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Studio 9 | Beitrag vom 29.06.2019

Zur Lage rund um die Sea-Watch 3Kapitänin wird zur landesweit bekannten Symbolfigur

Von Tassilo Forchheimer

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Die Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, aufgenommen am 20. Juni 2019 an Bord des Schiffes (picture alliance / ROPI/ Till M. Egen/SeaWatch)
Der Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, drohen drei bis zehn Jahre Haft. (picture alliance / ROPI/ Till M. Egen/SeaWatch)

Die Kapitänin Carola Rackete steht nach ihrer Festnahme im Hafen von Lampedusa weiter unter Hausarrest. Durch ihren mutigen Einsatz für die Geflüchteten an Bord der Sea-Watch 3 wird sie zur wichtigen Gegenspielerin von Italiens Innenminister Salvini.

Die Migranten an Land, die Kapitänin festgenommen und zumindest ein Teil der Mannschaft wieder auf offener See – auf ihrem beschlagnahmten Schiff in Sichtweite der Insel.

Das ist die Bilanz der vergangenen Stunden, in denen es auf Lampedusa kaum unruhiger hätte sein können.

Angefangen hatte alles mit einem nächtlichen Entschluss der Kapitänin: Carola Rackete – Entschluss zum Anlegen.

Ein Überraschungscoup, der ihr tatsächlich gelang.

Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf haben zu Spenden für die Seenotretter der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch aufgerufen. In einem Video zeigten sie sich erschüttert von den Geschehnissen auf der italienischen Insel Lampedusa. Dort wurde die Kapitänin der Sea-Watch 3 festgenommen. In den ersten Stunden der Spendenaktion sind bereits über 150 000 Euro zusammengekommen. (dpa)

Hören Sie zum Spenden-Aufruf auch unseren Hauptstadtstudio-Korrespondenten Volker Finthammer:

Nun spaltet die ungeplante Ankunft der Sea-Watch ein ganzes Land. Das war sogar mitten in der Nacht im Hafen von Lampedusa spürbar. Die italienischen Fernsehsender zeigen Unterstützer und Gegner im Hafen der kleinen Insel.

Die einen applaudieren.

Die anderen sind aufgebracht.

Vorwürfe gegen die Sicherheitsbehörden sind zu hören: "Wie kann es sein, dass hier jeder machen kann, was er will?" ruft eine Frau und fordert lautstark, die Verhaftung der deutschen Kapitänin.

Wir wollen sie in Handschellen sehen, heißt es da zum Beispiel.

"Capitana gegen Capitano"

Die 31-jährige Deutsche ist zu einer landesweit bekannten Symbolfigur geworden. Zur gefühlt wichtigsten Gegenspielerin von Innenminister Matteo Salvini.

"Capitana gegen Capitano" – in Anspielung auf einen Spitznamen des Rechtsaußenpolitikers.

Carola Rackete, die Kommandantin der Sea-Watch, habe das Leben der Beamten der Finanzpolizei aufs Spiel gesetzt, schrieb der starke Mann der italienischen Regierung in einer ersten Reaktion auf den Überraschungscoup der jungen Deutschen. Diese habe sich kriminell verhalten, so der Minister in Anspielung auf eine kurze Szene während der Anlandeprozedur im Hafen von Lampedusa.

Auf einem Video, das von Salvini selbst verbreitet wurde, ist zu sehen wie ein kleines Boot der Finanzpolizei die Sea-Watch davon abhalten will, im Hafen festzumachen.

Für einige Sekunden wird das Polizeiboot kurz zwischen Hafenmauer und Rettungsschiff eingeklemmt. Dabei entstehen bedrohlich klingende Geräusche.

Einer der Polizisten verlässt fluchtartig das Boot und klettert hinauf auf die Kaimauer. Dann sind Rufe zu hören. "Beeil Dich. Fahr vorwärts. Langsam, langsam."

Daraufhin verlässt das kleine Boot die Gefahrenzone und macht damit den Weg frei für die Sea-Watch.

Carola Rackete stehe unter Arrest

Eine Stunde später wird die Szene der deutschen Kapitänin zum Hauptvorwurf gemacht. Carola Rackete habe einem Kriegsschiff Widerstand geleistet und damit gegen die Schifffahrtsordnung verstoßen, heißt es. Sollte dieser Vorwurf einer rechtlichen Prüfung standhalten, müsste die 31-jährige mit einer Gefängnisstrafe zwischen drei und zehn Jahren rechnen.

Darüber hinaus ist weiterhin von Beihilfe zur illegalen Einwanderung und einer Verletzung des Seerechts die Rede. Carola Rackete stehe unter Arrest, heißt es.

Ihr Schiff musste den kleinen Hafen wieder verlassen und liegt nicht weit vor der Insel vor Anker – beschlagnahmt durch die italienischen Behörden.

Erneut Stillstand im Mittelmeer. Eine schnelle Klärung der Vorwürfe ist nicht zu erwarten. 

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