Hörspielmagazin, vom 28.01.2020, 20:48 Uhr

Zum "Hörspiel des Monats November"Teure Schwalben

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat „Teure Schwalben" von Irmgard Maenner zum Hörspiel des Monats November 2019 benannt. Inszeniert wurde das Stück über das "Glück und Unglück von Demenz" von Heike Tauch. die Regisseurin im Gespräch über eine herausfordernde Arbeit.

Irm Hermann (Deutschlandradio / Sil Egger)
Irm Hermann spielt im Hörspiel "Teure Schwalben" die an Demenz erkrankte Gunda. (Deutschlandradio / Sil Egger)

Ausgezeichnet als "Hörspiel des Monats November" wurde eine Produktion von Deutschlandfunk Kultur, "Teure Schwalben" aus der Feder von Irmgard Maenner. Ein Ausschnitt.

Ausschnitt:

Tochter: "Hallo Mama, wie geht es dir heute?"
Gunda: "Zwei Blitze. Einer haut ins Rübenfeld, der andere in die Stromleitung und reißt die Masten, reißt sie auseinander. Sie bersten mit einem Schlag, einer nach dem anderen. Ein Krach! Und hell! Die Welt geht unter! Brennen wie Fackeln, brennen die!"

"Teure Schwalben" von Irmgard Maenner handelt, wie es heißt, "vom Unglück und vom Glück der Demenz". Nach einem Unfall holt die Tochter ihre allein auf dem Land lebende Mutter namens Gunda nach Berlin. Gunda hat Schwalben im Kopf. Sie erlebt phantastische Abenteuer. Doch ihre Vergangenheit holt sie auch immer wieder ein, führt sie an Abgründe und bringt sie in Gefahr. Ihre Schwalben aber verzaubern die Gegenwart, machen sie groß, witzig, poetisch und tröstlich.

Ausschnitt:

Mann: "Wollen Sie mal..."
Tochter: "Kommen?"
Mann: "Hmm. Hier gibt's Katzenjammer."
Tochter: "Ich komme."
Mutter: "Habt ihr nicht noch so eine Fette Katz? Die hat gut geschmeckt. Das hat der gesagt!"
Tochter: "Die Geschichte kenne ich, die habe ich früher gehört."
Mutter: "Pieter! Pieter! Pieterle! Komm, komm, komm, komm, komm, komm!"

Inszeniert hat dieses herausfordernde Stück die renommierte Hörspiel-Regisseurin Heike Tauch.

Heike Tauch: "Ja, die größte Herausforderung bei den "Teuren Schwalben" war, den richtigen Ton zu treffen, also nicht larmoyant zu werden und auch nicht irgendeine Figur vorzuführen. Ich wollte auch nicht die gängigen Klischees, die es so über Demenz gibt, bedienen. Denn ich habe irgendwie einen anderen Zugang zu Demenz. Es ist für mich derzeit also noch keine Krankheit. Das ist eine Alterserscheinung, die etwas mit dem Übergang in die nächste Welt zu tun hat. Und für mich ist Demenz eben eine Fähigkeit, schon mit etwas verbunden zu sein, womit ich Nicht-Demente noch nicht verbunden bin. Und durch diesen Zugang habe ich eben versucht, den Text oder die Figur der Mutter mit einem schönen Eigensinn auszustatten. Auch mit einer Fröhlichkeit, einer gewissen Leichtigkeit, Schönheit und vielleicht auch mit einem gewissen Kalkül. Also Demenz als eine Art Rettungsstelle. Wenn die Fragen zur Vergangenheit dann vielleicht etwas zu bedrohlich werden, was ich auf keinen Fall wollte, war, ein Betroffenheitsstück zu inszenieren." 

Ausschnitt:

Mann: "Guten Abend, Frau Gunda!"
Gunda: "Oh! Erwischt! So ein Mist. Na, dann kehren wir halt wieder um."
Mann: "Ausflug mit Elster?"
Frau: "Kommt Zeit, kommt Gelegenheit."

Zum entsprechenden Ton trägt die gelungene Besetzung bei. Mit Julia Jenkins, Veronika Bachfischer, Florian Lukas und vielen anderen mehr. In der Hauptrolle der Gunda glänzt Irm Hermann, die seit Fassbinders Zeiten ein Begriff ist. Wie hat Heike Tauch die Arbeit mit ihr erlebt?

Ausschnitt:

Mutter: "Habt ihr nicht noch so eine fette Katz? Die hat gut geschmeckt?"

Heike Tauch: "Es war ein riesen Geschenk, ein ganz großes Glück, nochmal mit ihr zusammenarbeiten zu können. Uns verbindet ja eine lange Arbeits-Freundschaft. Wie sicherlich viele wissen, hat sie vor fast zwei Jahren ein Schicksalsschlag ereilt. Sie hatte eine schwere Gehirn-Operation, aus der sie halb gelähmt erwachte und die Fähigkeit, ganz sauber zu artikulieren, hat sie verloren. Und ich wollte sie vor gut einem Jahr schon mal für ein anderes Stück haben und war bei ihr zu Hause, hab sie ins Mikrofon sprechen lassen, und da ging es noch nicht, da war sie noch nicht so weit. Und bei diesem Stück haben natürlich die Autorin und die Dramaturgin Stefanie Hoster sofort auch an sie gedacht, und ich bin dann nochmal zu ihr hingefahren. Und das war diesmal möglich, zumal sie es zulässt, also für mich ist das ein ganz großer Vertrauensbeweis, dass wir zusammenarbeiten konnten, weil sie Schwächen zeigt, also hörbar macht und die - und das ist eben die Besonderheit von der großen Irm Hermann - die produktiv macht und wie sie das macht und der spezielle Zugriff, den sie immer auf Text hatte, der ist für mich sehr berührend, sehr beglückend. Und ihre Gesangs-Künste, für die sie ja bekannt ist, hat sie hier auch zum Besten geben können. Und sie hat sich eben auch nicht gescheut und auch nicht geschont vor dem Mikrofon. Und es kann schon durchaus sein, dass das ihre letzte große künstlerische Arbeit war, denn sie ist jetzt aus Berlin weggezogen. Also, falls es so sein sollte, war es oder ist es für mich besonders glücklich, nochmal mit ihr gearbeitet zu haben."

Ausschnitt:

Gunda (singt): "Schon zweimal ist‘s Frühling geworden - und sie haben mein Gebet nicht gehört."
Mann: "Wollen wir hier eine kleine Rast machen, Frau Gunda? Die Beine ausruhen, Frau Gunda? Einen kleinen Kaffee zu uns nehmen?"
Mutter: "Sie können gerne Pause machen. Ich muss leider weiter."
Gunda und Tochter (singen/summen): "Teure Schwalben…"

Teure Schwalben von Irmgard Maenner, ausgezeichnet von der Akademie der Darstellenden Künste als "Hörspiel des Monats November".

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