Seit 16:30 Uhr Musiktipps

Freitag, 14.12.2018
 
Seit 16:30 Uhr Musiktipps

Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 15.02.2006

Zur Spezies herabgedrückt

Von der Konstruktion des Homosexuellen zur queer theory

Von Detlef Grumbach

Ein schwules Paar küsst sich (AP Archiv)
Ein schwules Paar küsst sich (AP Archiv)

Homosexuelle Handlungen gab es immer. Als Medizin, Psychiatrie und Justiz Ende des 19. Jahrhunderts "den Homosexuellen" diagnostizierte, "heilte" oder bestrafte, repräsentierte er plötzlich das Unnormale, Kranke, und Kriminelle. Foucault sagt, der Sodomit, der gelegentlich Sex mit Männern hatte, wurde damit "zur Spezies herabgedrückt".

Parallel dazu nahmen Homosexuelle dies aber auch auf, entwickelten eine eigene Identität und begannen, sich zu artikulieren und für ihre Rechte zu kämpfen. In den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden aus homosexuellen Frauen und Männern selbstbewusst auftretende Lesben und Schwule, zugleich gerieten aber auch die starren Zuschreibungen und Identitäten ins Schwimmen. Aus den USA kam die "queer theory" nach Europa. Sie hebt feste Zuschreibungen, die "Konstruktion" von Identitäten, auf und geht davon aus, dass der Einzelne mehr Möglichkeiten in sich trägt, als das Standesamt und das Melderegister zulassen.

Rosa von Praunheim-Film: Nicht der Homosexuelle ist pervers ...: "Wir schwulen Säue wollen endlich Menschen werden und wie Menschen behandelt werden. Und wir müssen selbst darum kämpfen. Wir wollen nicht nur toleriert, wir wollen akzeptiert werden. "

Schwuler Stolz. Wir wollen, wir müssen, wir kämpfen. Selbstbewusst und fordernd gibt sich schon Rosa von Praunheims Film-Manifest, das vor 35 Jahren den Beginn einer neuen Schwulenbewegung markierte: "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Von schwulem Stolz kündet auch der englische Liedermacher Tom Robinson.

"Man musste ja erst einmal benennen können, wovon und wofür man frei sein wollte, bevor man dafür kämpfen konnte."

Gunter Schmidt, emeritierter Sexualwissenschaftler von der Universität Hamburg, erklärt die alte Sehnsucht nach einem Wir-Gefühl, nach dem gemeinsamen Ausdruck einer Identität, die mitnichten nur die Homosexuellen kennen.

"Das Denken in Identität gibt auch viel Sicherheit. Man weiß, wer man ist, man weiß, was man tut und man weiß, was man nicht tut. Insofern ist es fast ein ökonomisches Prinzip auch."

Rosa von Praunheim-Film: Nicht der Homosexuelle ist pervers ...: "Es geht nicht nur um eine Anerkennung von Seiten der Bevölkerung, sondern es geht um unser Verhalten unter uns. Wir wollen keine anonymen Vereine! Wir wollen eine gemeinsame Aktion, damit wir uns kennen lernen und uns gemeinsam im Kampf für unsere Probleme näherkommen und uns lieben lernen."

Genauso trumpfte auch die Frauenbewegung mit einem "Wir Frauen" auf. So heißt bis heute ein Frauenkalender aus dieser Zeit. Und im Windschatten der feministischen Bewegung traten auch die Lesben selbstbewusster in die Öffentlichkeit. Wir Lesben! Elisabeth Tuider, Pädagogin und Assistentin an der Universität Münster:

"Schwule Homopolitiken, auch feministische Politiken und Arbeit beruhte lange Zeit auf diesem 'Wir'. Wir Schwule. Wir Lesben. Wir Frauen. Wir setzen uns ein für. Das ist Arbeit von – mit – für. Kurz gesagt. Ich als Frau mache Politik mit Frauen für Frauen. Oder ich als Lesbe mache mit Lesben für Lesben diese oder jene Politik, Forderungen, was auch immer."

Identitäten teilen die Menschheit ein: Wenn’s ums Geschlecht geht, in Männer und Frauen. Wenn es um das Begehren geht in Heterosexuelle und Homosexuelle. Sie prägen Leitbilder und sie bilden Hierarchien. Sie legen fest. Ausnahmen bestätigen dann die Regel. Das Leitbild ist der heterosexuelle Mann. Wenn Frauen in der Wirtschaft so erfolgreich sein wollen wie Männer, müssen sie sich an ihm orientieren. Wenn Schwule oder Lesben als respektable Nachbarn in ihrem Viertel leben möchten, sollten sie das am besten in einer amtlich registrierten Partnerschaft tun.

"In diese Kategorien, würde ich sagen, passe ich so nicht rein."

Robin Bauer, der als Mädchen geboren wurde und sich heute als Mann fühlt, ist solchen Festlegungen gegenüber skeptisch. Für ihn passen sein biologisches Geschlecht mit seinem sozialen Geschlecht nicht zusammen. Deshalb lehnt er auch eine Politik ab, die auf geschlechtlichen oder sexuellen Identitäten basiert. Zum Beispiel die Durchsetzung der "Homoehe".

"Die Forderung nach der Homoehe ist ja etwas, was aus einer klassischen Identitätsbewegung kommt. Wir sind schwul oder lesbisch und wir wollen dieselben Rechte haben wie die Heterosexuellen, also wir wollen jetzt auch die Ehe haben."

Als Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg favorisiert Robin Bauer die in den neunziger Jahren aus den Vereinigten Staaten nach Europa gekommene so genannte queer theory, die das Individuum nicht als Mann oder Frau, als heterosexuell oder homosexuell betrachtet. Sie stellt die, wie es heißt, "Hetero-Normativität" in Frage und betrachtet den Menschen queer, also quer zu den traditionellen Schubladen.

"Aber ich würde eben auch nicht sagen, dass ich mich jetzt hundertprozentig in jeder Situation jetzt immer als Mann verstehe. Ich sehe mich zwar mehr auf der Seite Mann, benutze auch das Pronomen "er" zum Beispiel, so für mich stimmt das, aber ich würde trotzdem nicht sagen, ich bin jetzt hundertprozentig wie ein biologischer Mann. Und der Queere-Blick würde dann mehr gehen auf die Institution der Ehe an sich und was für problematische Normen damit verbunden sind und die generell in Frage stellen."

"In der Bewegung 1970 hat man die Identitäten sicher ernst genommen – persönlich für sich selbst und politisch artikuliert, also im persönlichen Coming-out und im politischen Prozess."

Ergänzt der Hamburger Historiker Bernd Ulrich Hergemöller:

"Ich war davon überzeugt, dass es eine eigene Gruppe gibt, Kategorie Mensch, zu der ich jetzt gehöre und für die ich jetzt etwas tun will.
Aus heutiger Sicht würde man das wissenschaftlich differenzieren und würde sagen, es ist mehr eine soziale Identität gewesen. Der Wissenschaftler würde sagen, es gibt keine spezifischen Untergruppen und Identitäten unter den Menschen, sondern es gibt eben Präferenzen, Vorlieben für das Eine oder das Andere, aber es gibt keine Sondergruppen und keine Sonderkategorien."

Dieser Prozess, den der Professor für mittelalterliche Geschichte hier für sich selbst beschreibt – der Weg von einer stark empfundenen und auch politisch vertretenen sexuellen Identität hin zu einer Kritik an festen Zuschreibungen, zu einem offenen Konzept – , dieser Prozess lässt sich auch für die Homosexuellen insgesamt beschreiben. Er begann im 19. Jahrhundert und hat Folgen nicht nur für diese. Denn ohne die Entwicklung einer homosexuellen Identität gäbe es auch keine heterosexuelle.

Schmidt: "Irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es so etwas wie eine erste bürgerliche Revolution der Sexualität. Die Sexualität wurde nicht mehr so aufgefasst, als würde sie in der Pubertät wie der Teufel unter die Säue fahren und man musste dann irgendwie damit umgehen, sondern es war sozusagen eine von Anfang angelegte, entstehende Besonderheit, die ganz viel mit der Identität des Einzelnen zu tun hatte. Diese Veränderung erklärt eine ganze Menge, nämlich jetzt wurde die sexuelle Besonderheit auch Teil dessen, was man verstehen wollte."

Mann oder Frau. Heterosexuell oder homosexuell. Wer das eine verstehen will und definiert, bestimmt gleichzeitig auch über das andere. Nicht nur Identitäten, sondern auch die Zielrichtung von Gefühlen, von Liebe und sexuellem Begehren, wird in einer nach Sigmund Freud so genannten "Monosexualität" festgeschrieben. Das Verlangen, so Gunter Schmidt, wird einbetoniert, bekommt eine Klarheit und Eindeutigkeit, die es gar nicht braucht und die maßlos überbewertet wird.

Schmidt: "Der einzige moderne Sexualwissenschaftler, der sich dieser radikalen Zweiteilung der Welt in heterosexuell und homosexuell – die paar Bisexuellen liefen immer mit, aber die bestätigten ja nur das ganze System –, der sich diesem Denken widersetzte, war Alfred Kinsey. Für den gab es so etwas wie Identität gar nicht. Gleichgeschlechtliches und gegengeschlechtliches Sexualverhalten, er war ja sehr biologisch, gehörte zum 'Säugetiererbe', wie es so schrecklich hieß bei ihm, und man konnte beides machen und es ist eher zufällig, ob der eine mehr dahin oder dorthin tendiert, und das hatte interessante Konsequenzen. Er konnte nämlich viel stärker als andere Sexualforscher sehen, dass es viele Menschen gab, die dazwischen sich irgendwie arrangierten."

Der Biologe Kinsey entwickelte in den vierziger und fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine breite Skala zwischen den Polen "heterosexuell" und "homosexuell" und fragte in seinen empirischen Forschungen nach dem Zeitpunkt und der Häufigkeit dieser oder jeder Erlebnisse, aber auch dieser oder jener Fantasien. Dabei bekam er auch heraus, dass sich die Präferenzen auch innerhalb eines Lebenslaufes stark verändern können.

Schmidt: "Und insofern, denke ich, ist Kinsey einer der ersten Queer-Forscher. Eine verrückte Geschichte, weil er ja ein ganz naturalistischer 'Hund' gewesen ist, sage ich mal, der sich aber immer aufgeregt hat, auch das war ganz typisch queer, dass die Zivilisation aus der wunderbaren Vielfalt, die die Sexualität haben kann, eine Monokultur schafft, die langweilig ist."

Identity, Identität, so hämmert es die Gruppe X-ray Spex ihren Zuhörern ein, is the crisis, cant you see? Identität an sich bedeutet schon die Krise.

Hergemöller: "Im Spätmittelalter hat man das System des Vitium Sodomiticum entwickelt, das mythologisch und theologisch befrachtet war. Abweichendes Verhalten war als Strafe Gottes definiert."

Sodomie war nichts als ein einzelner sexueller Akt, ein Verbrechen und wurde hart bestraft, sogar mit dem Tode. Über das Wesen oder den Charakter des Täters war damit aber gar nichts gesagt. Doch in dem Prozess, den Gunter Schmidt die "bürgerliche Revolution der Sexualität" nennt, meldeten sich dann Einzelne zu Wort: so genannte Betroffene wie der Jurist Karl-Heinrich Ulrichs, aber auch Ärzte und Psychiater wie Carl Westphal und sein Schüler Richard von Krafft-Ebing, der in seiner "Psychopatia sexualis" alle möglichen Fälle abweichender Sexualität vorstellte und interpretierte:

"Im 19. Jahrhundert kamen plötzlich neue Begriffe. Wir hatten den so genannten 'Urning', auch von der griechischen Mythologie abgeleitet, von Uranos – der Himmel, von Karl-Heinrich Ulrichs, dann hatten wir den Homosexualen von Kertbeny, dann hatten wir die Conträre Sexualempfindung. Wir hatten also viele neue Begriffe, wir hatten plötzlich viele Versuche etwas zu definieren, was man vorher eigentlich mehr theologisch betrachtet hat."

Die Körper der so genannten Fälle wurden vermessen und Typen zugeordnet, Lebensgeschichten und Abstammungen auf Besonderheiten hin durchleuchtet, die Physiognomie und andere Ausdrucksformen der Körper wurden untersucht. Die Nationalsozialisten trieben diese Arbeit im Sinne ihrer Rassenideologie weiter und verknüpften das so genannte "Jüdische" mit dem "Weibischen", und heute suchen Gen-Forscher das so genannte Homo-Gen – alles mit einem Ziel: besondere Merkmale herauszufinden und das Bild des Homosexuellen auszupinseln.

Was bedeutet das Auftauchen all dieser peripheren Sexualitäten?

Diese Frage stellt auch der französische Philosoph Michel Foucault in seiner Schrift "Sexualität und Wahrheit":

"Ist die Tatsache ihres Zutagetretens ein Zeichen dafür, dass die Regel sich lockert? Oder zeugt die Tatsache, dass man ihnen so viel Aufmerksamkeit zuwendet, von einer strengeren Ordnung und dem Bemühen um eine genauere Kontrolle?"

Foucault untersucht, wie Macht, wie die Ordnungs- und Regelsysteme der bürgerlichen Gesellschaft funktionieren und fokussiert seinen Blick auf die Begriffe und Diskurse. Auf die Macht der "Sprachregelung". Differenzierte Betrachtung, die Untersuchung und Bezeichnung von Besonderheiten, das Benennen und Definieren setzen Normen. Begriffe und Normen, so Foucaults These, üben eine strukturelle Gewalt aus, sie "machen" den Menschen zu dem, was er ist. Im Fall der Homosexualität bedeutet dies für Foucault:

Die Sodomie – so wie die alten zivilen und kanonischen Rechte sie kannten – war ein Typ von verbotener Handlung, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. (…) Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform ... Nichts von alledem, was er ist, entrinnt seiner Sexualität. (...) Als eine der Gestalten der Sexualität ist die Homosexualität aufgetaucht, als sie von der Praktik der Sodomie zu einer Art innerer Androgynie, einem Hermaphroditismus der Seele herabgedrückt worden ist. Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.

Medizin und Psychiatrie, unter ihnen auch der schon genannte Richard von Krafft-Ebing, so Foucault, haben einen homosexuellen Menschen, eine homosexuelle Identität erst konstruiert, um sie dann in den Griff zu bekommen. Gunter Schmidt dagegen setzt etwas andere Akzente:

"Die Wissenschaftler haben das nicht hergestellt. Die Wissenschaftler haben das ausgedrückt, die haben das erspürt. Und übrigens dürfen wir da Krafft-Ebing nicht unterschätzen. Er hat ja nicht nur Krankengeschichten verfasst von den Menschen, die ja plötzlich auch begannen an ihrer Sexualität zu leiden und auch anfingen, darüber nachzudenken. Sondern er hat dazu beigetragen, dass Menschen jetzt plötzlich auch stärker über sich nachdenken konnten."

"Der liebe Gott hat mir die Liebe in derselben Richtung gegeben, in der er sie den Weibern gibt, das heißt, auf Männer gerichtet. Ihn zu bitten, sie mir jetzt umzudrehen, wäre im höchsten Grade unchristlich."

