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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.06.2018

Zusammenarbeit an der deutsch-polnischen GrenzeRetten im Nachbarland

Von Silke Hasselmann

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Rettungsassistent Sebastian Antczak (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
Rettungsassistent Sebastian Antczak (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Hunderte deutsche Touristen pendeln täglich nach Polen, viele Polen arbeiten auf der deutschen Seite – etwa auf der Insel Usedom. Was tun bei Erkrankung oder Unfall? In diesem Jahr begann das Projekt "grenzüberschreitender Rettungsdienst".

Insel Usedom, Rettungswache Heringsdorf. Mittwoch, 11 Uhr: Alle Notfallärzte und DRK-Rettungssanitäter sind unterwegs. Nur Sebastian Antczak, heute zuständig für die Wasserrettung am Strand, hält noch die Stellung. Wie sich zeigt, spricht der 28-Jährige Deutsch und Polnisch gleichermaßen perfekt. Das ist hier - nur sechs Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt - oft von Vorteil. Denn:

"Die Grenzen sind ja offen. Das heißt, die deutschen Urlauber wandern rüber nach Swinemünde. Die polnischen Urlauber wandern rüber zu uns in die Kaiserbäder. Es kommt oft vor, dass jemand umknickt, Fahrradstürze auf der Promenade. Wir haben viele internistische Eingriffe, das heißt die Leute trinken zu wenig, kriegen dann Kreislaufbeschwerden, liegen zu lange in der Sonne. Und dann helfen wir denen natürlich genauso, wie wir jedem anderen helfen."

"Wann - wenn überhaupt - merken Sie dann aber doch, dass es eine Ländergrenze gibt?"

"Die Zusammenarbeit an der Grenze läuft eigentlich ganz gut. Die polnischen Kollegen alarmieren uns, dass sie einen deutschen Urlauber aufgenommen haben. Der wird uns an der Grenze übergeben. Dieser Patient wurde schon gut versorgt durch den polnischen Rettungsdienst und wird dann weitergefahren in ein deutsches Krankenhaus. Aber wir von der deutschen Seite - es kommt immer öfter vor, dass wir nach Swninemünde das Krankenhaus anfahren. Das ist abgesichert, dieses dürfen wir tun. Aber andersrum ist das noch ein bisschen schwierig."

Der diensthabende Notarzt Tomasz Ucinski  (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)Der diensthabende Notarzt Tomasz Ucinski (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)

Ein Rahmenvertrag regelt, dass ein deutscher Rettungswagen polnische Patienten direkt in ein polnisches Krankenhaus bringen darf und umgekehrt. Doch vom Grenzübergang Ahlbeck bis zum nächstgelegenen polnischen Hospital sind es 3,5 Kilometer, auf deutscher Seite muss man jedoch zeit- und spritraubend 40 Straßenkilometer bis Wolgast, 50 Kilometer bis Anklam oder - wenn eine Vollversorgung nötig ist - 75 Kilometer bis zum Universitätsklinikum Greifswald fahren. Und dann ja auch wieder zurück zum heimischen Stützpunkt, ergänzt der Heringsdorfer Notarzt Tomasz Ucinski , der gerade von einem dreistündigen Einsatz zurückgekehrt ist.

So schnell wie möglich ins Krankenhaus

"In der Hochsaison, wenn der Urlauberverkehr kommt, ist es egal, ob es die B 111 oder B 110 ist - da sind die beiden Straßen dicht. Wir versuchen natürlich, die Patienten so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu bringen. Dafür haben wir Blaulicht und Martinshorn. Problem ist, wenn der Rettungswagen wieder zu dem Stützpunkt zurückkehren soll. Da darf er rein rechtlich kein Martinshorn mehr benutzen. Das heißt, er fährt 30 km/h wieder zum Beispiel von Wolgast nach Heringsdorf."

So lange aber wollten die polnischen Kollegen nicht auf ihre Rettungsmittel verzichten. Denn bei Notfällen auf eigenem Gebiet dürfen sie nach jetzigem Stand keine deutschen Rettungswagen anfordern.

Doch genau darum geht es in dem EU-Projekt "Grenzüberschreitender deutsch-polnischer Rettungsdienst Pomerania-Brandenburg" - angelegt auf drei Jahre und mit 2,3 Millionen Euro von Brüssel gefördert. Mehr darüber kann Konrad Meissner von der Universitätsmedizin Greifswald erzählen, Projektleiter der insgesamt sieben Partnerinstitutionen. Die Kompetenzen und Kostenstrukturen seien sehr unterschiedlich, dennoch - oder gerade deshalb - lohne sich der Kampf um ein deutlich besser verzahntes Rettungswesen entlang der deutsch-polnischen Grenze, so Meissner.  

"Die Notwendigkeit besteht darin, dass wir - genau wie sonst auch im ländlichen Raum - bei Orten, wo Patienten verunglücken oder erkranken, die sehr weit weg sind von einem großen Zentrum, wo wir Krankheiten haben, die sehr schnell sehr gut behandelt werden müssen, eben auf ein großes Zentrum angewiesen sind. Und zwar schnell."

Im nördlichen Grenzbereich wären das Greifswald, Stettin, Neubrandenburg. Innerhalb Deutschland, wo die Bundeländer ihr jeweiliges Rettungswesen organisieren, gebe es längst unproblematische Grenzüberschreitungen. Passiert zum Beispiel etwas am südlichen Rande von Vorpommern, rücke auch schon mal der Rettungswagen aus dem brandenburgischen Nachbarkreis an.

"Wenn Sie an der deutsch-polnischen Grenze sind, da kommt eben niemand. Deswegen gibt es im Grunde genommen dort eine Unterversorgung. Also die letzte Ausbaustufe, dass wir die Grenze tatsächlich nicht mehr merken im Rettungsdienst, das wäre die völlige Integration."

Derzeit handeln die Partner einen detaillierten Kooperationsvertrag aus, ergänzt Lutz Fischer, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Es gehe um versicherungsrechtliche Fragen für angeforderte Einsätze im jeweils anderen Staatsgebiet, etwa bei einem Unfall mit den Rettungswagen. Zudem sei die Qualität der medizinischen Notfallversorgung in Polen keineswegs niedriger als auf deutscher Seite, wohl aber die dafür fälligen Gebühren. Stand der Dinge:

"Die Frage der Vergütung ist geklärt. Es wird jeweils kostenneutral sein, also wir werden uns das nicht gegenseitig in Rechnung stellen. Und die Frage der Haftpflicht ist auch geklärt."

Einen gemeinsamen Qualitätsstandard erarbeiten

Noch ungeklärt ist der grenzüberschreitende Einsatz von Rettungshubschraubern. Soll zahlen, wer den Heli anfordert? Die Unimedizin Greifswald etwa stellt pro Flugminute samt Notarzt 70 Euro in Rechnung - zu viel für die Polen. Derweil kümmern sich die Greifswalder mit ihren Projektpartnern in Polen und Brandenburg vor allem darum, die größten sprachlichen und technischen Barrieren abzubauen. Ideal wäre ein direkter Zugang zu den jeweiligen Leitstellen, um zu erfahren, ob dortige Rettungsmittel frei sind. Hilfreich auch, wenn man alle Rettungskräfte im grenznahen Gebiet mit Tablets und darauf installierten zweisprachigen Standardprotokollen ausgestatten könnte. Denn wo auch immer ein Patient von den Kollegen übernommen wird - die Angaben der Ersthelfer über Zustand und Medikamentengabe müssen korrekt verstanden werden.

Darin sah Brüssel ein Datenschutzproblem und strich diesen Teil aus dem Förderprojekt. Doch sie wollen per Folgeantrag einen neuen Anlauf nehmen, erzählen Projektleiter Konrad Meissner und Rettungsdienstleiter Lutz Fischer. Bis dahin bereite man mithilfe der Universität eine Sprachschulung für Rettungsdienstmitarbeiter vor.

"Die Erwartungshaltung von Bürgern auf beiden Seiten der Grenze ist ja eigentlich die, dass, wenn ich da rüber fahre - man sieht ja kaum noch, dass da eine Grenze ist - , dass es keinen Unterschied macht in meiner Versorgung. Nun ist es aber so, dass es sprachlich vor allem von der deutschen Seite, weil wir nur sehr wenige haben, die Polnisch sprechen, eine große Barriere gibt. Das ist eine spezielle Sache, bei der wir auch die Slawisten hier aus Greifswald dabei haben, die ein fachsprachen-spezifisches Training durchführen sollen."

"Das Ganze wird in Szenarien dann auch gemeinsam trainiert im Simulator-Zentrum, was in Stettin entsteht und wofür wir auch bestimmte Ausrüstungen in dem Projekt beschaffen.

Also es geht dort um integratives Denken, dass wir gemeinsam arbeiten und natürlich einen gemeinsamen Qualitätsstandard uns erarbeiten."

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