Seit 23:05 Uhr Fazit
Samstag, 31.10.2020
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Fazit | Beitrag vom 08.10.2020

Zum Tod des Schriftstellers Günter de Bruyn"Er ist in der Zeit emigriert"

Norbert Hummelt im Gespräch mit Vladimir Balzer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Schwarz-weiß-Aufnahe von Günter de Bruyn. Im Hintergrund ist ein Wald und Wasser zu sehen.  (laif / Isolde Ohlbaum)
Machte sich in der DDR einen Namen als kritischer Geist: der Autor Günter de Bruyn. (laif / Isolde Ohlbaum)

Günter de Bruyn gehörte zu den wichtigsten deutschen Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg. Er kritisierte offen das SED-Regime der DDR und schrieb noch bis ins hohe Alter gefeierte Bücher. Nun ist er mit 93 Jahren gestorben.

Der Schriftsteller Günter de Bruyn ist tot. Er starb im Alter von 93 Jahren, wie der Landkreis Oder-Spree unter Berufung auf de Bruyns Familie am Donnerstag mitteilte.

Günter de Bruyn, geboren in Berlin, war einer der bedeutendsten Schriftsteller der DDR und des wiedervereinigten Deutschland. Zu seinen Werken gehören die Romane "Buridans Esel" (1968), "Märkische Forschungen" und "Neue Herrlichkeit" (1984) sowie die autobiografischen Schriften "Zwischenbilanz" (1992) und "Vierzig Jahre" (1996). Sein letztes Buch erschien vor zwei Jahren: "Der neunzigste Geburtstag". 

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Günter de Bruyn habe sehr abgeschieden gelebt, erzählt der Lyriker Norbert Hummelt. De Bruyn habe in Brandenburg seit den 60er-Jahren in einer alten Mühle gelebt in einer Gegend, die er selbst als "im Abseits" bezeichnet habe. 

"In dieses Abseits hat er sich zurückgezogen, um da nicht gefunden zu werden, vielleicht in der damaligen Gesellschaft, in dem Staat, in dem er lebte, in der DDR. Das ist natürlich so ganz nicht möglich gewesen", sagt Hummelt. "Es ist aber schon eine für ihn sehr typische Geste."

Der Autor wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Lehrer, arbeitete als Bibliothekar und sei recht spät freier Schriftsteller geworden, so Hummelt.

Günter de Bruyn (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)Geboren wurde de Bruyn am 1. November 1926 in Berlin. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

In seinem Werk setzte sich der Autor kritisch mit dem Privatleben der Kulturschaffenden in der DDR auseinander. Wegen seiner Kritik am SED-Regime ließ die Zensur die erste Auflage seines Romans "Neue Herrlichkeit" einstampfen. Erst nachdem es in Westdeutschland (bei Fischer) erschienen war, kam es auch in der DDR heraus. 1989 nahm de Bruyn den Nationalpreis der DDR nicht an. Er sagte später über diese Zeit: "Mein Leben spielte sich zwar in der DDR ab, aber es blieb doch mein Leben."

Rechercheur vergessener Geschichten

Ausgereist ist Günter de Bruyn nicht. "Aber er ist in der Zeit emigriert", so Hummelt. De Bruyn sei ein Chronist und genauer Beobachter gewesen und habe sich aus der Gegenwart in die Zeit um 1800 zurückgezogen. "In dieser Zeit hat er sich sehr wohlgefühlt und hat später auf Streifzügen durch die Mark Brandenburg diese alten Musenhöfe, Schlösser und Güter besucht und hat da die vergessenen Geschichten recherchiert."

Dabei habe er allerdings nie die Gegenwart aus dem Blick verloren. Er habe immer klar gemacht, dass man die Vergangenheit von heute aus betrachtet. "In kaum vernehmbaren Sendungen hat er die Geschichten aus der Vergangenheit benutzt, um der heutigen Zeit etwas entgegenzuhalten. Und er hat, wie ich finde, das so fein gemacht, mit unscheinbaren, präzisen Formulierungen, dass er im Grunde unterhalb des Radars der Zensoren geflogen ist, weil sie das eigentlich gar nicht verstanden haben."

(leg/nho)

Mehr zum Thema

Günter de Bruyn: "Der neunzigste Geburtstag" - Brüchige familiäre Beziehungen
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 31.10.2018)

Günter de Bruyn: "Die Somnambule" - Immer mit leisem Spott
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 03.11.2015)

Ein Fest für Günter de Bruyn
(Deutschlandfunk Kultur, Literatur, 18.12.2011)

Die DDR besser verstehen
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 28.08.2011)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsEmpörung über Lockdown
Das Schild «Closed» (Geschlossen) hängt an der Tür eines Geschäftes.  (picture alliance /dpa/Oliver Berg)

Am Boden, ausgeknockt, zum Schweigen gebracht: Die Feuilletons finden viele zornige Worte zur Entscheidung der deutschen Regierung, Kultureinrichtungen für vier Wochen zu schließen. Kunst und Kultur seien unentbehrlich.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur