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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.03.2019

Zum Tod von Arnulf BaringDer ruppige Patriot

Ein Nachruf von Arno Orzessek

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Arnulf Baring, Historiker, aufgenommen am 26.03.2014. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Der Historiker Arnulf Baring. (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Arnulf Baring ist tot. Er wurde 86 Jahre alt. Der Politikwissenschaftler und Historiker lehrte an der Freien Universität Berlin, wo er diverse Lehrstühle innehatte. Baring schrieb Jahrzehnte über die Bundesrepublik und war einer ihrer wichtigsten Chronisten.

Kantig-konservative Weltanschauung, unkomplizierte Thesen, forsche, bisweilen aggressive Töne: Dafür war Arnulf Baring als Talkshow-Gast in seinen späten Jahren bekannt. Doch ein Griesgram war er nicht. Der leidenschaftliche Kontakte-Macher, der die meisten wich­ti­gen Po­li­ti­ker der Bundesrepublik bis hin zu Angela Merkel per­sönlich ge­kannt hat.

Seine Lebenslust führte Baring nicht zuletzt auf den Einfluss seiner Mutter Gertrud zu­rück.

"Ich weiß, als sie irgendwann mal einen runden Geburtstag hatte, habe ich gesagt, es seien drei Din­ge, die ich von ihr gelernt hätte: Die Freude am Menschen, die Freude am Reisen, die Freude am Lesen."

Kindheit im Zweiten Weltkrieg

Dabei prägten die Übel des Zweiten Weltkriegs die Kindheit des gebürtigen Berliners, der ab 1943 bei Großmutter Anna in Dresden wohnte.

Als die Stadt im Februar '45 bombardiert wur­de, hockte der Zwölfjährige an der Seite der Oma im wac­kel­nden Luft­schutzkeller. Von 57 Hausbewohnern überlebten nur die­se zwei - weil sie wider al­len Rat aus dem Kel­ler stürm­ten und zwischen brennenden Trümmerbergen aufs Land hinaus flo­hen.

Arnulf Baring: "Dass man's überlebt hat, lag ja nicht an der eigenen Findigkeit. Ob's einen traf oder nicht traf, hatte man nicht in der Hand."

Stärke trotz Schrecken zeigen

Zurück in Berlin, erlebte Arnulf den Einmarsch der Roten Armee. Die Mor­de, die Vergewaltigun­gen, die ständige Bedrohung seiner Mutter gingen ihm so nahe, dass er spä­ter Abstand suchte. Baring dazu:

"Ich glaube heute, dass ich einen Großteil meiner Kriegserlebnisse insofern von mir abgespalten habe, als dass es mich wahrscheinlich, wenn ich das bewusst erlebt hätte, niedergedrückt hätte."

Nein, Arnulf Baring ließ sich nicht niederdrücken - schon gar nicht von der Erinnerung an die Ver­brechen der Na­tio­nalsozialisten.

Baring hielt das Dritte Reich stets für eine unangenehme Entgleisung der deutschen Ge­schichte. Noch unangenehmer war ihm aber, dass die Nachkriegsdekaden je länger, desto stär­ker im Zei­chen schuldbelasteter Vergangenheitsbewältigung standen. Baring:

"Ich glaube, dass unserem Volk durch Hitler das Selbstgefühl gebrochen worden ist. Und dass das das Schlimmste an der ganzen Geschichte ist. Und dass wir dadurch eine sehr verklemmte Einstel­lung zu moralischen Dingen, auch zu uns selber haben. Und dass wir im Grunde genommen durch besondere moralische Hochwertigkeit der Welt etwas zu bieten versuchen."

Eine Karriere an der Universität

Bevor seine Stimme öffentlich Gewicht bekam, trat Baring 1952 in die SPD ein und studierte Jura und Po­litikwissen­schaften.

Er gastierte Anfang der 60er Jahre als junger - und verliebter - Akademiker in Paris und übte sich im Savoir vivre. Nach einem Zwischenspiel beim Westdeutschen Rundfunk ging er an die Har­vard Uni­versity in den USA, wo ihm die Warm­her­zig­keit des Uni-Mi­lieus und die offene Streitkul­tur be­hag­ten.

Als Baring am Berliner Otto-Suhr-Institut einen Lehrstuhl für die Theorie politi­scher Herr­schafts­systeme bekam, fiel ihm auf, dass er gar kein theoretischer Kopf ist.

Also wechselte er 1976 auf einen Lehrstuhl für Zeitgeschichte an der Freien Universität und koket­tierte später mit dem Titel "Professor für Plauderei".  Arnulf Baring:

"Habe ich oft den Studenten erzählt, um ihnen Mut zu machen: Dass man das Ganze nicht als eine Herausforderung - und viel Wissenschaft kann ja auch erdrückend sein -, sondern dass man sich auch als geselliger Zeitgenosse in diesen Fächer betätigen darf."

Die Ära Brandt - Scheel

Barings bedeutendstes Werk "Machtwechsel. Die Ära Brandt - Scheel", erschienen 1982, entstand un­ter bei­spiellosen Umständen:

Eingeladen vom damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel, gas­tierte Baring im Gäs­tehaus der Bonner Villa Hammerschmidt, bekam exklusiven Einblick in Archive, sprach mit ungezählten Zeit­zeugen.

Und schrieb ein urteilsfreudiges, kaum je an Strukturen, aber stets an handelnden Men­schen orien­tiertes 830-Seiten-Buch über die erste so­zialliberale Koalition ab 1969. Helmut Schmidt kommt schlecht weg, für Scheel und ins­besondere Willy Brandt fällt Lob ab.

Baring: "Ich glaube, dass er sozusagen etwas verkörperte, was die Deutschen auch erwarten und brauchen: Sich für etwas einzusetzen, was nicht nur den Einzelnen, sondern das ganze Land und vielleicht sogar über das Land hinaus viele Menschen guten Willens voranbringt und zusammenhält."

Baring und die DDR

Solange der Eiserne Vorhang Europa teilte, fuhr Baring mit seinen Studenten oft in den Osten - vor allem in die DDR. Als Radioautor viel gefragt, hielt er das Erwachen nostalgischer Gefühle beim An­blick des rückständigen Mansfeld fest.

"Alle werden nachdenklich beim Gespräch über die wohlerhaltene Siedlung zu unseren Füßen. Versunkene Zeiten stehen auf, Volkslieder kommen in den Sinn. 'Am Brunnen vor dem Tore', 'In einem kühlen Grunde'. Hier kann man das noch fühlen, noch nachempfinden. Einige summen."

Während die DDR ihren 35. Geburtstag feierte, betrachtete Baring das deutsch-deutsche Ver­hältnis unter dem Gesichtspunkt 'Freiheit' und kam zu dem bemerkenswerten Schluss:

"... dass in mancher Hinsicht wir mit unserer Freiheit nichts anzufangen wissen, und auf andere Wei­se die mit ihrer Unfreiheit oder trotz Unfreiheit aus ihrem Gebilde etwas machen, was auch vor un­serer Geschichte, glaube ich, Bestand hat."

Ausschluss aus der SPD

1983 wurde Baring wegen Unterstützung des FDP-Politikers Hans-Dietrich Genscher aus der SPD ausgeschlossen - ohne darum Trübsinn zu blasen. Baring:

"Ich war dann auch ganz froh, draußen zu sein. Weil, wenn man politisch sozusagen Meinungen vertritt, dann ist man nicht gut beraten, wenn man in der Partei ist."

Künftig vertrat Baring, dessen publizistisches Talent größer als das fachwissenschaftliche war, nur die eigene Meinung, etwa 1997 in dem Buch "Scheitert Deutsch­land?". Seine darin fixierte Euro- und Europaskepsis schien ihm noch 2014, im Rahmen der Er­in­nerung an den Ausbruch des Ers­ten Weltkriegs, völlig richtig. Baring:

"Die Art und Weise, wie unserer Position von den anderen in Europa benutzt wird, uns auszubeuten und finanziell zur Kasse zu bitten, ist natürlich eine moderne Form, in der sich der alte Konflikt zeigt. Deutschland hat in Europa keinen verlässlichen Verbündeten."

Der Kritiker

Ob es um die Berliner Republik ging, die Kaste der Politiker, das Holocaustgedenken, den Eu­ro, die moderne Architektur, Zuwanderung und Flüchtlingsströme - am Schluss sah der ruppige Patriot Baring fast über­all Ma­kel, Fehler und Versäumnisse.

Dass es aber auch in kompliziertesten Zeiten klare Maßstäbe gibt, daran hat er nie gezweifelt:

"Die kleinen Dinge sind klein, und die großen Dinge sind groß."

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