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Fazit | Beitrag vom 19.06.2020

Zum Tod von Carlos Ruiz Zafón"Eine Seele, in der sich Autor und Leser begegnen"

Hans Jürgen Balmes im Gespräch mit Andrea Gerk

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Der Bestseller-Autor Carlos Ruiz Zafón mit schwarzer, runder Brille. (Christophe Gateau/dpa)
Carlos Ruiz Zafón schreibt Geschichten, die den Leser alles um sich vergessen lassen. (Christophe Gateau/dpa)

Für Carlos Ruiz Zafón waren Bücher immer magisch, sagt Hans Jürgen Balmes vom S. Fischer Verlag. Der verstorbene Schriftsteller habe mit seinen Romanen ein neues Barcelona erschaffen - und vielleicht gebe es noch unveröffentlichte Geschichten im Nachlass.

Sehr scheu sei Carlos Ruiz Zafón am Anfang ihrer Bekanntschaft gewesen, erzählt Hans Jürgen Balmes vom S. Fischer Verlag, der mehr als zehn Jahre mit dem Schriftsteller zusammengearbeitet hat: "Er brauchte eine Zeit lang, um sich zu öffnen und sein Vertrauen zu finden." Vor allen Dingen durch Gespräche über Musik seien sich er und Zafón näher gekommen, später "sind wir richtig Freunde geworden", berichtet Balmes.

Der Ruhm habe Zafón anfangs verängstigt: "Er wollte nicht unbedingt angesprochen und erkannt werden. Erst in späteren Jahren ist er ein bisschen cooler geworden und hat es manchmal richtig genossen", so Balmes. Getroffen habe man sich immer in Barcelona. Die Stadt habe Zafón durch seine Bücher miterschaffen, betont Balmes. Der Schriftsteller habe seine Erlebnisse und die Kehrseiten der katalanischen Hauptstadt zu einer eigenen Welt verschmelzen lassen: "Die dann für viele Leute zum Inbegriff von Barcelona geworden ist." Viele seien mit Zafóns Büchern durch die Straßen gelaufen und haben wissen wollen, wo der Eingang zum Friedhof der vergessenen Bücher sei.

Der "Dickens von Barcelona"

Überhaupt habe Literatur für Zafón immer etwas Magisches gehabt, berichtet Balmes: "Das hatte was mit den Tricks von Zauberern zu tun." Dass Zafón als "Dickens von Barcelona" bezeichnet wurde, kann Balmes verstehen. Seine Erzählweise sei sehr emotional, und es gebe viele Kindergestalten: "Es gibt sehr viele Diskussionen über kindliche Unschuld und wie man die in einer Welt bewahren kann, die mit dem ganzen Grauen auf einen zustürmt."

Zafóns Romane seien immer auch Liebeserklärungen an die Literatur, sagt Balmes: "Es gibt nichts Schöneres, als wenn man mit einem Buch in der Hand irgendwo sitzt und einem das Buch selber erzählt, wie toll die Welt der Bücher ist." Auch durch die Handlungsführung habe Zafón seine Leser gefesselt. Er habe Geschichten gefunden, die den Leser so emotional angesprochen haben, dass er alles um sich herum vergessen habe, begeistert sich Balmer: "Das Schönste ist, wenn die Seele eines Buches so von dem Autor an den Leser weitergereicht wird, dass es eine Seele ist, in der sich dann Autor und Leser begegnen."

Kommt noch Neues?

Deutschland sei Zafón besonders durch den Erfolg des Romans "Marina" ans Herz gewachsen, sagt Balmes: "Das war das Buch, mit dem er sich selber beweisen wollte, dass er als Schriftsteller etwas taugt." Und sei mit mehr als einer halben Millionen verkauften Exemplaren ein Riesenerfolg gewesen.

Auch nach dem Tod des Schriftstellers werde es vielleicht noch Veröffentlichungen geben, macht Balmes Hoffnung. Sie hätten schon immer geplant, ein Buch aus den Geschichten zu machen, die "quasi zwischen die Romane gefallen sind", berichtet der Programmleiter des Fischer-Verlags: "Ich bin gespannt, ob wir jetzt im Nachlass vielleicht Entwürfe finden zu diesen Geschichten."

(beb)

Peter Schwaar hat Carlos Ruiz Zafón übersetzt. Im Interview berichtet er von seinen Schwierigkeiten, Zafóns Sprachbilder ins Deutsche zu übertragen:

 

 

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