Seit 10:05 Uhr Lesart

Donnerstag, 27.02.2020
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Interview | Beitrag vom 24.01.2020

Zum Tod der Kinderbuchautorin Gudrun PausewangDie politische Mahnerin

Ralf Schweikart im Gespräch mit Nicole Dittmer

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die Autorin Gudrun Pausewang bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2017 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main (dpa / Arne Dedert)
Engagiert und politisch: die Kinderbuchautorin Gudrun Pausewang. (dpa / Arne Dedert)

Keine rosarote Kinderwelt zeigen, sondern Wirklichkeit: Das war der Anspruch der Kinderbuchautorin Gudrun Pausewang, die nun mit 91 Jahren verstorben ist. Sie habe zeigen wollen, "dass man etwas verändern kann", sagt Literaturkritiker Ralf Schweikart.

Wenn man die schöne Welt will, dann muss man manchmal eintauchen in Kinderbücher. Da passiert meist nichts wirklich Schlimmes und für Probleme und Konflikte gibt es spätestens am Ende eine Lösung. Ganz anders bei Gudrun Pausewang, die ihre Leser – wie sie selber gesagt hat – ernst nehmen wollte und deshalb von der Wirklichkeit erzählt hat. Jetzt ist die Kinder- und Jugendbuchautorin im Alter von 91 Jahren gestorben.

"Ihr Anspruch war ja immer, Realität darzustellen. Und für diese Überzeugung ist sie in ihren Titeln eingetreten", sagt Ralf Schweikart, Vorsitzender des Arbeitskreises für Jugendliteratur. "Was sie nicht wollte, war eine rosarote Kinderwelt zeigen. Ihr Hauptaugenmerk lag darauf, Kindern aufzuzeigen, dass man etwas verändern kann, dass man sich gegen Dinge zur Wehr setzen kann, dass man wissen muss, was um einen herum passiert. Und da ist Realismus, glaube ich, die richtige Wahl."

Die Atomkatastrophe zu Ende gedacht

Am bekanntesten wurde Gudrun Pausewang als Autorin mit dem Jugendbuch "Die Wolke". Darin hat sie die Atomkatastrophe zu Ende gedacht, den "größten anzunehmenden Unfall", die Flucht vor der unsichtbaren Gefahr, ausfallende Haare, tote Eltern und die Spaltung der Gesellschaft in Opfer und Davongekommene.

Sie schrieb "Die Wolke" 1986 im Schrecken über das Reaktorunglück in Tschernobyl, um Jugendliche auf die atomaren Gefahren aufmerksam zu machen. Ein gut recherchierter Roman, der verfilmt und in elf Sprachen übersetzt wurde.

Doch das Werk Pausewangs sei umfangreicher und vielfältig, umfasse längst nicht nur politische Titel, sagt Ralf Schweikart. Er war 2017 Mitglied der Jury für den Deutschen Jugendliteraturpreis, mit dem Pausewang damals für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet wurde: "Sie hat sich mit den politischen Themen befasst. Sie hat aber auch für Kinder eine Räubergeschichte geschrieben, Geschichten über Wassermänner. Das ist einfach ein sehr breites Werk, und da nimmt man sie ein bisschen zu sehr als die politische Schriftstellerin wahr."

Als Angstmacherin kritisiert

Dass sie politisch klar Stellung bezog, wie in dem Jugendbuch "Die Wolke", brachte ihr nicht nur Zustimmung ein: Einige kritisierten sie als Angstmacherin. Bis zur Atomkatastrophe von Fukushima 2011, als das Buch plötzlich auf den Besteller-Listen stand.

Insgesamt hat Pausewang über 90 Bücher geschrieben, für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. In den 1970er-Jahren traf sie mit ihrer politischen, engagierten Jugendliteratur den Nerv der Zeit. Denn sie griff Probleme der Gegenwart auf – und solche, die nicht als erzählbar galten, zum Beispiel in "Reise im August". In dem Buch erzählt sie aus Sicht eines Mädchens die Deportation nach Auschwitz. Gudrun Pausewang ging es darum, mit ihrer Literatur etwas zu bewirken. Ihr moralischer Anspruch und ihre Motivation zu schreiben waren tief geprägt von ihrer Biografie.

Über die Jugend im Nationalsozialismus schreiben

Über ihre eigene Jugend aber schrieb sie erst in den 80er-Jahren, in der Trilogie "Rosinkawiese". Auf der Rosinkawiese, einem Stück Land im ehemaligen Ostböhmen, wollten ihre Eltern den Traum vom alternativen Leben verwirklichen. Dort wurde Gudrun Pausewang 1928 geboren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg floh die damals 17-Jährige mit ihrer Familie nach Westdeutschland. Als Jugendliche war sie damals vom Nationalsozialismus überzeugt. "Erst dann, in den Wochen nach Kriegsende ging mir langsam auf, wie schmählich dieses NS-System unseren jugendlichen Idealismus benutzt und missbraucht hat", erzählte Pausewang. "Und ich zog daraus, wie so viele meiner Generation, eine völlig falsche Konsequenz. Nämlich die: Nie wieder will ich etwas mit Politik zu tun haben. Und in dieser politischen Abstinenz habe ich mich dann die Jahre bis ich rausging, nach Südamerika, die hab ich beibehalten."

Eine wissenschaftliche Karriere mit 70 Jahren

Als sie 1956 als Lehrerin nach Südamerika ging, begann sie zu schreiben. Drei Jahre später veröffentlichte sie ihren ersten Roman "Rio Amargo": ein Buch für Erwachsene, in dem sie die politischen Unruhen und sozialen Missstände in Chile beschrieb. Zurück in Deutschland ließ sich Pausewang im osthessischen Schlitz (Vogelsberg) nieder.

Im hohen Alter von 70 Jahren promovierte sie an der Frankfurter Goethe-Universität über Jugendbuchautoren der Erich-Kästner-Generation und befasste sich später wissenschaftlich mit Aspekten der Literatur im Nationalsozialismus.

Gudrun Pausewang hat in ihrer Literatur politisch und sozial engagiert erzählt, immer mit dem leitenden Gedanken: Etwas lässt sich doch bewirken. Als Warnerin, als Lehrerin und vor allem als Schriftstellerin.

(Gudrun Rothaug/lkn)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur