu arbeiten und ihre Familie in Nigeria zu unterstützen.

Tracy: "Sie haben mir den Pass von einer anderen gegeben. Aber die auf dem Foto sah genauso aus wie ich. Ich musste mir die gleiche Frisur machen und Namen und Geburtsdatum auswendig lernen. Ich hab eine Woche Deutschunterricht bekommen. Dann ging es nach Europa."

Tracy wurde von ihrer eigenen Tante angeworben.

Tracy: "Als ich in Frankfurt ankam, hat mich jemand abgeholt und in ein Restaurant gebracht: 'McDonald's', aber das kannte ich damals nicht. Irgendwann hat mich der Mann meiner Tante abgeholt. Nach vier Stunden Fahrt kamen wir zu ihrem Haus. Sie hat sich gefreut und meinte 'Als ich Dich letztes Mal gesehen habe, warst du noch ein Baby.' Und ich: 'Das stimmt, aber jetzt bin ich ein großes Mädchen.' Sie war happy. Ich war happy. Sie fragte nach der Familie, meinen Brüdern und Schwestern. Ich war richtig glücklich. Dann hat sie mir mein Zimmer gezeigt. Überall lagen Frauenkleider herum. 'Wer sind denn all diese Mädchen, die hier wohnen?' Sie sagte 'Das sind solche, wie Du' ..."

Ihre Tante entpuppt sich als Zuhälterin. Drei andere Mädchen schaffen schon für sie an. Einzige Sonderbehandlung: Statt sechzig- muss sie nur fünfzigtausend Euro abbezahlen. Ein Familienrabatt.

Tracy: "Sie haben mir einen Plastikpenis hingestellt. Ich sollte Kondome darüber ziehen. Das hab ich zwei Mal gemacht. Danach musste ich mit Highheels laufen üben. Zwei Tage immer die Treppe hoch und runter. Am dritten Tag musste ich zur Arbeit..."

Genau wie für Tracy, ist es auch für Jennifer ist es ein Schock, als ihr plötzlich klar wird, weshalb sie nach Deutschland geholt wurde. Sie versucht, sich zu weigern.

Jennifer: "Ich sage: 'Nein, mach ich nicht.' Man kann auch mit was anders, normalem Job, das Geld bezahlen. Und dann lacht sie erstmal, sie lacht und rollt sich auf dem Boden und sagt: 'Meine Güte'. Sowas hat sie noch nicht mal erlebt. Sie hat schon mehrere Mädchen, die sind alle so, ... die verstehen alle sofort, was hier passiert. Und sie sagt: 'Halt einfach den Mund, ich kann nicht Ewigkeit auf dein Gelaber warten. Wie lange willst du mein Geld bezahlen? Zehn Jahre, fünf Jahre, Zwanzig?! Wenn du nicht maximal drei Jahre mein Geld nicht zurück bezahlst, alles, wird immer wieder verdoppelt.' Da hab ich wirklich ernst geguckt."

Am Ende werden Jennifer und Tracy zur Prostitution gezwungen. Von Frauen. Von Personen, denen sie vertraut hatten. Es sind Frauen, die Frauen versklaven.

Gehen sie zur Polizei droht die Abschiebung

Saarbrücken – hier arbeitet Kriminaloberkommissar Bernhard Busch. Der 56-jährige kämpft seit Jahren gegen die nigerianischen Zuhälterinnen. Kaum ein Ermittler kennt den Frauenhandel so gut wie er.

Bernhard Busch: "Am Anfang haben wir uns gewundert, dass dieser ganze Zuhälterbereich, wird ja im nigerianischen Menschenhandel von Frauen betrieben. Diese Madame organisiert ja die ganze Schleusung über Passbeschaffung, Transport usw. und dann kommt das Mädchen nach Europa und dann wird den Mädchen oft erst gesagt was sie überhaupt arbeiten sollen."

Damit die Mädchen in diesem Moment nicht weglaufen oder zur Polizei gehen, greifen die Zuhälterinnen zu einem einfachen aber sehr effektiven Mittel.

Bernhard Busch: "Ab diesem Zeitpunkt, wo sie gelandet ist, wird ihr der Pass abgenommen. Das Mädchen ist also vollkommen illegal. Die Madame sagt ihr das auch. Wenn das Mädchen mit diesem Bewusstsein hier konfrontiert wird, hat es direkt Angst. Es hat Angst sich überhaupt draußen auf der Straße zu bewegen."

Weil die Frauen illegal eingereist sind und in Deutschland kein Aufenthaltsrecht haben, sind sie den Madames komplett ausgeliefert. Gehen sie zur Polizei droht die Abschiebung - und das Ende ihres Traums von einem besseren Leben in Europa.

Niemand weiß, wie viele nigerianische Frauen das Schicksal von Jennifer und Tracy teilen. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber europaweit sollen 50.000 Nigerianerinnen als Zwangsprostituierte arbeiten.

"Du musst mit vielen Männern schlafen"

Duisburg. Im Vulkanviertel steht eines der größten Laufhäuser der Republik. 400 Zimmer, einige hundert Frauen aus der ganzen Welt. Schummriges Licht. Auf Barhockern warten Prostituierte in knapper Unterwäsche auf Kunden.

Es geht über Brücken, in Hinterhöfe – hier sind mehrere Bordells miteinander verbunden. Ein Laufhaus ist wie ein riesiges Einkaufszentrum. Die Frauen sind die Ware. Es sind auffällig viele junge Männer unterwegs – vielleicht gerade mal 18 oder 19 Jahre alt.

Für Sex scheint wohl kein Weg zu weit zu sein – unter den Duisburger Freiern sind auch viele Holländer und Belgier.

Und überall Afrikanerinnen. Zum Teil blutjung. Von Jennifer und Tracy wissen wir, dass die Madames den Mädchen einbläuen, zu schweigen. Auch was ihre genaue Herkunft angeht. Trotzdem finden wir Frauen, die aus Nigeria kommen.

Eigentlich brauchen Frauen Papiere, um sich in Bordellen einzumieten. Ohne Aufenthaltsrecht geht das nicht. Hier greifen die Madames zu einem Trick und mieten ihre Mädchen mit sogenannten Look-alike-Papieren von legal in Deutschland lebenden Afrikanerinnen ein. Da die Polizei oft eine Afrikanerin nicht von der anderen unterscheiden kann, funktioniert so etwas.

Gleiches Bild in Aachen, Nordrhein-Westfalen. Auch hier: nigerianische Prostituierte. Die meisten scheinen unter großem Druck zu stehen.

Im Auto mit Jennifer und Tracy. Die Fahrt geht vorbei an Bordellen, in denen sie anschaffen mussten. Erinnerungen kommen hoch. An ihren ersten Tag.

Damit sie schnell lernt, soll Jennifer einer anderen Frau beim Sex mit einem Freier zusehen.

Jennifer: "Das war der erste Schock, ich konnte das nicht gucken. Ich konnte das nicht gucken."

Tracy: "Am ersten Tag im Bordell, habe ich mit einem Mann geschlafen. Er hat mir hundert Euro bezahlt. Ich hab mir gesagt: 'Für heute bist Du fertig' und hab die Tür zugemacht. Dann rief meine Tante an und fragte: 'Was machst Du?' 'Ich ruh mich aus.' Da sagte sie: 'Du musst mit vielen Männern schlafen! Jeden Tag!' Ich hab sie angefleht: 'Aber Tante, das kann ich nicht!'"

Jennifer: "Ich war wirklich in Gedanken nur weg, in Gedanken weg. Keine Träume, nur einfach weg. Das war wirklich wie Sklaverei."

Tracy: "Ich hab bestimmt mit 2.000 oder 3.000 Männern geschlafen. Es waren so viele ..."

Die Madame nutzt die Unwissenheit der Mädchen aus

Bernhard Busch rechnet vor wie lukrativ das Geschäft für die Madames ist.

Bernhard Busch: "Man baut da richtige Schuldenfallen auf für die Mädchen. Das Mädchen reist ein und kriegt von ihrer Madame gesagt, ja du musst 40.000 Euro abbezahlen."

Dazu kommen ständig weitere Kosten: Für die falschen Pässe, um die Mädchen in die Bordelle einzumieten, für Kosmetika, für Kleidung. Oft nutzt die Madame die Unwissenheit der Mädchen aus. Da diese selbst nicht einkaufen können, werden viel zu hohe Preise abgerufen. So gehen beim Shopping von ein paar Billig-Klamotten schon mal 2.000 Euro drauf – angeblich.

Bernhard Busch "Also, die Madam verdient von dem Mädchen um die 60.000 Euro. Die Schleuserorganisation verlangt heute für eine Schleusung also um die 10.000 Euro. Dann hat die Madame einen Reingewinn von 50.000 Euro bei jedem Mädchen, das sie hat."

Und das ist ja nur für ein Mädchen?

Bernhard Busch: "Das ist immer nur für ein Mädchen, ja. Und ich hab also noch keine Madame gesehen, die nur ein Mädchen hatte."

Geht man davon aus, dass eine Madame bis zu 20 Mädchen anschaffen lässt, kommt sie auf einen Reingewinn von einer Million Euro.

Ist Deine Tante reich?

Tracy: "Ja, sehr reich. Jede Woche musste ich 1.000 Euro abliefern. Wenn ich die nicht zusammengekriegt habe, hat sie jemand vorbeigeschickt, um mich zu schlagen."

Kinder über Menschenhandel aufklären

Benin City, Nigeria: Der Dreh- und Angelpunkt des nigerianischen Menschenhandels. Rote Schlammpisten mit Schlaglöchern und jeden Tag Schusswechsel. Benin City ist extrem gefährlich. Diese Aufnahmen sind nur durch Polizeischutz möglich.

Die Maria Goretti-Mädchenschule im Osten der Stadt. Ein ganz normales Viertel. Die Hilfsorganisation GPI will die Kinder über Menschenhandel aufklären. Eine Mitarbeiterin fragt einige Schülerinnen nach ihren Zukunftsplänen.

Mitarbeiterin: "Wer von euch hat schon mal von Europa gehört: Italien, London, Spanien?"

Alle nicken. Vom "Paradies Europa" haben natürlich alle gehört.

Mitarbeiterin: "Habt ihr Geschwister dort? Einen Bruder? Eine Schwester?"

Jedes der Mädchen hat eine Schwester in Europa.

Mitarbeiterin: "In welchem Land sind sie? ... Beide in Deutschland? Seid Ihr Geschwister?"

Die Tante des Mädchens erzählte ihr, dass die großen Schwestern in Deutschland seien.

Mitarbeiterin: "Und haben sie sich verändert, seit sie dort sind?"

Schülerin: "Yeah. They have."

Mitarbeiterin: "Haben sie jetzt mehr Geld?"

Alle: "Yes."

Mitarbeiterin: "Sie haben also mehr Geld - würdet Ihr auch gerne ins Ausland?"

Alle: "Yes."

Eine Schülerin: "Ich möchte weg, um frei zu sein. Ich habe gehört, dass die Menschen in Europa frei sind und machen können was sie wollen. Hier geht das nicht."

Mitarbeiterin: "Was ist mit Dir?"

Andere Schülerin: "Ich will ins Ausland, damit es meiner Familie besser geht."

Weitere Schülerin: "Ich werde gehen, weil ich meiner Tante vertraue."

Vorherige Schülerin: "Ich würde nicht eine Sekunde zögern."

Mitarbeiterin: "Du würdest einfach gehen?"

Schülerin antwortet: "Auf jeden Fall!"

Mitarbeiterin: "Oh my God! Und Dir ist es egal, was Du dort machen wirst?"

Der Traum vom großen Glück in Europa – fast jedes Mädchen will weg aus Nigeria. Viel Arbeit für die Hilfsorganisation.

Ein Mädchen erzählt die Geschichte ihrer Nachbarin: "Die Madame hat ihr versprochen, dass sie in Deutschland heiraten und arbeiten kann. Ihre Eltern waren auch einverstanden. Die Madame brachte sie dann zum Ayelala"

Ayelala - das ist der Voodoo-Priester. Eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation hängt ein Plakat auf. Darauf sind Frauen, die vor einem Priester knien. Eine Schülerin erklärt wie das mit dem Voodoo-Schwur funktioniert.

Schülerin: "Das sind die Mädchen, die den Schwur leisten müssen. DAS ist der Priester, der ihnen den Schwur abnimmt. Und DAS ist die Madame. Der Priester nimmt den Mädchen die Schamhaare ab.Dann müssen sie schwören, der Madame das Geld für die Reise zurückzuzahlen. Wenn du dich weigerst, ihr das Geld zurückzuzahlen, benutzen sie deine Schamhaare, um dich zu bestrafen."

Wenn man den Schwur bricht, muss man dann Angst haben?

Schülerin antwortet: "Ich hätte Angst. Aber ich bin ja Christin und würde auch in Gott vertrauen."

Die anderen Schülerinnen: "No!!!"

Schülerin: "Ich sag einfach nur meine Meinung. Ihr könnt denken, was Ihr wollt."

Es liegt also nicht an fehlender Aufklärung – die Schülerinnen wissen erstaunlich gut Bescheid über die Priester und ihre Machenschaften. Trotzdem wollen fast alle nach Europa.

Treffen mit einem Oberpriester

Auf dem Weg zu einem der Vodoo-Priester ca. zehn Kilometer von Benin-City entfernt. Ein Mittelsmann hat den Kontakt hergestellt.

Ein überraschend junger Vodoo-Priester in knallroter, völlig zerfranster Kutte freut sich über den Besuch. Das Mikrofon sieht er nicht.

Ein schwerer Vorhang trennt die gewöhnliche Welt von der der Voodoo-Priester. Im Staub auf dem Boden ist ein Pentagramm aufgemalt – ein Symbol des Okkulten. Tierschädel und Knochen übrall. Frisches Tierblut. Es riecht süßlich, nach Verwesung und Tod. Mehrere Priester sind heute hier.

Das ist also der Ort, an dem Frauen wie Tracy und Jennifer ihrer Madame die Treue schwören und sich verpflichten, ihre Schulden zu begleichen.

Hinter ein paar Knochen zieht einer der Priester eine schwarze Schlange hervor. Ihr fehlt der Kopf. Er lutscht auf ihr herum.

Dann werden wir zum Oberpriester ins Hinterzimmer gerufen.

Priester: "Wenn Du Mädchen in Deutschland brauchst, sag's mir. Ich besorg Dir welche. Sie leisten den Schwur und kommen rüber. Sie arbeiten ihr Geld ab. Danach geht jeder seines Weges. So läuft das. Das ist mein Job. Deswegen seid ihr doch hier, oder?"

Aber weshalb haben die Opfer solche Angst vor den Priestern?

Helen war fünf Jahre lang Prostituierte

In Benin City treffen wir Frauen, die in Europa mit Hilfe des Schwurs zur Prostitution gezwungen wurden. Sie erinnern sich mit Schrecken daran.

Faith: "Manche Frauen, die sich weigern ihre Schulden zu begleichen, werden einfach verrückt. Einige sterben plötzlich. Andere ertränken sich einfach im Meer. Das ist afrikanische Magie. Alle haben Angst davor. Deshalb machst du alles was sie Dir sagen."

Mitarbeiterin NGO: "Hast Du deswegen auch nicht mit der Polizei gesprochen, bevor Du abgeschoben wurdest?"

"Klar, als ich daran gedacht habe, mit denen zu reden, da habe ich geblutet. Einen Monat lang hatte ich meine Tage. Das war meine Madame!"

Der Traum von Europa platzt schnell. Wer aus Europa abgeschoben wird, hat es in Nigeria schwer. Fünf Jahre muss Helen in Europa als Prostituierte arbeiten, dann wird sie verhaftet und abgeschoben. Ihr selbst bleibt nichts. Heute teilt sich Helen mit ihrer Schwester und ihrer Familie ein Zimmer. Fünf Personen auf zehn Quadratmeter.

Wie sehen dich die Leute hier?

Helen: "Als Versagerin. Manche kommen zurück und bauen sich Häuser. Über Dich sagen sie: 'Hey, guckt Euch die an! Die hat gar nichts.' Sie machen sich über Dich lustig. Das tut weh. Manchmal wollte ich mich nur noch umbringen."

Als Helen abgeschoben wird, hat sie bereits einen Großteil Ihrer Schulden abbezahlt. Andere haben weniger Glück. Einmal zurück in Nigeria, treiben die Madames weiter ihre Schulden ein und stürzen ganze Familien in den Ruin. Deswegen wollen die Opfer eine Abschiebung nach Nigeria um jeden Preis verhindern.

Madames sind oft mit Deutschen verheiratet

Saarbrücken. Kriminaloberkomissar Bernhard Busch erklärt warum sich die Madames in Deutschland so sicher fühlen.

Bernhard Busch: "Sie können nicht abgeschoben werden. Sie sind teilweise mit einem Deutschen verheiratet, manche haben sogar die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Die haben eine Machtdomäne gegenüber den Mädchen, die illegal hier sind."

Wie endet denn die Zwangsprostitution für die meisten Frauen?

Bernhard Busch: "Die Zwangsprostitution für die meisten Frauen endet mit einer Festnahme durch die Polizei."

Aber genau dies ist ein Problem, weiß Magarete Muresan. Die 30-Jährige ist Vorstandsmitglied des KOK, des bundesweiten Koordinierungskreises gegen Menschenhandel. Seit 2010 engagiert sie sich für Frauen wie Jennifer, Tracy oder Helen.

Margarete Muresan: "Aus unserer Erfahrung braucht es für die Betroffen von Menschenhandel sehr lange Zeit, dass sie der Polizei vertrauen. Weil sie aus dem Heimatland andere Erfahrungswerte mit der Polizei haben - gerade wenn wir über Betroffene aus Nigeria sprechen. Wir haben Frauen hier die bis zu ein, zwei Jahre gebraucht haben, um die Wahrheit zu sagen."

Jennifer brach sich die Wirbelsäule

Auch Jennifer wird mehrmals von der Polizei aufgegriffen. Stets schweigt sie und wird wieder laufen gelassen. Als sie ihre Schulden abbezahlt hat, denkt sie, sie sei endlich frei. Ihr Traum von einem neuen Leben ist zum Greifen nah. Jennifer will unbedingt in Deutschland bleiben und stellt einen Asylantrag.

Doch ihr absoluter Tiefpunkt steht ihr noch bevor. Vor ihrem ehemaligen Asylbewerberheim beschreibt sie diese Zeit.

Jennifer: "Du hast einen Duldung in der Hand, mit dem kannst du nichts tun. Ich konnte nur in einen bestimmten Bezirk gehen, wo ich mich bewegen kann. Du darfst kein Geld verdienen. das ist wie im Knast."

Verzweifelt stürzt sie sich nachts aus dem Fenster, um sich das Leben zu nehmen.

Jennifer: "Ja, Wirbelsäule gebrochen. Das war der schlimmste Moment in meinem Leben."

Jennifers Fall ist aber kein Einzelfall. Droht die Abschiebung, scheint für die Opfer alles umsonst gewesen zu sein. 

Margarete Muresan: "Wir fordern einen langfristigen stabilen Aufenthaltstitel für die Betroffenen. Wir sehen das wichtig, weil in Deutschland eine schlimme Menschenrechtsverletzung stattgefunden hat und dadurch die Betroffenen ein Recht auf den Aufenthaltstitel haben. Mindestens nach Einwilligung der Zusammenarbeit mit der Polizei - weil das den Frauen psychische Stabilität gibt und einfach Zukunftssicherheit."

Jennifers Geschichte zeigt das Versagen des deutschen Rechtsstaates im Kampf gegen den Menschenhandel. Momentan gibt es einen Aufenthaltstitel für die Opfer nur wenn sie eine Aussage vor Gericht machen. Und selbst dann gilt die Aufenthaltsgenehmigung nur für die Dauer des Verfahrens.

Bernhard Busch: "Wir wären ja auch froh, wenn wir sagen könnten: 'Ja, wenn du eine Aussage machst, können wir dir sagen, du kannst hier für immer in Deutschland bleiben.' Aber das ist eben nicht so. Für uns als Ermittler wäre das natürlich ein sehr großer Vorteil."

Opfer warten vergeblich auf Hilfe

Derzeit sind viele Ideen im Umlauf wie man den Menschenhändlern das Handwerk legen könnte.

Margarete Muresan: "Maßnahmen die jetzt zum Beispiel in der Diskussion sind, ist Anhebung der Altersgrenze von 18 auf 21 oder Pflichtgesundheitsuntersuchungen für die Frauen oder Erlaubnispflicht für die Bordellbetreiber. Viele der Maßnahmen die vorgeschlagen sind sehen wir nicht unbedingt als fördernde Maßnahmen für Betroffene des Menschenhandels."

Aus Sicht der Fachberatungsstellen muss man die Opferrechte stärken und z.B. den Frauen, die vom Menschenhandel betroffen sind, einen langfristigen stabilen Aufenthaltstitel geben. Stabile Zeuginnen können gute Aussagen bei der Polizei machen womit die Strafverfolgungsbehörden dann besser gegen organisierte Kriminalität vorgehen können.

Eine solche Art Kronzeugenregelung wird in Italien im Kampf gegen den Menschenhandel und die Zwangsprostitution bereits seit Jahren sehr erfolgreich angewandt.

Jennifer hat am Ende einfach nur Glück. Nicht der deutsche Rechtsstaat, sondern der Zufall löst ihr Aufenthaltsproblem.

Jennifer: "Mir geht es heute gut. Ich habe heute einen Teil meines Wunsches erfüllt, dass ich heute meinen Schulabschluss habe, deutsche Sprache gelernt habe und ich habe einen netten Mann, der mich akzeptiert mit alles drum und dran – mit meinen Macken und alles mich akzeptiert und der mir auch ein Kind geschenkt hat. Heute bin ich glücklich und ich freu mich auf unsere Zukunft."

Jennifer ist eine der wenigen Frauen, deren Geschichte ein gutes Ende nimmt. Die meisten Opfer warten vergeblich auf Hilfe.

Tracy hat trotz allem den Mut aufgebracht hat, gegen ihre Madame auszusagen. Heute fühlt sie sich verraten.

Tracy: "Ich habe im Moment keine Papiere. Ich habe keine Ahnung, ob sie mich abschieben werden oder ob ich bleiben darf. Ich habe totale Angst. Falls sie mich abschieben, lacht sich meine Tante ins Fäustchen. Warum? Weil ich der Polizei geholfen habe und am Ende alles verliere."

Mehr zum Thema:

"Tage des letzten Schnees" - Begegnungen mit dem Schlimmstmöglichen
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 19.09.2014)

Gesetz gegen Zwangsprostitution - Gemeinsame Standards gesucht
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 14.08.2014)

Zwangsprostitution - Schmutzige Geschäfte
(Deutschlandfunk, Europa heute, 10.12.2013)

Zwangsprostitution - Große Koalition will Strafen für Freier
(Deutschlandfunk, Aktuell, 02.12.2013)

Frankreich - Gesetzespläne gegen Zwangsprostitution
(Deutschlandfunk, Europa heute, 19.11.2013)

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