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Tonart | Beitrag vom 23.01.2019

Zum Launch des RomArchiveDie Vielfalt der Roma-Musik präsentieren

Petra Gelbart im Gespräch mit Mascha Drost

Musiker an einem Fluss mit Instrumenten (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Selbstrepräsenatation statt Fremdzuschreibung – dafür setzt sich das RomArchive ein. (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Über Sinti und Roma kursieren viele Klischees. Das möchte das RomArchive ändern, indem es Gegenbilder präsentiert. Im Musikbereich des Archivs soll die ganze Bandbreite der Sinti- und Roma-Musik zu hören sein, sagt Projektleiterin Petra Gelbart.

Mascha Drost: Seit etwa 600 Jahren leben Roma und Sinti in Europa – und es gab kaum eine Zeit, in der sie nicht Diskriminierung oder Verfolgung ausgesetzt waren. Ihr Bild in der Öffentlichkeit bestimmen Klischees und Zuschreibungen der Mehrheitsbevölkerung, eine Mischung aus Faszination und Ablehnung. Positive Gegenbilder oder Aufklärung über Wirklichkeit und Kulturen von Sinti und Roma gibt es kaum.

Das zu ändern, hat sich das RomArchive vorgenommen: Selbstrepräsentation statt Fremdzuschreibung; auf Gegengeschichte, auf Gegenbilder wollen sie setzen. Ein ehrgeiziges Projekt, das unter anderem durch die Kulturstiftung des Bundes gefördert wird und das in verschiedenen Sparten arbeitet. Eine wichtige ist die Musik – nirgendwo war der Einfluss der Roma und Sinti so immens, egal ob BalkanBrass, Jazz, Flamenco, Czardas usw.

Geleitet wird diese Sektion von der Romni Petra Gelbart, die Musikwissenschaftlerin lebt und arbeitet in New York.

Aufräumen mit Stereotypen

Mascha Drost: Wie wird diese Musik überhaupt definiert? Gibt es überhaupt so etwas wie DIE Musik der Roma und Sinti?

Petra Gelbart: Es gibt nicht DIE Roma- und Sinti-Musik, und es ist interessant, wie diese Musik definiert wird. Wir mussten für das Archiv immer wieder entscheiden, was passt und was nicht. Oft bezieht man sich, wenn man von Roma- und Sinti-Musik spricht, gar nicht auf die Musik selbst, sondern auf andere Aspekte, die damit assoziiert werden. Und damit muss man sich als Musikwissenschaftlerin auseinandersetzen.

Mascha Drost: Sie wollen also mit Stereotypen aufräumen? Die gibt es ja zuhauf.

Petra Gelbart: Ja, unbedingt, das war eines meiner Hauptziele bei diesem Projekt. Musik von Roma und Sinti ist so populär, dass man jede Menge Experten finden könnte, die aber selbst nicht Sinti oder Roma sind. Uns war es aber wichtig, die Stimmen von Sinti und Roma auch als Expertinnen zu Gehör zu bringen, indem sie über Musik schreiben und nicht die üblichen Stereotypen im Kopf haben.

Aber wir haben auch einige von ihnen über Musik schreiben lassen, die sonst nicht zu dem Thema publizieren. Und dabei geht es uns nicht nur um Gleichberechtigung von Nicht-Akademikern, sondern diese Texte haben einen anderen Fokus, eine andere Sichtweise auf die Musik, und das macht unser Archiv umso interessanter. Insgesamt geht es uns darum, in diesem Archiv Sinti und Roma auch als Autoren und Denkerinnen und Dichterinnen zu präsentieren, und nicht nur als Entertainer.

Mascha Drost: Es geht nicht darum, eine Definition für diese Musik zu finden?

Petra Gelbart: Nein, es wird auch nie eine abschließende Definition geben. Aber mein Ansatz ist es eher, Fragen zu stellen statt Antworten zu geben.

Mascha Drost: Einige Komponisten wie der junge Bartók oder Kodály haben den Roma und Sinti ein eigenes musikalisches Idiom sogar abgesprochen. Warum?

Andere Maßstäbe für Sinti und Roma

Petra Gelbart: Ja, das ist eine Sache, mit der wir uns auseinandergesetzt haben. Es gab viele Leute, die Sinti und Roma eine eigene Ausdrucksweise abgesprochen haben. Die Gründe dafür sind komplex.

Ich glaube, der Hauptgrund besteht darin, dass die Musik von Roma und Sinti eine Mischung verschiedener musikalischer Stile ist. Aber so gut wie jede Musik auf der Welt speist sich aus unterschiedlichen anderen Stilen. Aber man hat Sinti und Roma schon immer außerhalb der Gesellschaft gesehen, also wurden für sie auch andere Maßstäbe angelegt.

Außerdem wird Komposition von Musik immer auch mit Notierung gleich gesetzt. Aber man kann natürlich durchaus Musik komponieren, ohne sie aufzuschreiben.

Und natürlich gab es in vielen Fällen nationalistische Gründe, Sinti und Roma keine eigene Musik zuzugestehen. In Ungarn gab es zwar Franz Liszt, der Sinti und Roma alle Verdienste zugeschrieben hat, nicht nur für seine eigene Musik, sondern auch für eine nationale ungarische Musik.

Aber das absolute Gegenteil gibt es natürlich auch, nämlich die Behauptung, Roma und Sinti hätten ihre Musik nur gestohlen. Bartók zum Beispiel hat ihnen vorgeworfen, sie würden die Musik so verändern, dass man sie gar nicht mehr wiedererkennen könnte. Und das ist natürlich absurd, denn das heißt ja gerade, dass sie doch ihre eigene Musik schaffen. Da wird viel Emotionales verhandelt und oft gar nicht wirklich auf die Musik geschaut.

Große musikalische Vielfalt

Mascha Drost: Was für Musik soll denn im Archiv zu hören sein?

Petra Gelbart: Wir präsentieren eine große Vielfalt an Musik in unserem Archiv. Stile, die sehr stark mit Sinti und Roma assoziiert werden wie Flamenco oder die Musik der Vlach-Roma, die ziemlich einzigartig ist.

Aber es gibt da auch Musik mit Rock- oder Jazzeinflüssen. Wir haben uns erst einmal auf Musik konzentriert, die man zum Beispiel nicht auf Youtube findet. Es gibt jede Menge Roma- und Sinti-Musik im Internet, es war also nicht unsere Aufgabe, überhaupt darauf hinzuweisen, dass es diese Musik gibt.

Wir haben uns vor allem auf Musik konzentriert, die etwas über die Kultur der Sinti und Roma aussagt, zum Beispiel die Musik von Géza Horváth, eine wichtige Figur der tschechischen und slowakischen Roma. Er war übrigens auch Aktivist und Musiklehrer und hat sehr interessante Texte geschrieben.

Wir haben auch einige sehr langsame, philosophische russische Romalieder ausgewählt, die im starken Kontrast stehen zu dem, was die meisten Leute von der Bühne oder aus Filmen als Musik von Sinti und Roma kennen. Die meisten Texte sind natürlich in Romanes, wir wollen in Zukunft auch noch mehr Übersetzungen zur Verfügung stellen, um auch die Texte stärker zu präsentieren.

Mascha Drost: In welchem Stadium ist das Archiv jetzt? Was fehlt noch?

"Unser Archiv kann gar nicht umfassend sein"

Petra Gelbart: Die Musik von Roma und Sinti ist ein so großes Feld, natürlich fehlt da immer etwas, unser Archiv kann gar nicht umfassend sein. Mir liegt es am Herzen, dass wir noch mehr Sinti und Roma als Autorinnen und Autoren haben, die im Archiv über die Dinge berichten, die aus ihrer Sicht und für ihre Gemeinschaften wichtig sind, damit wir noch stärker das Leben und die Kultur der gegenwärtigen Sinti- und Roma-Gemeinschaften abbilden.

Und gleichzeitig wünsche ich mir noch mehr historisches Material, das aus anderen Quellen nur schwer verfügbar ist und die Geschichte der Musik von Sinti und Roma und der Musikerinnen abbildet.

Das RomArchive wird am 24. Januar 2019 freigeschaltet. Zum Launch des Archivs gibt es begleitend ein Festival in der Berliner Akademie der Künste mit Ausstellungen, Installationen, Vorträgen und Diskussionsrunden.

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