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Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.07.2016

Zum Tod von Gastro-Kritiker Wolfram SiebeckGegen den deutschen Eintopfdunst

Holger Hettinger im Gespräch mit Anke Schaefer

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Der Gastronomiekritiker und Koch Wolfram Siebeck (Patrick Seeger, dpa picture-alliance)
Der Gastronomiekritiker und Koch Wolfram Siebeck (Patrick Seeger, dpa picture-alliance)

Er aß für sein Leben gern und war sehr wählerisch. Eingefrorenes oder Abgepacktes kam bei ihm nie auf den Tisch. Der verstorbene Restaurantkritiker Wolfram Siebeck hat die deutsche Küche der 70er- und 80er-Jahre geprägt, sagt Kulinarik-Experte Holger Hettinger.

Seine berufliche Laufbahn begann Wolfram Siebeck als Illustrator. Er malte Werbschilder und besuchte später die Werkkunstschule in Wuppertal. Der Weg vom brotlosen Künstler zum verwöhnten Restaurantkritiker sei sehr konsequent gewesen, meint Holger Hettinger.

Siebeck habe zu einer Gruppe von Journalisten gehört, für die Essen eine hochpolitische Angelegenheit war. "Er war ein Linksintellektureller, ein 68er, der sich über die Küche von deutschnationalen Umtrieben versuchte abzusetzen", erklärte Hettinger im Deutschlandradio Kultur. Siebeck habe die Philosophie des Essens als funktionale Nahrungsaufnahme dadurch unterlaufen, dass er Küchenleistungen vor allem aus Frankreich verehrt habe. Das sei eine Art "politisches Versöhnungswerk" gewesen.

Angriff auf die "deutsche Plumsküche"

Für Siebeck war Küche auch immer kultuelle Leistung, betont Hettinger. Für die deutsche Küche habe er den Begriff "deutsche Plumsküche" geprägt, womit er auf den Eintopfdunst und die Kohlseeligkeit anspielte. Seine politische Mission war es, das zu konterkarieren - vor allem durch den Blick auf die verfeinerte französische Küche. 

In deutschen Spitzenrestaurants wurde in den 70er-Jahren noch aus der Dose gekocht. Mit Guerillaaktionen wie nächtlichen Großeinkäufen in französischen Großmärkten habe Siebeck dafür gesorgt, dass die deutsche Gastronomie ein Produktbewusstsein entwickelt habe. Mit frischen Zutaten wie Avocado, Mango und Gänseleber habe er damals stilbildend auf die deutsche Küche gewirkt.

Gestern ist Wolfram Siebeck im Alter von 87 Jahren gestorben. Er schrieb u.a. für den "Stern" und die "Zeit" und veröffentlichte eine monatliche Kolumne im "Feinschmecker". Außerdem brachte der Gourmet zahlreiche Bücher über seine Eindrücke als Restaurantkritiker heraus. Seit 2011 betätigte er sich auch als Blogger – der letzte Beitrag für sein Reisetagebuch "Wo is(s)t Siebeck" erschien im Oktober 2015. 

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