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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.09.2015

Zum Tod von Barbara Brecht-SchallDogmatische Verfechterin des Originals

Von Hartmut Krug

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Die Tochter von Bertolt Brecht und Helene Weigel, Barbara Brecht-Schall, aufgenommen im Juli 2009 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin (picture-alliance/ dpa)
Die Tochter von Bertolt Brecht und Helene Weigel, Barbara Brecht-Schall (1930 - 2015) (picture-alliance/ dpa)

Als Haupterbin Bertolt Brechts wünschte sie sich Inszenierungen, die nicht etwa originell, sondern originaltreu waren. Damit setzte Barbara Brecht-Schall die Theaterwelt regelmäßig in Aufregung. Nach ihrem Tod geht diese Entscheidungsgewalt nun auf ihre beiden Töchter über.

Barbara Brecht-Schall, Tochter von Bertolt Brecht und Helene Weigel, hat noch im April die Theaterwelt in Aufregung versetzt. Denn da verbot sie nach der Premiere weitere Aufführungen von Frank Castorfs Inszenierung von Brechts "Baal", weil Castorf Brechts Stück als Material benutzt und es mit vielen Fremdtexten durchsetzt hatte. Durchaus in einer Form, die noch einiges von Brechts Inhalten transportierte. Doch die Form, sie gefiel der Brechttochter nicht.

Immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik

So geriet die Haupterbin Brechts und Verwalterin der Brecht-Erben GmbH, die auch die Interessen von Hanne Hiob und Stefan Brecht vertrat, den bereits verstorbenen anderen Kindern Brechts, mal wieder ins Kreuzfeuer der Kritik. Denn die Brechttochter, die unter dem Künstlernamen Barbara Berg als Schauspielerin wie ihr Mann Ekkehard Schall einst zum Ensemble des Berliner Ensembles gehörte, agierte als Inhaberin aller Rechte an Brechts Stücken auch hier wie eine Museumswächterin.

Sie wünschte sich Inszenierungen von Brechts Stücken, die nicht etwa originell, sondern originaltreu waren. Und da sie zu wissen glaubte, wie Papa seine Stücke gespielt haben wollte, pflegte sie eine dogmatische Vergabepraxis. Was in einer Zeit, in der das sogenannte Regietheater Dichtertexte nur mehr als frei verfügbares Material behandelt, mit dem man sich sein eigenes Stück inszeniert, die Theatermacher natürlich ärgert. Schon 1981 scharte der Zeit-Kritiker Benjamin Henrichs mit der Forderung "Enterbt die Erben" Regisseure wie Peymann, Steckel und Flimm um sich.

Doch Barbara Brecht-Schall hatte immer das Recht auf ihrer Seite, auch wenn sie mit ihren unerbittlichen Verboten sicher nicht immer Recht hatte. Nachdem Einar Schleef in Brechts "Puntila" am Berliner Ensemble eine zeitweilig nackte Männergruppe hatte auftreten lassen, lehnte sie Schleefs Wunsch ab, den "Galileo" zu inszenieren. Sie sagte: "Sieben nackte Kardinäle an der Bühnenrampe, das brauche ich nicht."

Jetzt sind die Töchter am Zug

Was Brecht braucht oder was man mit ihm nicht anstellen darf, das entscheiden jetzt die beiden Töchter von Barbara Brecht-Schall. Johanna Schall, Jahrgang 1958, ist eine erfahrene Schauspielerin und Regisseurin, ihre jüngere Schwester Jenny Schall ist Kostümbildnerin. Die beiden arbeiten oft zusammen, so zuletzt in Rostock, wo sie Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" mit großem Erfolg auf die Bühne brachten.

Johanna Schall war eine Protagonistin von Alexander Lang in dessen großer Zeit am Deutschen Theater in den 1980er-Jahren, und als Regisseurin hat sie ein breites Spektrum von Stücken inszeniert. Sie ist keine Theaterrevolutionärin, doch eine kluge und kritische Theatermacherin, keineswegs eine Dogmatikerin wie ihre Mutter. Man kann Hoffnung haben, dass die beiden Schwestern mehr Experimente mit Brecht erlauben werden als es ihre Mutter tat.

Mehr zum Thema:

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