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Lesart / Archiv | Beitrag vom 30.09.2015

Zum Tod von Hellmuth KarasekDie Kunst der Leichtigkeit

Iris Radisch im Gespräch mit Frank Meyer

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Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek. (picture-alliance / dpa / Angelika Warmuth)
Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek. (picture-alliance / dpa / Angelika Warmuth)

Hellmuth Karasek stand für lebendige, unterhaltsame und bissige Kritik, meint Iris Radisch, Literaturkritikerin der "Zeit" und frühere Teilnehmerin in der Runde des "Literarischen Quartetts". Er sei eine der großen prägenden Figuren des deutschen Feuilletons gewesen.

"Er war wunderbar, er war charmant, er war entgegenkommend", so erinnerte sich Iris Radisch im Deutschlandradio Kultur an den verstorbenen Literaturkritiker Hellmuth Karasek. Die Literaturredakteurin der "Zeit" hatte Karasek im Jahr 2000 als damals neue Kritikerin in der Runde des "Literarischen Quartetts" kennen gelernt.

Karasek sei vor der Ausstrahlung der Sendung immer sehr aufgeregt gewesen, sagte Radisch im Rückblick auf die gemeinsamen Jahre in der Kritikerrunde:

"Was mir aber auch gut tat, dass selbst so ein Altmeister so aufgeregt war. Er war vor der Sendung unglaublich nervös, sagte auch: 'Er könne immer noch nicht schlafen'. Die Zuschauer konnten ja auch sehen, dass er während der Sendung sehr schwitzte. Das war für ihn richtig existenziell. Das war Schwerstarbeit, die er dann mit wunderbarer Leichtigkeit gemacht hat. Er war natürlich der, über den man am meisten lachen konnte."

"Sie waren eigentlich Zeitungsstars"

Es sei ungerecht, dass sowohl Karasek als auch Marcel Reich-Ranicki heute oft nur noch als Fernsehstars wahrgenommen werden, sagte Radisch. Beide seien eigentlich ursprünglich Zeitungsstars gewesen:  

"Und Hellmuth Karasek war ein hervorragender Kritiker. 20 Jahre lang im 'Spiegel', davor auch in meiner Zeitung, in der 'Zeit', hat er hervorragende Kritiken geschrieben, die das Kulturleben, die das deutsche Feuilleton geprägt haben. Er ist wirklich neben Fritz J. Raddatz eine der großen, prägenden Figuren dieser Aufbruchsjahre im westdeutschen Feuilleton."

(dpa / Karlheinz Schindler)Iris Radisch, Literaturkritikerin der "Zeit", und früher Diskussionspartnerin von Hellmuth Karasek im "Literarischen Quartett" (dpa / Karlheinz Schindler)

Gegen den "hochmütigen" deutschen Kulturbegriff 

Karasek habe mit seinen Filmkritiken auch dazu beigetragen, dass sich der Blick etwa in Richtung Amerika geöffnet habe, meinte Radisch:

"Der diesen schweren, ein bisschen hochmütigen deutschen Kulturbegriff verändert hat, ihn lebendiger, biegsamer gemacht hat. Das ist sein ganz großes Verdienst."

Für Karasek waren Karl Kraus und Kurt Tucholsky große Vorbilder, so hat er es einmal in einem Interview geäußert. Diese Haltung merke man seinen Arbeiten auch deutlich an, findet Radisch: es sei lebendige, unterhaltsame und bissige Kritik gewesen:  
 
"Wenn man sich sein letztes Werk anschaut, die Rezension des Ikea-Katalogs – das kann man auf YouTube sehen – das ist natürlich ein Meisterwerk des Schelmischen und gleichzeitig Unerbittlichen. Also das ist ein wunderbares Vermächtnis, das er da hinterlassen hat."  

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