Seit 23:05 Uhr Fazit

Dienstag, 14.08.2018
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Fazit | Beitrag vom 12.08.2018

Zum Tod von V. S. Naipaul"Er war immer auf der Suche nach Wahrheit"

Karin Graf im Gespräch mit Britta Bürger

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul ist im Alter von 85 Jahren gestorben. (dpa/picture alliance/Alessia Paradisi )
Der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul ist im Alter von 85 Jahren gestorben. (dpa/picture alliance/Alessia Paradisi )

Karin Graf hat die Bücher des verstorbenen Literaturnobelpreisträgers V. S. Naipaul ins Deutsche übertragen und kannte ihn persönlich. Sie erklärt, dass der Autor zwar einen schwierigen Charakter gehabt habe, seiner Zeit aber weit voraus gewesen sei.

Die Literaturagentin und Übersetzerin Karin Graf erklärt aus Anlass des Todes des britischen Schriftstellers V. S. Naipaul, dass sie sich ihn damals nicht selbst ausgesucht habe. Sie sagt, es sei vielmehr eine große Chance, ein Geschenk gewesen, dass Kiepenheuer & Witsch ihr die Übersetzung des Romans "An der Biegung des großen Flusses" angeboten habe. Denn sie sei damals eine "blutjunge Anfängerin" gewesen. 

Ungeheur modern

Man müsse zudem die damalige Zeit bedenken, sagt Karin Graf. Postkoloniale Literatur kannte man damals in Deutschland nicht. "Ich habe unendlich viel gelesen, um mir diese Welt zu erarbeiten." Sie habe aber sofort Naipauls ungeheure Modernität erkannt. Er habe schon damals über Migrationsthemen geschrieben und darüber, dass es kein Zuhause mehr gebe und die Welt nicht nur am, sondern im Fluss sei, so Graf weiter.

Alle von ihr übersetzten Naipaul-Bücher hätten sie persönlich zum Nachdenken und damit weiter gebracht. Immer wieder musste sie dabei neues Terrain betreten. In einem Buch ging es um Gastarbeiter aus Indien, die in der Karibik ihr Geld verdienen mussten, im nächsten dann um nicht-arabische Länder, in denen der Islam eine immer größere Rolle spielte.

Der in Trinidad geborene britische Schriftsteller V.S. Naipaul (r) nimmt am 10. Dezember 2001 in Stockholm die Glückwünsche von Medizin-Nobelpreisträger Paul Nurse (l) entgegen, nachdem er mit dem Literatur-Nobelpreisausgezeichnet worden ist. (picture alliance / dpa / AFP)V. S. Naipaul bei seiner Literaturnobelpreisverleihung am 10. Dezember 2001 in Stockholm. (picture alliance / dpa / AFP)

Für Karin Graf ist Naipaul ein typisch britischer Autor, "er schreibt klassisches Britisch außer in seinen früheren Büchern, die in der Karibik spielen, seine späteren waren klar und schnörkellos." Die Herausforderung in der Übersetzung bestehe darin, diese Kürze und Knappheit zu bewahren - auch im Deutschen, das immer etwas länger sei, erklärt Graf ihre Arbeit.

"Ich versuche, mich nicht korrumpieren zu lassen"

Befragt zu seinem offenbar schwierigen Charakter antwortet Karin Graf: "Ich habe ihn sehr gut gekannt, auch seine Ehefrau, die in der Tat schlecht behandelt wurde, sie hat dies aber klaglos ertragen. Sie liebte ihn. Er war ein schwieriger Mensch, selbstsüchtig, immer auf der Suche nach Wahrheit und danach, was die Welt zusammen hält, wie er dem Geheimnis auf die Spur kommt. Das muss man wahrscheinlich akzeptieren, wenn man mit so einem Menschen lebt oder zu tun hat. Er hat selbst gesagt, er hatte keine Freunde."

Karin Graf habe von ihm vor allem gelernt, neugierig zu sein, mit allen zu reden und allen zuzuhören. "Ich versuche, mich nicht korrumpieren zu lassen."

V. S. Naipaul ist im Alter von 85 Jahren nach Angaben seiner Familie am Samstag verstorben. 

Karin Graf hat zehn seiner Bücher ins Deutsche übertragen - allesamt erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsSchlabbern, schlürfen, schmatzen
Die Fütterung eines Nilpferdes durch einen Pfleger in Berlin (imago stock&people)

Der Tierpark Berlin lädt zum "Eisbärentalk mit Fütterung", und bietet ganz unterschiedlich präsentierte Speisungen seiner Tiere. Darüber lästert die "TAZ". Aber ist das richtig? Schließlich zieht die Tierlyrik - und bringt Publikum, wäre also durchaus auch etwas für Verlage.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 6Über Gräben
Die Schrift am Luckenwalder Stadttheater liegt im Schatten. (picture alliance / dpa / Sascha Steinach)

Wie halten sie's mit den Produktionsbedingungen? Im Juni-Podcast geht es um das Verhältnis von festen Häusern und Freier Szene. Außerdem Thema: eine strittige Inszenierung in Berlin und wie Theater sich gegen rechte Übergriffe wappnen können.Mehr

Folge 5Auf der Bühne und dahinter
Der Intendant des Schauspiels Köln, Stefan Bachmann, stellt am 21.05.2013 in Köln (Nordrhein-Westfalen) den Spielplan für die kommende Saison vor.  (picture-alliance / dpa / Oliver Berg)

Künstler oder Servicepersonal? Dulden oder Aufbegehren? Im Mai-Theaterpodcast geht es um die Rolle des Schauspielers im 21. Jahrhundert. Außerdem Thema: Die Proteste von Mitarbeitern der Bühnen in Cottbus und Köln.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur