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Tonart | Beitrag vom 19.10.2020

Zur Debatte um Igor LevitDas Recht des Pianisten zu twittern

Rainer Pöllmann im Gespräch mit Mascha Drost

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Der Pianist Igor Levit steht im Januar 2020 vor seiner Auszeichnung durch das Internationale Auschwitz Komitee mit der Statue «B» als «Gabe der Erinnerung» im Maritim Hotel Berlin.  (picture alliance / dpa /Christoph Soeder)
Der Pianist Igor Levit twittert gerne und viel. Daran stößt sich offenbar mancher Kritiker. (picture alliance / dpa /Christoph Soeder)

Ein "SZ"-Artikel über Igor Levit schlägt Wellen. Zu kritisieren, der Pianist nutze Twitter für politische Botschaften, sei absurd, meint Musikjournalist Rainer Pöllmann. Aber natürlich fördere das auch seine Karriere. Etwas Medien-Selbstkritik sei angesagt.*

Ein Kritikertext in der "Süddeutschen Zeitung" über den Pianisten Igor Levit sorgt für Wirbel. Journalist Helmut Mauro wirft dem Künstler darin seine starke Präsenz und sein vehementes Eintreten gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus auf Twitter vor. Im Text fällt unter anderem der Begriff "Opferanspruchsideologie", was sich offensichtlich auf die Tatsache bezieht, dass Levit Jude ist.

Die Gegenreaktionen waren teils heftig. Auch die "SZ" veröffentlichte einen (einordnenden) Kommentar.

Unser Musikredakteur Rainer Pöllmann findet: Kritik an Igor Levit sei natürlich absolut in Ordnung. Aber: "Igor Levit ist Bürger dieses Landes, und es ist sein von der Verfassung geschütztes Recht, sich politisch zu äußern. Auf den Wegen und Medien, auf denen er das tun will." Aus seiner Sicht hat der "SZ"-Kollege "heftig zugelangt".

Levits Auftreten in der Öffentlichkeit, dass er Social-Media-Kanäle nutzt, um auf sein Anliegen und damit auch auf seine Person aufmerksam zu machen, sei in der heutigen Zeit nichts Ungewöhnliches. "Karriere" sei das Ergebnis einer komplexen Strategie zur Erlangung von Aufmerksamkeit. Insofern sei es keineswegs absurd zu sagen, dass Twitter die Künstlerkarriere von Igor Levit befördert habe.

All das sei legitim, habe allerdings nicht mehr die reinen künstlerischen Weihen.

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Jedoch müssten die Medien sich selbst fragen, ob sie Levit nicht ebenfalls zu sehr ins Zentrum gerückt hätten. Dieser sei ein Meister der "Aufmerksamkeitsökonomie".*

Zu Beginn der Corona-Pandemie sei es vielen anderen Musikerinnen und Musikern "unangenehm aufgestoßen", dass die Aufmerksamkeit der Medien sich so sehr auf Levits Home Sessions am Piano konzentriert habe "und alles andere hinten runtergefallen ist". Hier sei ein bisschen mehr Selbstkritik der Medien gefragt.

Abgesehen davon habe es die Klassik ohnehin schwer: Einerseits werfe man den Musikerinnen und Musikern vor, sich zu sehr in den Elfenbeinturm zurückzuziehen. "Doch wenn sie sich dann äußern, ist es auch nicht recht."

(mkn)

*Die Position unseres Gesprächspartners wurde in der ersten Version missverständlich zusammengefasst. Wir haben das korrigiert.

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