Der 1825 geborene Karl-Heinrich Ulrichs schreibt dies 1862 an seine Schwester. Zwei Jahre später veröffentlicht er den ersten Band seiner "Forschungen über das Rätsel der mannmännlichen Liebe". Dort heißt es schon kämpferischer:

"Die Frage nach der Existenzberechtigung der Urninge verlangt eine Lösung: und zwar eine versöhnende. Sie verlangt eine solche nicht wegen eines vereinzelten Individuums, sondern im allgemeinen öffentlichen Interesse. Stark genug möchte schon jetzt die Klasse der Urninge sein, um ihre Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung geltend zu machen. Freilich gehört ein wenig Kühnheit dazu. Gestützt auf den Schild der Gerechtigkeit ihrer Sache muss sie es wagen, aus ihrer bisherigen Zurückhaltung und Vereinzelung mutig hervorzutreten. So sei denn hiermit das Eis gebrochen!"

1867 trat der mit Berufsverbot belegte Ulrichs auf dem Deutschen Juristentag in München auf. Er forderte Straffreiheit für Homosexualität und wurde von den dort versammelten Honoratioren niedergebrüllt. Es dauerte noch knapp dreißig Jahre, bis sich die Klasse der Urninge zu formieren begann. Im März 1896 erschien – auch weltweit – die erste Ausgabe einer Homosexuellenzeitschrift: "Der Eigene", herausgegeben von Adolf Brand. Ein Jahr später gründete der sozialdemokratische und jüdische Arzt Magnus Hirschfeld in Berlin-Charlottenburg das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee", die erste Organisation, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzte.

Hergemöller: "Hirschfeld hat die Vorstellung der sexuellen Zwischenstufen weiter entwickelt und damit ist verbunden die Vorstellung der sexuellen Invarianten. Alle Menschen befinden sich auf einer großen Skala der sexuellen Invarianten und bilden verschiedene Zwischenstufen in physiologischer oder sozialer Hinsicht, in anatomischer Hinsicht und dergleichen. Und Brand akzeptiert das im Prinzip, setzt dem aber das Bild des männlichen Mannes entgegen, das durch die klassische Kunst und die griechische Kunst gestützt wird, auch durch seine eigenen Aktfotographien, die diesem klassizistischen Modell nachempfunden sind und bildet hier ein Gegenmodell, das von diesen femininen und androgynen Formen absieht."

"Wir suchen unser eigen Land, das Land unserer Neigung, die Gestade der neuen Menschen, die Gefilde der Seele, die Welt unseres Schmerzes und unserer Freuden."

"Inseln des Eros" nennt der 1874 geborene Adolf Brand sein Manifest, das er in der vor 110 Jahren von ihm gegründeten Zeitschrift "Der Eigene" veröffentlicht. Das "Blatt für männliche Kultur" überhöht das Bild einer reinen Männerfreundschaft, einer antibürgerlichen Kameradschaft, die später auch Eingang in Hans Blühers Ideologie vom Wandervogel oder in die Männerbünde der Nationalsozialisten findet.

"Wir sind Verfehmte, Vogelfreie, Gemiedene auf der breiten Heerstraße des Alltäglichen – unnützes, loses Volk in den Augen der Immersatten – Fluchbeladene vor den heiligen Opferaltären rechnender Freiheitspriester – Frevler und Ausgestoßene aus allen Tempeln der Gewöhnlichkeit – Ewig-Unzertrennliche – Ewig-Unverstandene – Ewig-Unbefriedigte, die ihr Glück nur in sinkenden Nebeln schauen."

Als sich die Lesben- und Schwulenbewegung in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts nach der Zäsur durch den Nationalsozialismus neu formierte, knüpfte sie an das Erbe Karl-Heinrich Ulrichs, Adolf Brands und Magnus Hirschfelds an. Homosexualität galt als natürlich, wurde als Identität aufgefasst, die es zu befreien galt. Heute wird dies in Frage gestellt. Theoretisch und praktisch. Von queer:

Tuider: "Es war ein Schimpfwort, das dann eben angeeignet und uminterpretiert wurde: Falschgeld, verrückt, schräg, also irgendwie nicht in die gerade Linie hineinpassend, und als Schimpfwort eben gebraucht – für Homosexuelle."

Der Begriff queer kommt aus den Vereinigten Staaten, wo plötzlich andere Fragen auf die Tagesordnung gerieten als die der schwulen und lesbischen Emanzipation im engen Sinne. Sie betrafen unter anderem die Krankheit Aids.

Tuider: "Es ging darum, dass es durch Aids und den ganzen Aids-Diskurs, also durch die öffentlichen Diskussionen, die in den USA geführt wurden, eine Verbindung gab von tödlicher Krankheit / Seuche und homosexueller Identität, womit meistens gemeint war: der Schwule. Und diese Verbindung war einer der wesentlichen Ansatzpunkte für queer politics. Gleichzeitig hat es aber auch eine theoretische Infragestellung von Identität gegeben, dass die feministische Bewegung und auch die feministische Theoriebildung in Frage gestellt wurde von women of color. Die gesagt haben, wir sind in dieser Thematisierung von 'Frau' nicht drinnen. Weiße Frauen stellen hier ein 'Wir' her, das es so nicht gibt."

Queer theory zielt weit über die Frage nach den sexuellen Minderheiten hinaus, hinterfragt die Bedeutung ethnischer Zugehörigkeit und auch die von sozialen Schichten. Denn was bedeuten Identitäten wie "Frau" oder Lesbe" für eine farbige Frau, die von Weißen gedemütigt wird, für eine Frau aus der Unterschicht? Und gehen weiße Frauen nicht dem Patriarchat auf den Leim, wenn sie dem Wesen "Mann" mit all seinen "Männer-Privilegien" das Wesen "Frau" gegenüberstellen und sagen: Wir sind doch genauso! Und wo ist der Platz in der Gesellschaft, im Leben, im Begehren, an den ein schwarzer Schwuler gehört?

Identitäten, egal ob sie auf Hautfarbe, Geschlecht oder sexueller Orientierung basierten, funktionierten plötzlich nicht mehr. Zumindest nicht mehr als Grundlage für Emanzipation. Weil sie in der gesellschaftlichen Praxis die Leitbilder und die Hierarchien bestätigten. Weil sie abstrakte Gemeinsamkeiten herstellen, in dem sie etwas Wichtiges unter den Tisch fallen lassen und Fragen der Ethnie oder auch der sozialen Schicht nicht vorkommen.

Bauer: "Wenn ich eine Identität annehme oder übernehme wie zum Beispiel 'Mann', dann ist das in der Regel so, dass ich dann alles Mögliche verwerfen muss an Handlungen, an Verhaltensweisen, an Gefühlen, was zu 'Mann' nicht passt. Das typische 'Jungs dürfen nicht weinen' oder so. Und damit beschneide ich natürlich meine Persönlichkeit."

Das gilt ganz besonders für Menschen wie Robin Bauer, die zwischen den Geschlechtern changieren. Das gilt im Ansatz der queer theory aber genauso für jeden anderen, egal ob farbig oder weiß, ob Mann oder Frau, ob lesbisch, schwul, oder sonst irgendetwas.

Bauer: "Im Grunde passt die Mehrheit der Menschen in dieses Idealbild 'Mann' oder 'Frau', wie es gezeichnet wird, so nicht rein. Das heißt, dass fast jeder Mensch bestimmte Verdrängungsleistungen und Beschränkungen auf sich nehmen muss, um in dieses Bild zu passen."

So stellen empirische Forschungen heute fest, dass etwas – in Anführungsstrichen – ganz "Normales" kaum noch geschieht: dass Jungs in der Pubertät aus Spaß zusammen onanieren. Die Erklärung: Das Bild vom Schwulen ist heute so präsent, dass so etwas heute kein Jux unter Jungs mehr sein kann, sondern sofort mit dem Begriff "schwul" verbunden wird. Wer nicht schwul ist – oder es nicht sein will – tut so etwas also nicht. Andere Studien zeigen, dass sich ein großer Teil erwachsener Frauen lustvolle Erlebnisse mit anderen Frauen vorstellen kann – dass diese aber doch sehr selten geschehen. Für Männer ist etwas vergleichbares übrigens kaum denkbar.

Bauer: "Wenn man dann queer theoretisch und queer politisch da herangeht, hat man die Möglichkeit, diese Normierungen aufzudecken, sich anzugucken, in Frage zu stellen und je uneindeutiger diese Kategorien 'Mann' und 'Frau' dann werden, desto größer ist der individuelle Freiheits- und Handlungsspielraum für jede Person."

Tuider: "Queer schaut sich einerseits an, wie wird Identität hergestellt, also was tue ich jeden Tag, um diese Identität auch herzustellen, so eindeutig, wie sie nämlich eingefordert wird. Das ist ja das Spannende an den Analysen, die dann zeigen, so eindeutig, so wesenhaft ist das ja gar nicht."

Der Kern von queer theory ist deshalb die Kritik. Queer theory, so Elisabeth Tuider, glaubt nicht an eine gottgewollte oder sonst im Wesen des Menschen verankerte "Natürlichkeit" der Identität, die nur entdeckt werden muss. Queer theory glaubt an beides, an die Widerständigkeit und den Eigensinn, an die Möglichkeiten des Menschen und an die Macht der Kategorien von Kindesbeinen an:

Tuider: "Ja, der Mensch ist auch widerständig, weil es eben nicht gelingt. Es gelingt keinem, dieses Ideal, dieses Geschlechter- und Sexualitätenideal zu erfüllen. So ist der Widerstand und die Veränderung schon angelegt, aber trotzdem haben wir es mit einem ganz starken Ideal, einer Norm zu tun. Also allein schon die Entscheidung, auf welche Toilette gehe ich. Es gibt Jungstoiletten und Mädchentoiletten. Das ist eine Vereindeutigung von Geschlecht. Also ich muss mich entweder als Junge oder als Mädchen definieren, um in einem Schulgebäude und in den meisten öffentlichen Gebäuden auf die Toilette gehen zu können."

Tag für Tag, Woche für Woche, so eine These der amerikanischen Professorin Judith Butler, zwingen die Verhältnisse das Individuum dazu, sein soziales Geschlecht "herzustellen", sich seiner zu vergewissern, es zu bestätigen. In der Anpassung kann das so weit gehen, dass Frauen an ihren Stimmlagen modulieren, bis sie so piepsig klingen wie Frauenstimmen in amerikanischen Fernsehserien. Das kann zu einem Boom von Schönheitsoperationen führen, die alle ein Ziel haben: einem Idealbild des eigenen Geschlechts nachzueifern, dem man selbst leider nicht ganz entspricht. Emanzipatorische Politik, so Robin Bauer, kann deshalb nur der Versuch sein,

"nicht nur auf einem 'Ich bin und deshalb möchte ich' zu fußen, sondern den Blick generell auf, ja, jetzt ein Begriff aus der queer theory, heteronormative Strukturen in der Gesellschaft allgemein zu richten und diese in Frage zu stellen und dann unabhängig davon, wie ich jetzt selber positioniert bin."

