Seit 23:05 Uhr Fazit

Donnerstag, 21.02.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Interview / Archiv | Beitrag vom 04.06.2016

Zum Tod von Muhammad AliTänzer, Symbolfigur und Narziss

Peter Kemper im Gespräch mit Robert Brammer

Podcast abonnieren
Die US-Boxlegende Muhammad Ali spielt die Rolle eines Zauberers am 15.01.2001 in London bei der Vorstellung des Elektronikspiels 'Knockout Kings 2001'. Das Spiel gehört zu "Playstation2" und kommt im März auf den Markt. (picture-alliance / dpa / epa Hugo Philpott)
Die US-Boxlegende Muhammad Ali (picture-alliance / dpa / epa Hugo Philpott)

Mohammad Ali war grazil und schwerelos, stand für schwarzen Stolz und perfekte Selbstinszenierung: Den "ersten Popstar des Boxens" nennt ihn sein Biograf Peter Kemper. Alis schamloser Wortwitz habe sogar die Rapper der 80er-Jahre inspiriert.

Robert Brammer: Muhammad Ali, der größte Boxer aller Zeiten, ist heute Nacht gestorben. Peter Kemper ist Hörfunkjournalist und Buchautor, hat 2010 bei Suhrkamp das Buch "Muhammad Ali. Leben, Werk, Wirkung" veröffentlicht. Was war für Sie das Faszinosum Mohammad Ali?

Peter Kemper: Das war die Tatsache, dass er wie kein zweiter vor ihm einen schwerelosen Stil ins Boxen gebracht hat. Er war ja so leichtfüßig, er tänzelte − es gab ja seine Maxime "Float like a butterfly, sting like a bee". Er war jemand, der im Boxring mit der Grazie eines Tänzers auftrat und gleichzeitig eine Schnelligkeit und eine Schärfe hatte, die alle Gegner im Grunde das Fürchten lehrte. Er war auch der erste Boxer, der von Frauen geliebt wurde. Es gibt ja Schriftstellerinnen wie Joyce Carol Oates oder Toni Morrison, die haben ihn geliebt wie andere Schriftsteller auch. Er war für mich auch der erste Popstar des Boxens! Ein Freund der Beatles… Da gibt es eine ganz interessante Geschichte: 1964, eine Woche vor dem ersten WM-Kampf gegen Sonny Liston, traf er die Beatles in seinem Trainingscamp, und die wurden sofort Freunde. Es gibt da dieses berühmte Bild, wo er den ersten Beatle John umhaut, und die Beatles fallen alle wie Dominosteine um. Er hat gesagt: Wir müssen mal demnächst auf Tour gehen! Also er hat sich sofort in diese Popbewegung, in diese Aufbruchsbewegung der 60er-Jahre eingemeindet.

Robert Brammer: Ali war natürlich auch eine schwarze Symbolfigur, ein Mann, der sich gegen Ungerechtigkeit wehrte. Begonnen hatte er als Cassius Clay, später ging er zu den Black Muslims und wurde zu Muhammad Ali. Welche Rolle spielte er damals politisch in den USA?

Peter Kemper: Die Black Muslims waren damals eine in den USA umstrittene Organisation, die aber wie keine andere Organisation der Schwarzen für einen schwarzen Stolz, für schwarzes Selbstbewusstsein, für Selbstorganisation, für Selbstermutigung standen. Ali hatte 1958 schon zum ersten Mal Kontakt mit den Black Muslims, man musste das dann eine ganze Zeit geheim halten, vor seinem ersten WM-Kampf wäre das beinahe herausgekommen, an die Öffentlichkeit gedrungen. Man hat ihn bekniet, bitte noch ruhig zu sein, und erst nachdem er Weltmeister geworden ist, hat er sich zu den Black Muslims bekannt.

"Ich tanze nicht nach eurer Pfeife!"

Er hat sehr früh in seiner Kindheit in Louisville die Kränkungen erfahren, die damals vielen Schwarzen in den USA widerfahren sind. Er durfte nicht mit seiner Freundin in eine Saftbar, er wurde, nachdem er die Goldmedaille (bei den Olympischen Spielen 1960) in Rom im Halbschwergewicht gewonnen hatte, in einem Restaurant nicht bedient. Es gibt die Geschichte, dass er seine Goldmedaille angeblich in den Ohio River geworfen hat aus Wut. Er wusste schon, wie Schwarze damals diskriminiert wurden. Die Black Muslims, das war auch für ihn ein symbolischer Schritt, wirklich zu dokumentieren: Ich mache, was ich will! Er hat das auch gleich gesagt: Ich tanze nicht nach eurer Pfeife, ich bin für mich selbst verantwortlich. Die Black Muslims waren für ihn einfach eine Organisation, wo er sein schwarzes Selbstbewusstsein ausleben konnte.

Robert Brammer: Seine Boxkämpfe waren immer auch großes Welttheater, aber es gab auch immer das Spektakel vor dem eigentlichen Fight. Und es gab neben dem Großmaul auch diesen legendären Ali-Rap, er schüchterte auf diese Weise seine Gegner ein, er konnte auf der Medienklaviatur spielen wie kein anderer. War er da auch seiner Zeit schon voraus?

Peter Kemper: Absolut. Seine Boxkämpfe waren ja präzise choreografiert, und das schloss im Grunde auch die Vorbereitungen ein. Nicht zufällig haben Rapper der ersten Stunde wie zum Beispiel Chuck D von Public Enemy oder andere sich auf Ali als einen Vorkämpfer des Rap bezogen. Es gibt ja diese berühmten Sprüche von ihm: "It will be a killer, and a chiller, and a thriller, when I get the gorilla in Manila" – also vor dem "Thriller in Manila" gegen Frazier. Ali hat schon vor seinem allerersten Boxkampf in seiner Heimatstadt Louisville, das ist sehr spät erst herausgekommen, seinen Gegner verhöhnt mit einem kleinen Rap: "This guy must be done, I'll stop him in one". Also er hat auch die Runden, in denen er seine Gegner besiegte, in den meisten Fällen korrekt vorausgesagt. Und dieser Wortwitz, der Ali auszeichnete, "I'm the Greatest", er hat das natürlich immer schamlos übertrieben, diesen Narzissmus, aber das gehörte mit zu seiner Inszenierung dazu, und er hat das natürlich immer mit einem Zwinkern im Auge gemacht. Er hat ja selbst natürlich nicht daran geglaubt, aber er hat eben diese Medienklaviatur perfekt bedient.

Mehr zum Thema:

Tod einer Box-Legende - "The Greatest" Muhammad Ali gestorben
(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 4.6.2016)

Fotoausstellung - Die verschiedenen Gesichter des Muhammad Ali
(Deutschlandfunk, Corso, 14.8.2015)

Box-Roman - Deutscher Meister - für eine Woche
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 30.10.2014)

Boxen - Ein grelles Porträt voller Leidenschaft
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 30.10.2014)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur