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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.04.2012

Zusammenführung von Wissenschaft und Publikum

Kulturzeitschriften in Deutschland: Drei aktuelle Beispiele

Rezensiert von Stephan Speicher

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Das Magazin "The New Yorker" (picture-alliance/ dpa)
Das Magazin "The New Yorker" (picture-alliance/ dpa)

Ein gern geträumter Traum: ein "New Yorker" für Deutschland. "The New Yorker", die Zeitschrift genießt einen fabelhaften Ruf. Vor allem die großen Reportagen werden seit je bewundert. Doch alle Versuche, etwas Vergleichbares für die hiesigen Leser auf die Beine zu stellen, sind bislang gescheitert.

Hans Magnus Enzensberger unternahm 1980 einen großen Anlauf mit "Transatlantik". Elf Jahre später wurde das Blatt eingestellt und bei allem Beifall für einzelne Stücke – es lag nicht bloß an der Ökonomie, wenn "Transatlantik" sich nicht durchsetzen konnte. Die große Reportage ist hierzulande nie richtig heimisch geworden. Das deutsche Genre scheint eher der Essay zu sein, theoretisch, problemorientiert. Und so sind auch die deutschen Kulturzeitschriften geprägt.

Aber auch sie stecken in der Bredouille. Wozu braucht man sie heute noch, "Neue Rundschau" und "Merkur", "Lettre" und das wiederbegründete "Kursbuch"? Wer in Deutschland eine anspruchsvolle Zeitschrift plant, sieht sich einer mächtigen Konkurrenz gegenüber, den großen Tageszeitungen und der Wochenzeitung "Die Zeit". Ein Essay mittlerer Länge ist auch dort unterzubringen, schneller noch und vor weit größerem Publikum, also: mit mehr Durchschlagskraft. Was kann die Kulturzeitschrift demgegenüber und darüber hinaus leisten? Das ist die Frage, die alle beschäftigt, die damit zu tun haben. Schauen wir drei Beispiele an.

Da ist der "Mittelweg 36", herausgegeben vom Hamburger Institut für Sozialforschung, inzwischen erscheint der 20. Jahrgang. Die "Zeitschrift für Ideengeschichte", nun im 6. Jahrgang, wird getragen von drei literarischen Einrichtungen, dem Deutschen Literaturarchiv Marbach, der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und der Klassikstiftung Weimar. Zuletzt und seit Februar ganz neu auf dem Markt: "Indes. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft", die von dem Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter und seinem Institut herausgegeben wird.

Die drei Organe haben Verschiedenes gemeinsam. Zunächst: Sie legen Wert auf einen optisch attraktiven Auftritt. Sie verwenden, anders als der "Merkur" etwa, Bilder. Sie bemühen sich sogar um eine eigene Bildsprache. Sie haben sich, jedenfalls "Indes" und die "Zeitschrift für Ideengeschichte", für ein großzügiges, besonders leserfreundliches Layout entschieden. Und sie bilden thematische Schwerpunkte. Im jüngsten Heft der "Zeitschrift für Ideengeschichte" geht es um "Den Besiegten" – was bedeutet die Niederlage für das Erkennen, vor allem für das historisch-politische Erkennen? "Indes" hat für dieses Mal seine Artikel unter das Rubrum "Protest" gestellt. Lange hat man den Ärger über die Zustände von Staat, Politik und Wirtschaft für episodisch schwankend gehalten, nun probieren die Beiträger den Gedanken aus, dass es sich um eine fundamentale Transformation handeln könne.

Der "Mittelweg 36" weist zwar in seinen Heften keine Schwerpunktthemen aus. Doch die Fragen, die das Institut für Sozialforschung und seinen Gründer und Vorstand Jan Philipp Reemtsma beschäftigen, sie beschäftigen auch seine Zeitschrift: die nach dem Verhältnis von Gewalt und Zivilisation und die nach Gleichheit und Ungleichheit, Integration und Ausschluss. Im aktuellen Heft ist beides angesprochen, diesmal leider nicht ganz glücklich, angesprochen: verarmte Weiße aus Südafrika werden mit Selbstaussagen und großen Portraitfotos vorgestellt; Kleists "Hermannschlacht" wird als Dokument der Gewaltpropaganda gelesen: "Die zerteilte Jungfrau als Unterpfand des Genozids".

Die Art der graphischen Aufmachung und die Themenschwerpunkte, die aus einzelnen Heften Aufsatzbände machen, rücken "Zeitschrift für Ideengeschichte", "Indes" und mit Abstrichen allerdings "Mittelweg 36" in die Nähe des Buches. Ganz neu ist das nicht. So arbeitete schon der "Freibeuter, zwischen 1979 und 1999 bei Wagenbach erschienen, und in vielen Heften machte es das alte "Kursbuch" nicht anders. Aber die Neigung zur Fokussierung hat sich verstärkt. Mehr als früher noch muss eine Zeitschrift darauf achten, was sie von anderen Publikationsorten unterscheidet.

Die drei erwähnten Zeitschriften aber haben noch etwas anderes gemeinsam. Sie sind nicht Produkte einzelner Herausgeber und ihrer Verlage, sie sind Organe gelehrter Institutionen. Ihr Zweck: Zwischen der Wissenschaft mit ihren Spezialisierungszwängen und einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Besonders fällt es auf bei der "Zeitschrift für Ideengeschichte". Sie und ihre Gegenstände sollen den literaturhistorischen Einrichtungen neue Kräfte zuführen. "Wer den Dichter will verstehen,/ muss in Dichters Lande gehen" – das reicht nicht mehr. Ideengeschichte verspricht mehr Aufmerksamkeit, sie ist politischer, wirft schneller eine gegenwartsanalytische Dividende ab.

Dass solche Institutionen strategisch denken, wird man ihnen nicht vorwerfen. Und schließlich zeigt die Wahl gerade dieses Mittels, worin die Funktion der Kulturzeitschrift liegt: in der Zusammenführung von Wissenschaft und Publikum. Das Publikum, um ehrlich zu sein, drängt nicht gerade an die Vermittlungskrippe. Die Zeitschriften, von denen wir reden, verkaufen tausend bis zweitausend Exemplare. Aber sie verkaufen sie auch an Leser, die ihrerseits, als Redakteure und Autoren, im Vermittlungsgeschäft tätig sind.

Schlagen wir noch einmal "Indes" auf. Franz Walter ist ein in vielen Redaktionen geschätzter Autor. Seine Überlegungen zu den neuen Protestmentalitäten in Deutschland und Großbritannien hätte er auch in einer Tageszeitung oder im Rundfunk unterbringen können. Doch wie das modifiziert wird durch Material, dass niederländische Wissenschaftler in ihrem Land finden und vor uns ausbreiten, das ist dann doch ein großer Vorzug. So etwas bietet nur das Medium der Kulturzeitschrift. Vielen Dank dafür!

Zitate aus den rezensierten Zeitschriften:

Mittelweg 36
"Die Transformation in eine gerechtere Gesellschaft schließt die arme weiße Bevölkerung oft aus. Dem weißen Teil der Bevölkerung wird bei diesem Umwandlungsprozess einiges abverlangt. Solch ein gesellschaftlicher Umbruch fördert die Leistung derer, die selbstbewusst und gut ausgebildet sind, während andere schlichtweg durch das Raster fallen. So fällt die unterste Gruppe immer tiefer, während das obere Ende durch den Konkurrenzkampf immer besser wird." (S. 78)

Indes
"Der Protest flackert jäh auf, erreicht einen kurzen martialischen Höhepunkt – und fällt in sich zusammen. All dies indiziert ein weiteres Mal die allmähliche Auflösung etlicher industriegeschichtlicher Strukturen, Organisationsformen und Bindemittel. Eben das aber könnte bedeuten, dass einige der Sozialphänomene zurückkehren, welche die Geschichte bereits kannte, als eben diese Strukturen noch nicht existierten. Noch stärker zugespitzt: es könnte die Wiederkehr des "Mobs" zur Folge haben. Der "Mob" war eine typische Sozialfigur der vorindustriellen Urbanität. Hierzu zählten die Tagelöhner, die Bettler, die Armen und Ausgeschlossenen, die sich immer wieder, aber ganz erratisch zu militanten Protesten zusammenwürfelten. (…) Der Mob tumultierte, er reflektierte und räsonierte nicht. (…) Mit der Phase des berechenbaren, pazifizierten Konflikts zwischen hoch formalisierten Großvereinigungen im industriellen Kapitalismus jedenfalls scheint es mehr und mehr vorbeizugehen." (S. 16/17)

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