Der Emanzipationsbewegung der Homosexuellen, der Schwulen und Lesben ging und geht es um die Möglichkeiten, ihre Identitäten auszuleben. Queer theory sagt, dass dieser Weg in eine Falle führt, weil Identitäten nur wieder neue Einschränkungen mit sich bringen. Die Kritik der heteronormativen Strukturen dagegen eröffnet die Strategie, etwas gegen Einschränkungen und Benachteiligungen aller zu tun: Nicht die Ehe auch für Schwule und Lesben zu fordern beispielsweise, sondern die Beziehungsmodelle, die vom Staat anerkannt, gefördert und geachtet werden, insgesamt freier zu gestalten. Nicht Frauen gegen Männer, nicht Homos gegen Heteros, sondern Menschen gemeinsam gegen die Normen und Begriffe, die sie einschränken.

Der strategische Gewinn einer Queeren-Strategie liegt auf der Hand. Aber was ist ihr Preis? Was verlangt es von den Menschen, sich von ihren ja auch lieb gewonnenen Identitäten zu verabschieden in eine Freiheit von Begriffen und Kategorien, von Rollenbildern und Zwängen? Wer bin ich und welche Ziele verfolge ich, wenn ich das ja auch stützende Korsett einer Identität ablege?

Diese Fragen werden an die queer theory gestellt. Der Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller schätzt ihre Verdienste. Sie habe auf die Konstruktion von Begriffe und Identitäten, auf ihr Machtpotential und ihre Veränderbarkeit hingewiesen und ihre Kritik, Hinterfragung und Entmachtung, ihre "Dekonstruktion" gefordert.

"Andererseits ist es nun Mode geworden, alles zu Dekonstruieren und überhaupt keine festen Begriffe mehr vorzufinden, sodass man da heute schon wieder eine gewisse Rekonstruktion anmahnen muss. Also auch wieder die Rekonstruktion verschiedener subjektiver biographischer Zusammenhänge, auch die Rekonstruktion sozialer Gruppen und verschiedener regionaler Identitäten. Ich denke, dass ist heute auch notwendig, ohne dass man in die Vergangenheit zurück fällt."

Hergemöller denkt an Identitäten, die aus konkreten Lebensbedingungen abgeleitet werden, beispielsweise an die von homosexuellen Klerikern im Mittelalter, von Homosexuellen, die hier und heute in der katholischen Provinz leben oder von solchen, die sich in den etablierten Subkulturen der Großstädte bewegen. An Männer, die Familienväter sind oder an Singles, an Frauen, die eine Arbeit haben oder keine, und so weiter und so fort. Aber hat sich eine solche Differenzierung nicht unabhängig von der queer theory längst durchgesetzt? Gunter Schmidt:

"Ich denke, die Chance, dass diese festen Zuschreibungen sich auflösen und da etwas mehr Bewegung entsteht, liegt darin, dass die Verhältnisse so sind. Dass diese alten, starren Identitäten eigentlich so recht nichts mehr taugen. Man kann das ja an der Berufsidentität am deutlichsten sehen. Identität ist etwas geworden, was ständig wieder neu erfunden und weiter geschrieben werden muss. Wissenschaft – in diesem Falle queer – die können uns einen Spiegel vorhalten, aber die können nichts ändern. "

Zeitreisen

GesellschaftFlaneure der Aufmerksamkeit
Er liebt den Boulevard und die große Pose. Julian F.M. Stoeckel auf dem Kurfürstendamm in Berlin. (Tim Wiese)

Was zeichnet Prominenz aus? Warum gilt sie als so erstrebenswert und ermöglichen die neuen Medien tatsächlich jedem 15 Minuten Berühmtheit, wie es Andy Warhol einst prognostiziert hat?Mehr

Kultivierte NaturDie Welt im Kleinen retten
Jemand begießt Salatpflanzen mit Wasser. (picture alliance / dpa)

Seit einigen Jahren sprechen viele von einer Renaissance des Gartens. Landzeitschriften und Gartenbücher erreichen hohe Auflagen. Dabei ist das eigentlich kein neuer Trend: Auch im letzten Jahrhundert stand Gartenarbeit hoch im Kurs.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur