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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.10.2008

Zur Aktualität von André Gorz

Eine Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung diskutiert die sozialphilosophischen Schriften

Von Conrad Lay

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Die Sozialforscher entdecken die Aktualität der sozialphilosophischen Schriften von André Gorz wieder. Gorz, 1923 in Wien geboren, war ein Sinnsucher, einer, der bei all seinen Initiativen an einem utopischen Kern festhielt. Unter dem Titel "Ohne Proletariat ins Paradies?" gedachte die hessische Heinrich-Böll-Stiftung des großen Denkers.

Unter dem Titel "Ohne Proletariat ins Paradies?" gedachte nun die hessische Heinrich-Böll-Stiftung in Frankfurt am Main des großen Denkers - und hatte ihre Schwierigkeiten mit den Utopien von André Gorz. Nahezu alle Referenten betonten, Gorz habe ja viele interessante Denkanstöße gegeben, aber immer, wenn es utopisch werde, könne man ihm nur bedingt folgen.

Es war der Physiker und Soziologe Egon Becker vom Frankfurter Institut für Sozial-Ökologische Forschung, der sich Gedanken machte, wie es wohl komme, dass Gorz bei allen seinen Initiativen an diesen utopischen, um nicht zu sagen: messianischen Kern festhalte.

"Also ich denke, das kommt daher, der hat gerade aus seiner existentialistischen Grundhaltung heraus, hat er immer wieder nach Möglichkeiten in der Gegenwart gesucht, die nicht verwirklicht worden sind. Und da war er sehr hellsichtig und hat immer wieder Möglichkeiten entdeckt, die andere gar nicht gesehen haben. Insofern ist er zum Vordenker geworden."

Das existentialistische "Verloren sein in der Welt", das "Geworfen sein", die Suche nach dem Ort in der Welt, dem man sich zugehörig fühlt, hatte für Gorz ganz unmittelbar lebensgeschichtliche Bedeutung.

Der 1923 geborene Wiener Jude Gerhard Hirsch emigrierte während der Nazi-Zeit in die Schweiz, wo er seine Lebensgefährtin Dorine kennenlernte. Nach dem Krieg zog er nach Paris und wurde ein enger Mitarbeiter und Weggefährte von Jean-Paul Sartre. Unter dem Namen Michel Bosquet schrieb er jahrelang Leitartikel für den Nouvel Observateur.

Seine sozialphilosophischen Schriften veröffentlichte er unter dem Namen André Gorz. U-topie, das bedeutet ja: es gibt keinen Ort, es gibt noch keinen Ort für bestimmte Bedürfnisse. Auf der Suche nach diesem Ort machte sich André Gorz auf den Weg; er war ein Sinnsucher, wie schon in seinem frühen Roman "Der Verräter" zu erkennen ist. Egon Becker:

"Er mußte nach 1945 überhaupt einen Platz nicht nur in der Gesellschaft, sondern in der Welt finden. Die Frage in diesem frühen Roman-Esssay war ja auch: Kann man überhaupt noch leben? Und er hat sich freigeschrieben, sodass er leben konnte, und hat darüber einen Platz gefunden. Und das hält sich durch bis zum Ende. Am Ende hat er sich die Frage gestellt: Können wir so noch leben? Und dann haben sie ihr Leben gemeinsam beschlossen."

André Gorz schockierte mehr als einmal seine Mitstreiter in der Gewerkschafts- und später der Ökologiebewegung. Er plädierte dafür, vom Proletariat als dem sozialen Subjekt der Veränderung Abschied zu nehmen, als andere noch mit den Nachwehen des Jahres 68 haderten. Als Philosoph der Freiheit setzte er sich für Strategien ein, sich den Zwängen der Ökonomie zu entziehen.

Gorz ging es um die Befreiung von der Arbeit, nicht in der Arbeit. Deshalb trat er für eine radikale Arbeitszeitverkürzung und ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Konsequenterweise gerät damit die Sphäre jenseits der Arbeit ins Blickfeld. In der ihm eigenen Art entwickelte sich Gorz zu einem scharfen Kritiker von Konsumgesellschaft und Freizeitindustrie. Micha Brumlik, Pädagogik-professor in Frankfurt am Main, sieht die Kulturkritik Adornos durch Gorz "ins Aktivistische gewendet":

"André Gorz ist der festen Überzeugung, dass die gegenwärtige Kultur und - wie er es nennt - Freizeitindustrie, die Menschen daran hindert, ihre kreative, die Verhältnisse sprengenden Potenziale zu entfalten, weswegen er dazu auffordert, sich mit diesen Formen einer totalitären - wie er es nennt - Freizeitindustrie aktiv auseinanderzusetzen und sie geradezu zu bekämpfen."

André Gorz schien mit seinem Überlegungen, wie man mehr und mehr gesellschaftliche Bereiche den Zwängen der Ökonomie entziehen könne, lange Zeit altmodisch und überholt zu sein. Denn die Entwicklung der vergangenen 30 Jahre ging exakt in die umgekehrte Richtung: Die Ökonomisierung hat inzwischen das Gesundheitswesen, das Bildungssystem und auch die Sphäre der Familie erreicht.

Doch seit der Finanzkatastrophe, in die der Neoliberalismus die halbe Welt gestürzt hat, beginnen nicht zuletzt Sozialforscher umzudenken und entdecken die Aktualität von André Gorz wieder. Etwa die Familienforscherin und Soziologieprofessorin an der Universität Göttingen, Ilona Ostner.

"Ich habe das ja vorhin am Beispiel Bildung gesagt: Wir sagen jetzt 'Bildung, Bildung, Bildung' und tun so, wie auch das sogenannte bildungsfernste Kind Aufstiegschancen hat, wenn es sich nur ausreichend bildet. Gleichzeitig wissen wir, dass Deutschland - darum ist Hartz IV auch so, wie es ist - darauf aus ist, einen Niedriglohnsektor zu schaffen und auszuweiten. Also auch da braucht es Personal. Aber was richtig ist: Man will mit Bildung den Pool der Verfügbaren, eventuell Qualifizierten vergrößern, ohne dass man die Sicherheit des Arbeitsplatzes versprechen kann. Und das soll man viel deutlicher machen."

Die Zurichtung der Subjekte allein nach wirtschaftlichen Anforderungen hat André Gorz immer kritisiert. Wie aber die Arbeit der Konkretisierung aussehen könnte, diese Aufgabe konnte er den Nachgeborenen nicht abnehmen. Immerhin machte die Tagung der Heinrich Böll-Stiftung in Frankfurt am Main deutlich, dass sein sozialkritischer, nicht zuletzt utopischer Impetus wieder gefragt ist.

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