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Studio 9 | Beitrag vom 03.06.2019

Zum WeltfahrradtagEin Auto ist eine Kriegserklärung

Eine Kolumne von Vladimir Balzer

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Berlin: Eine Fahrradfahrerin fährt auf einem Fahrradweg auf einer Kreuzung zwischen zwei Autos entlang. (dpa / picture alliance / Monika Skolimowska)
Autofahrer in Deutschland scheinen die Straße immer noch als ihren persönlichen Besitz zu betrachten, hat Vladimir Balzer erlebt. (dpa / picture alliance / Monika Skolimowska)

Wer in der Stadt mit dem Fahrrad unterwegs ist, lebt gefährlich. Denn die meisten Autofahrern sähen Radfahrer als Hindernis, das sie am liebsten "wegrammen" würden, beklagt unser Redakteur Vladimir Balzer. Seine Forderung: Alle aus dem Verkehr ziehen!

Damit wir uns hier richtig verstehen: Ich verzichte der Einfachheit halber auf unnötige Differenzierungen. Ich sage einfach: Radfahren ist besser als Autofahren.

Ich sage auch gerne, warum. Über Klimaschutz müssen wir nicht mehr reden. Viel wichtiger ist noch etwas anderes: Das Fahrrad ist im Gegensatz zum Auto sozialverträglich, es verlangt durch die ungeschützte Fortbewegung Umsicht und Offenheit. Man schaut – wie soll man sagen – humanistisch auf die Stadt.

Ein Fahrrad ist ein Friedenssymbol, ein Auto eine Kriegserklärung. Das bedeutet: Ich als Radfahrer bringe den Frieden. Ich erwarte dafür, ehrlich gesagt, auch etwas Dankbarkeit. Aber klar, ich weiß schon, noch muss ich warten – auf die Verkehrswende.

Wenn der Radweg in ein Bauloch führt

Übrigens mache ich das schon eine ganze Weile. Hat es mein Leben als Radfahrer sicherer gemacht? Nein, natürlich nicht. Habe ich mein Leben aufs Spiel gesetzt? Ja, natürlich. 
 
Dabei war ich doch so bescheiden: Ich bin so weit rechts auf der Strasse gefahren, dass ich schon am Bürgersteig entlangschliff. Ich kann mich an Funkenschlag erinnern.

Ein weißes Fahrrad mit der Aufschrift "Radfahrerin, 26 Jahre" erinnert an einer Straßenkreuzung in Dresden an eine tödlich verunglückte Radlerin.    (dpa / Arno Burgi)Sogenannte Geisterfahrräder erinnern vielerorts in Deutschland an tödlich verunglückte Radfahrer. (dpa / Arno Burgi)

Natürlich habe ich nicht auf der Geradeaus-Vorfahrt bestanden, wenn ein Zwölftonner plötzlich nach rechts abbog. Selbstverständlich die Todesangst einfach kommentarlos runtergeschluckt, wenn zum hunderttausendsten Mal ein Autofahrer so nah an mir vorbei fuhr, dass dieser Vorgang nur mit seiner Tötungsabsicht erklärbar war.

Natürlich auf Radwegen gefahren, die ich gar nicht hätte nutzen müssen, die dafür plötzlich im Nichts enden oder direkt in ein Bauloch führen. Für all das übrigens noch ein dickes Dankeschön, auch an Deutschlands Verkehrspolitiker und Straßenplaner.

Alle Autos aus dem Verkehr ziehen!

Was ich damit sagen will: Ich kann noch so vorsichtig und zurückhaltend fahren, ich kann mich in Luft auflösen – es nützt alles nichts. Für die meisten Autofahrer bleibe ich ein Verkehrshindernis, das man am liebsten wegrammen würde. Also: Nicht nur, dass Autofahrer das Mehrfache an Platz beanspruchen, sie halten die Straße auch noch für ihren persönlichen Besitz. Und ich grüble schon die ganze Zeit, wie ich ihnen klar machen kann, dass sie sich da täuschen. 

Ich sehe nur eine Möglichkeit: Alle aus dem Verkehr ziehen. Alle! Und wenn sich die Aufregung ("mein Auto, mein Auto!") gelegt hat: auf den Fahrradsattel setzen! Unterteilt in Leistungsgruppen, immer mit Blick auf die besten Talente. Keine Sorge, wir kommen alle irgendwann an.

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