Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Donnerstag, 12.12.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Kommentar / Archiv | Beitrag vom 22.01.2018

Zum Rücktritt Dieter WedelsEin guter Dienst für die Festspielstadt Bad Hersfeld

Von Ludger Fittkau

Podcast abonnieren
Der Regisseur Dieter Wedel, neuer Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, steht am Tag seiner Vorstellung in der Stiftsruine von Bad Hersfeld. (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)
„Ich verabscheue jede Form von Gewalt“, schreibt Dieter Wedel, hier bei seinem Amtsantritt in Bad Hersfeld, in seiner Stellungnahme. (dpa / picture alliance / Uwe Zucchi)

Aufgrund der anhaltenden Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs tritt Regisseur Dieter Wedel als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurück. Er bestreitet weiter die Beschuldigungen und kritisiert die sogenannte "Verdachtsberichterstattung"..

"Ich habe großen Respekt vor seinem Entschluss, weil ich weiß, dass Dieter Wedel damit auch einen möglichen Schaden von den Festspielen fernhalten will."

Das sagt Thomas Fehling, der Bürgermeister von Bad Hersfeld, heute zum Rücktritt Dieter Wedels als Intendant der traditionsreichen Festspiele.

In der Tat: Der Rückzug Wedels ist ein Glück für Bad Hersfeld. Denn die Vorwürfe, die mehrere ehemalige und aktive Schauspielerinnen gegen den Filme- und Theatermacher in den letzten Wochen erhoben hatten, wiegen so schwer, dass ein Intendant Wedel als Festspielleiter in diesem Sommer kaum noch denkbar gewesen wäre: Gewalttätige sexuelle Übergriffe, eine Vergewaltigung, Schikanen gegen Schauspielerinnen bei Proben, die Wedel nicht sexuell zu Diensten sein wollten.

Es steht Aussage gegen Aussage

Sicher, Wedel streitet bis heute alles ab – mittels eidesstattlicher Erklärungen. Aber auch zwei ehemalige Schauspielerinnen beeiden ihre Vorwürfe. Es steht Aussage gegen Aussage. Weil die mutmaßlichen Taten juristisch bereits verjährt sind, wird es wohl nicht mehr zu einem Strafprozess kommen.

Dieter Wedel beklagt die Verjährung in einer aktuellen persönlichen Stellungnahme: Weil die Taten, die ihm vorgeworfen würden, bereits länger als 20 Jahre zurücklägen, seien wichtige Entlastungszeugen bereits tot, so Wedel. Der Regisseur sieht sich einem Klima der Vorverurteilung durch die sogenannte "Verdachtsberichterstattung" ausgesetzt, die auf keine erwiesenen Fakten gestützt sein müsse. Deshalb könne er den Kampf um seine Reputation nicht gewinnen – weder mit juristischen Mitteln noch mit medialen Stellungnahmen.

Bedauern anlässlich des Rücktritts

Nun also der Rückzug aus Bad Hersfeld. Es dürfte die letzte große Intendanz des 75 Jahre alten Kulturschaffenden gewesen sein. Dieter Wedel war von den Nibelungenfestspielen in Worms nach Bad Hersfeld gekommen und hatte die letzten beiden Spielzeiten in Hessen erfolgreich gestalten können. Deshalb ist das Bedauern, dass der Hersfelder Bürgermeister angesichts des Rückzugs von Wedel zum Ausdruck bringt, durchaus ernst gemeint.

Doch die Stadt Bad Hersfeld, das Land Hessen und der Bund als die Hauptfinanziers der Festspiele wussten auch: Die neue Sommersaison in der hessischen Kurstadt wäre von den ungeklärten Vorwürfen überschattet gewesen. Es wäre zu Protestaktionen am Festspielort gekommen, zu viele bekannte Schauspielerinnen – zuletzt Iris Berben – hatten sich öffentlich kritisch zu Wedels Verhalten geäußert.

Die Festspielsaison retten – ohne Dieter Wedel

Die Freundinnen und Freunde der Festspiele in Bad Hersfeld – und davon gibt es viele – können nun erst einmal aufatmen – auch wenn es schwer sein wird, kurzfristig  einen so erfahrenen Festspielintendanten zu ersetzen. Für die kommissarische Leitung der Bad Hersfelder Festspiele steht zunächst der bisherige künstlerische Leiter Joern Hinkel zur Verfügung. Der Magistrat der Stadt Bad Hersfeld tritt heute Abend zur Beratung zusammen.

Es ist den Verantwortlichen zu wünschen, dass sie einen Weg finden, die diesjährige Festspielsaison zu retten – ohne Dieter Wedel. Dessen Rückzug ist in der Tat ein letzter guter Dienst des schwer belasteten Ex-Intendanten von Bad Hersfeld.

Kommentar

weitere Beiträge

Politisches Feuilleton

Schulessen Zum Fraße vorgesetzt
Ein Schüler wirft nach dem Mittagessen Essensreste in bereitgestellte Behälter (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Man ist, was man ißt, sagt ein altes Sprichwort. Wenn man das wörtlich nimmt, dann ist es schlecht bestellt um unseren Nachwuchs. Die Schriftstellerin Eva Sichelschmidt wagt einen Blick in eine Berliner Schulkantine. Guten Appetit! Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur