Seit 10:05 Uhr Lesart

Dienstag, 25.02.2020
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Fazit | Beitrag vom 11.02.2020

Zum Tod der Comic-Zeichnerin Claire BretécherPionierin des Alltäglichen

Christian Gasser im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die französische Cartoonistin Claire Bretecher in ihrem Atelier am 1.1.1979 (Getty Images / Sygma / Li Erben)
Resolute weibliche Perspektive: die französische Cartoonistin Claire Bretécher 1979 in ihrem Atelier. (Getty Images / Sygma / Li Erben)

Die Französin Claire Bretécher widmete sich in ihren Comics als eine der ersten überhaupt der schnöden Normalität. Nun ist Bretécher mit 79 Jahren gestorben. Ihr Einfluss auf andere Comic-Zeichner ist kaum zu überschätzen.

Die französische Comic-Zeichnerin Claire Bretécher ("Die Frustrierten", "Agrippina") ist tot. Bretécher sei im Alter von 79 Jahren gestorben, teilte der Verlag Dargaud mit. Das Werk der gebürtigen Westfranzösin besteht aus rund 30 Alben, ihre ersten Zeichnungen hatte sie in den 70er Jahren veröffentlicht. 2016 erhielt sie den Max- und Moritz-Hauptpreis des Comic-Salons in Erlangen.

"Claire Bretécher ist in mehrerer Hinsicht eine Pionierin in der Comicszene, und deswegen ist ihre Rolle wahrscheinlich gar nicht zu überschätzen", sagt Christian Gasser, Schriftsteller und Mitherausgeber der Comic-Zeitschrift STRAPAZIN. Dass sie anstelle von Fantasiefiguren und -welten alltägliche Situationen, Schwächen und Krisen dargestellt habe, sei ehemals etwas ganz Neues gewesen.

Unglaublicher Erfolg in einer Männerdomäne

Aber das eigentlich "Unerhörte" sei gewesen, dass sie mit ihrer "resolut weiblichen Perspektive" auf die Gesellschaft in der Männerdomäne Comic bereits Mitte der 70er Jahre einen "unglaublichen" Erfolg gehabt habe, so Gasser - und zudem noch eine Leserschaft fand, "die weit über die Grenzen des Comics hinausging".

In den Panels aus "Agrippina" sitzt die Protagonistin auf einem Sofa und fragt am Telefon: "Was ist das denn wieder für'n Unsinn? Welches Antidepressivum nimmst du zurzeit?" (Reprodukt / Claire Bretécher)In Claire Bretéchers Reihe "Agrippina" steht eine Teenagerin am Rande des Nervenzusammenbruchs. (Reprodukt / Claire Bretécher)

Ihr Strich sei "sehr locker, sehr nervös und skizzenhaft" gewesen, erklärt Gasser. Diese "karikaturistischen Elemente", die Bretécher pflegte und die damals in Frankreich auch relativ neu gewesen seien, hätten ihr den Vorwurf eingebracht, nicht zeichnen zu können. "Was natürlich ein absoluter Humbug ist, weil Inhalte und Zeichnungen in ihren Comics Hand in Hand gehen." Es sei Bretécher nicht um "idealisierte Helden" gegangen, sondern darum, Menschen in ihrer "alltäglichen, mittelmäßigen Hässlichkeit zu entlarven".

Vorbild über die Grenzen Frankreichs hinaus

Sich mit dem Alltag auseinander zu setzen und auch politisch zu sein, habe eine "Signalwirkung" gehabt, erklärt Gasser. Das habe andere Zeichnerinnen und Zeichner, wie Franziska Becker und Ralf König, sehr beeinflusst: "Man sieht, dass Claire Bretécher auch über die Grenzen Frankreichs hinaus als Vorbild gewirkt hat."

(kpa)

Mehr zum Thema

Claire Bretécher - Die Grande Dame des Comics
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 03.06.2015)

Comiczeichnerin Claire Bretécher - "Ich bin nicht begabt, ich will mich nur amüsieren"
(Deutschlandfunk, Corso, 08.05.2015)

Zum Tod von Claire Bretécher - Feminismus mit dem Zeichenstift
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 11.02.2020)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsErinnerung an die Pest vor 300 Jahren
Beim Rosenmontagszug in Düsseldorf zeigt am 24. Februar 2020 ein Bazzillus carneval aus Pappmachée dem Coronavirus eine lange Nase. (imago images / Bettina Strenske)

Quarantäne für Besucher, Absage des Karnevals, Abriegelung von Städten - all das habe vor 300 Jahren sehr ähnlich schon einmal in Italien stattgefunden, schreibt die "SZ". Aus Angst vor der Pest. Diesmal aber ist das Coronavirus der Auslöser.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

Folge 21Ende der Lieblingssongs: Musik im Schauspiel
Szene aus "Hätte klappen können - ein patriotischer Liederabend" im Maxim Gorki Theater Berlin (imago/Drama-Berlin.de/ Barbara Braun)

Es ist unübersehbar: Immer mehr Theaterinszenierungen setzen auf Livemusik. Eine sichere Bank für Musiker – aber ist es künstlerisch wirklich immer sinnvoll? Im Gespräch mit dem Volksbühnen-Musiker Sir Henry fragen wir, was Musik für die Bühne sein kann und sollte.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur