Seit 19:00 Uhr Oper

Samstag, 28.03.2020
 
Seit 19:00 Uhr Oper

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.01.2018

Zum Syrien-Einmarsch der TürkeiKriegsgeschrei aus Deutschland

Von Memet Kilic

Podcast abonnieren
Mehrere türkische Panzer fahren über eine staubige Straße (AFP)
Türkische Panzer in Syrien (AFP)

Der Einmarsch der türkischen Armee in Syrien beeinflusst das Zusammenleben der türkeistämmigen Menschen in Deutschland. In Foren wird ein extrem kriegerischer Ton angeschlagen. Das wird durch die laxe Haltung der Bundesregierung gegenüber der Türkei befeuert, meint Anwalt Memet Kilic.

"Mein Allah,  lass unsere glorreiche Armee siegreich sein! Gönne dieser ruhmreichen Armee die Eroberung" In diesen Tagen geht, auch wenn es nicht alle hören können, wütendes Kriegsgeschrei von deutschem Boden aus. Erdogans Anhänger, die sich täglich dreister und furchtloser präsentieren, feiern über die sozialen Medien den Einmarsch der türkischen Armee in Syrien. Der Religionsattaché der türkischen Botschaft ruft über seine Facebook-Seite zum Gebet für den "Sieg in Syrien" auf.

Kriegsgegner werden verfolgt

In DITIB-Moscheen in Deutschland rezitieren Imame "Eroberungs-Suren" des Koran. Erdogans Troll-Armee macht die Deutsch-Türken, die sich gegen diesen Krieg positionieren, namentlich zur Zielscheibe. Diese werden als Vaterlandsverräter und Hurensöhne beschimpft.

Deutschland hat nach dem zweiten Weltkrieg sich und der Welt ein Versprechen gegeben:  "Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen." Mit diesem Satz, der quasi zur Staatsräson wurde, wollte man festhalten, dass aus den schrecklichen Erfahrungen der beiden Weltkriege für Deutschland eine besondere politische Verantwortung für den Frieden erwächst.

Symbolische Erfolge der Islamverbände

Gibt es ein Parallel-Deutschland in Deutschland? Als Islamisten die französische Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" gestürmt,  Journalistinnen und Journalisten ermordeten, haben die Islamverbände zu einer Demonstration vor dem Brandenburger Tor aufgerufen.

Deutsche, Medienvertreter und Sicherheitskräfte waren damals zwar deutlich mehr an der Zahl als Moslems. Dennoch hatten die Islamverbände damit etwas symbolisch Wichtiges vollbracht: Sie standen Schulter an Schulter mit den höchsten politischen Vertretern der Bundesrepublik Deutschland und rezitierten den Koran. Die Kosten der Veranstaltung haben sie der SPD und CDU überlassen. Insofern war dies ziemlich lehrreich. Wer die Kapelle bestellt, muss nicht die Kosten übernehmen, kann die Musik jedoch trotzdem bestimmen.

Erdogans Anhänger werden immer selbstbewusster

Als vor einigen Wochen  zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Brandenburger Tor der Davidstern verbrannt wurde, waren wir auch sehr irritiert. Mindestens ein Repräsentant der Islamverbände, der bei der "Charlie Hebdo"-Demonstration auf der Bühne mit dem Außenminister Gabriel Arm in Arm stand, war auch auf der Demo, auf der der Davidstern verbrannt wurde. Er hat dies über seine Facebook-Seite stolz mit Bild präsentiert.

Die Desintegration der Erdogan Anhänger schreitet rasant und von Hochmut begleitet voran. Woher kommt dieses große Selbstbewusstsein? Erdogans Anhänger haben bemerkt, dass Erdogan alle Deutschen als Nazis beschimpfen und wenige Wochen später mit der deutschen Regierung beste Beziehungen pflegen kann. Erdogan kann mit einfachen Waffengeschäften die Bundesregierung an der Nase herumführen.

Daher vergöttern sie diesen "Führer" und beschimpfen die türkeistämmigen Menschen, die keine Erdogan-Anhänger sind als "Haustürken". Integrierte türkeistämmige Immigranten werden hierzulande zunehmend eingeschüchtert. Sie haben bemerkt, dass die Spione von Erdogan, die unter anderem Attentate in Deutschland geplant haben, auf wundersame Weise immer wieder frei kamen.

Diese labile Haltung der Bundesregierung wird leider dazu beitragen, dass sich die Auseinandersetzungen der türkeistämmigen Immigranten in Deutschland verschärfen.

Waffengeschäfte dürfen nicht die außenpolitischen Werte Deutschlands bestimmen. Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen und auch kein Kriegsgeschrei.

Memet Kilic, Bündnis 90/Die Grünen (Quelle: privat)Memet Kilic (Quelle: privat)Memet Kilic, Bündnis 90/Die Grünen, 51 Jahre alt, kam 1990 nach Deutschland und arbeitet als Jurist in Heidelberg. Er ist Mitglied der Anwaltskammern Ankara und Karlsruhe. Zuvor war er Bundestagsabgeordneter – mit Sitz im Innenausschusses sowie Integrationspolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion (2009-2013), ferner Mitglied des Rundfunkrates des Südwestrundfunks (1998-2008) sowie des "Beirates für Fragen der Inneren Führung der Bundeswehr" (2002-2010).

Mehr zum Thema

Türkischer Einmarsch in Syrien - Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg
(Deutschlandfunk Kultur, Kommentar, 27.01.2018)

Leyla Imret im Exil - Eine kurdische Bürgermeisterin und ihre Hoffnung auf Rückkehr
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 18.01.2018)

Hörerkommentare

Wir behalten uns vor, Kommentare vor Veröffentlichung zu prüfen. Bitte befolgen Sie unsere Regeln. Für die Kommentarfunktion nutzen wir testweise ein System der US-Firma Disqus, Inc. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

comments powered by Disqus

Politisches Feuilleton

Corona und die NachrichtenVom Leben mit der Infodemie
Eine digitale Karte zeigt Zahlen und Ausmaß der Corona-Epidemie. (imago/xim.gs)

Noch nie in der Mediengeschichte hat sich ein globales Publikum so konzentriert um ein Thema herum gebildet wie momentan in der Coronakrise. Souveräne Mediennutzung wird da zur Bürgerpflicht. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gibt Tipps.Mehr

MobilitätswendeDie Stadt der Zukunft ist flexibel
Abstrakte Illustration eines Verkehrsstaus in urbaner Umgebung (imago/Ikon Images/Guido Rosa )

Für die Klimawende sind neue Formen der Mobilität nötig - insbesondere in den Städten. Doch mit emissionsfreien Fahrzeugen allein ist es nicht getan, meint der Journalist Klaus Englert. Auch die städtische Infrastruktur muss sich grundlegend wandeln.Mehr

Corona im KriegsgebietHilfe für die Menschen von Idlib
Panoramablick über ein Flüchtlingslager in Idlib. (imago/ZUMA Wire/Juma Mohammad )

Sollte die Corona-Pandemie das nordsyrische Idlib erreichen, droht eine Katastrophe, sagt der Journalist Andreas Zumach. Er fordert ein sofortiges Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region. Ohne politischen Druck wird das nicht gehen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur