Hörspielmagazin, vom 02.10.2021, 00:00 Uhr

Zum Hörspiel des Monats JuliDie Regisseurin Irene Schuck im Gespräch

Das Hörspiel "Dankbarkeiten" ist von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats Juli gewählt worden. Martin Stengel sprach mit Bearbeiterin und Regisseurin Irene Schuck über ihre Produktion.

Regisseurin Irene Schuck bei den Aufnahmen im Studio (Deutschlandradio - Sandro Most)
Regisseurin Irene Schuck bei den Aufnahmen im Studio (Deutschlandradio - Sandro Most)

Martin Stengel: "Herzlich willkommen! Am Mikrofon begrüßt Sie Martin Stengel. Können Sie sich daran erinnern, wann Sie sich das letzte Mal bewusst bei Ihrem Gegenüber bedankt haben? Und ich meine jetzt nicht nur so beiläufig, sondern wirklich eine ehrlich gemeinte Danksagung. Oft gehen Freundlichkeiten gegenüber unseren Mitmenschen ja im Alltag unter. Dabei ist es ja eigentlich so wenig Aufwand und kann so viel bewirken. Dankbarkeit zum Thema hat auch das gleichnamige Hörspiel, das wiederum auf dem gleichnamigen, aus dem Französischen übersetzten Roman von Delphine de Vigan basiert. Das Hörspiel Dankbarkeiten wurde von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats Juli gekürt. Die Bearbeitung des Stoffs für das Hörspiel und die Regie hat Irene Schuck übernommen, bei der ich mich jetzt auch direkt einmal bedanken möchte, dass sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen hat. Vielen Dank, Frau Schuck!"

Irene Schuck: "Ja, gerne."

Martin Stengel: "Und auch herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung."

Irene Schuck: "Ja, das sage ich auch Danke."

Martin Stengel: "Frau Schuck! Ihr Hörspiel Dankbarkeiten dreht sich ja um die 84-jährige Mischka, die an Aphasie leidet, also ihre Sprache verliert. Gesprochen wird sie von Hedi Kriegeskotte. Die Jury der Akademie der Darstellenden Künste schreibt hierzu, dass die berührende, großartige Sprecherin der Figur ihre Dysfunktionalität fast unmerklich einfließen lässt. Hatten Sie beim Lesen des Stoffs bereits an sie gedacht als Sprecherin oder kam das dann erst später beim Casting?"

Irene Schuck: "Nun, es ist tatsächlich so gewesen, dass ich nicht beim Lesen des Stoffes, aber in jedem Falle, als ich mich dann entschieden habe, es machen zu wollen, an Hedi Kriegeskotte gedacht habe, weil wir auch schon öfter zusammengearbeitet haben und ein sehr ähnliche Arbeitsauffassung haben und uns sehr mögen, eine freundschaftliche Art der Zusammenarbeit haben. Und ich wusste, dass sie dieses Stück auch sehr mögen wird."

Martin Stengel: "Frau Schuck, wie gestaltete sich denn hier die Zusammenarbeit mit Hedi Kriegeskotte genau? Es geht ja im Hörspiel wirklich um winzige Feinheiten, um Nuancen der Sprache. Haben Sie das alles minutiös durchgeplant oder gab es im Studio auch Platz für Spontaneität? Also, wie hat sich das konkret, also die Arbeit mit der Schauspielerin, gestaltet?"

Irene Schuck: "Ja, über die Frage freue ich mich. Und zwar schon mal aus dem einen Grund, weil ich muss sagen, ich bin berüchtigt, was meine Vorbereitung angeht. Inzwischen gehe ich dazu über, die Schauspieler, die mich noch nicht kennen, und die Schauspielerinnen, vor mir zu warnen. Das habe ich auch bei Jenny König so gemacht. Die hat mir hinterher gesagt, sie war sehr dankbar und Hedi und ich, Hedi Kriegeskotte und ich, wir kennen uns schon länger. Sie hat einen ähnlichen Wunsch nach Genauigkeit und deswegen, wenn wir zusammenkommen, wir geraten in einen Rausch des, ja, des Machenwollens, und zwar so genau wie möglich, aber sehr freudvoll. Und hier war es so, dass Hedi sich natürlich über diese Rolle gefreut hat, weil das eine große Herausforderung ist und auch aus persönlichen Gründen. Ich glaube, sie hat jemanden in der Verwandtschaft, der, die auch dement ist, eine Person. Auf jeden Fall war es dann so, dass sie, dass wir vorab schon telefoniert haben, dass wir uns zufälligerweise in München dann treffen konnten vorab. Und sie ist eine, die so genau ist, auch in der Hinsicht, dass sie den Roman erst mal liest, dann vergleicht, dann noch mal den Roman liest und dann rangeht. Und Hedi kommt dann und sagt, ja, sie will zum Beispiel diesen Satz oder diesen Satz gern wieder drin haben. Und solche Prozesse finden dann auch noch im Studio statt. Ich meinerseits habe schon über jeden Satz nachgedacht und jede Haltung, aber natürlich nicht, wo ist ein Atem, wo ist noch mal ein Suchen? Da vertraue ich natürlich ganz auf das, was kommt. Und jederzeit ist es möglich, zu sagen, Hedi, geh doch da noch mal zurück. Und wenn man sich vertraut gegenseitig, dann und das ist das große, große Glück, was da stattfinden kann im Studio, wenn man sich vertraut und kennt, ja, dann ist es total gleich. Dann, dann geht es die ganze Zeit so hin und her. Und bei solchen längeren Szenen ist es natürlich dann so, dass wir länger proben. Und dann versuche ich, mich sehr zurückzuhalten. Ich mache auch nie, fast nie mehr Fassungen als drei, vier Fassungen."

Martin Stengel: "Dem Hörspiel wohnt ja eine gewisse Traurigkeit inne und trotzdem musste ich bei vielen Versprechern schmunzeln oder sogar auch durchaus mal laut lachen. Wie wichtig war Ihnen denn der Humor bei diesem Stück?"

Irene Schuck: "Also, das war mir sehr wichtig. Schon beim Lesen fand ich so toll, dass es einerseits ja wirklich ein trauriges Thema ist, wie Sie sagen: Demenz und diese besondere Form der Demenz, Abschied nehmen, sterben müssen und so. Aber, dass durch die Art und Weise, dass in dem Sprachverlust diese Hauptfigur ja auch zu neuen Wortschöpfungen kommt und diese neuen Wortschöpfungen so oft die Phänomene, um die es geht, so auf den Punkt bringen und dabei auch komisch sind, oft unfreiwillig komisch, aber natürlich meistens unfreiwillig komisch. Aber die schaffen es, dass dieses schwere Thema, dieses wichtige tiefe Thema, dann auch so eine Leichtigkeit bekommt. Wir haben auch viel gelacht im Studio, weil auch die beiden Techniker, es war ein Toningenieur, ein Techniker, meine Regieassistentin, jeder kannte irgendjemanden und diese Wortschöpfungen, die haben uns gleichzeitig lachen lassen. Und das ist wunderbar."

Martin Stengel: "Das Hörspiel Dankbarkeiten ist ja nicht das erste Hörspiel, das Sie auf der Basis von einem Roman realisiert haben. Ich glaube, wenn ich mich nicht ganz vertue, sind Sie inzwischen bei rund 60 Stücken. Wie gehen Sie denn an ein solches Vorhaben ran?"

Irene Schuck: "Meine erste Frage ist immer, wenn ich ein Buch lese, eignet sich's überhaupt fürs Radio? Und nicht nur eignet es sich, sondern ist es vielleicht besonders wichtig, dieses Stück ins Radio zu bringen und da bin ich jetzt wieder bei Dankbarkeiten. Es ist ein Roman, der nicht sehr umfangreich ist. Es ist ein Roman, der in vielen Dialogen geschrieben ist. Und es geht um ein Thema, Sprache, Sprachverlust, was natürlich für ein Hörspiel wunderbar ist. Das ist schon mal die erste Entscheidung, die ich treffen muss. Ist ein Stoff geeignet? Und da konnte ich hier sagen, ja, das ist ein großes Fundstück und das will ich unbedingt machen. Und der nächste Schritt ist dann, zu gucken, weil wir ja nicht in der ganzen Länge diesen Stoff umsetzen können, wie kann ich es verknappen, dass es nicht an den wirklich wesentlichen Dingen verliert, sondern vielleicht sogar im besten Falle was ganz Eigenes bekommt und was ganz Eigenes wird? Das ist nicht anders, als wenn man aus einem Roman einen Film macht oder aus einem Roman ein Theaterstück."

Martin Stengel: "Dann kommen wir doch noch mal zurück zum produzierten Hörspiel. Mir ist am Anfang gar nicht aufgefallen, dass im Hörspiel überhaupt Musik zum Einsatz kommt, weil die Sprache hat mich einfach sofort in ihren Bann gezogen und erst beim zweiten oder vielleicht sogar beim dritten Mal hören, ist mir dann aufgefallen, dass wir da wirklich zwischendurch so sphärische Klänge haben. Ich glaube auch zwischendurch, so E-Gitarrentöne, einzelne, noch. Wie haben Sie denn den Einsatz von der Musik im Hörspiel konzipiert?"

Irene Schuck: "Ich fand hier wichtig, dass es ein Motiv für Jérôme gibt, für den Logopäden. Mir war wichtig, dass es eine Musik gibt, die dieses Verschwinden, Verschwinden ist ein Thema, was Mischka selber immer auch wieder - sie spricht explizit über das Verschwinden, es verschwindet die Sprache, es verschwindet das Leben, dass ich da ein Musikstück finde, was das rein atmosphärisch auch darstellen kann. Und insgesamt ist es so, dass mir auch wichtig war, in dem Stück möglichst wenig oder wenig Musik zu verwenden, weil ich einfach, ich liebe Pausen. Ich finde es schade, dass so oft Stücke so zugekleistert werden, sage ich jetzt mal etwas abwertend, und ich finde es so wunderbar, dass in dem Stück ja auch, weil ja eben die Sprache verloren geht, so viele Pausen entstehen, so viel gesucht wird nach etwas. Und das jetzt wieder zuzudecken mit Musik, das hätte ich schlecht gefunden. Und ich habe deswegen auch ganz, ganz bewusst natürlich auf Geräusche verzichtet."

Martin Stengel: "Und welche Bedeutung spielt Musik für Sie grundsätzlich im Hörspiel?"

Irene Schuck: "Ja, das ist auch eine Frage, über die ich mich freue, weil ich schon seit zehn Jahren oder 15 Jahren sozusagen ohne Komponistin oder Komponisten arbeite, weil ich entdeckt habe, dass ich das so genieße, die Musiken mir selbst zusammenstellen zu können. Hier ist es ja meine Aufgabe gewesen, unter einem großen Angebot ganz wenig rauszusuchen, ganz wenig Passendes zu finden und eigentlich die Aufgabe, mich sehr zurückzuhalten. Und was mir aber, oft ist es auch so, dass ich bei meinen Bearbeitungen Geräusche durch Musik ersetze und warum ich es inzwischen eben auch so mache, dass ich das selbst gerne übernehmen: Diese Musik zusammenzustellen und sozusagen meine eigene Komposition zu machen, ist, weil ich auch festgestellt habe, dass ich die Musik brauche, um in die Vorbereitung für die Sprechhaltungen einzusteigen. Also ich schreibe das Stück und dann habe ich, nehme ich mir noch mal drei Wochen Zeit, um Musik zu suchen. Und erst, wenn ich sozusagen die ein, zwei, drei wichtigsten Stücke gefunden habe, gehe ich dann an die Vorbereitung der Haltungen. Also, ich finde über die Musik, die Sprechhaltungen oft und deswegen verzichte ich dann gerne darauf auf fertige, also auf eine Zusammenarbeit mit Komponistinnen oder Komponisten, weil ich das dann so in dem Ablauf nicht machen könnte."

Martin Stengel: "Wenn wir jetzt bei einem Hörspiel bleiben, ist es auch irgendwie ein Appell für mehr Dankbarkeit im Alltag, wenn wir auf der inhaltlichen Ebene sind."

Irene Schuck: "Nee, Appell würde ich jetzt nicht sagen. Ich würde sagen, es macht diese Fragestellung bewusst. Also, es will einem bewusst vor Augen führen, es heißt ja auch nicht ohne Grund Dankbarkeiten, was im Deutschen natürlich ein bisschen eine komische Formulierung ist, dieser Plural. Aber bei allen drei Figuren geht es ja in gewisser Weise darum, für etwas dankbar zu sein oder das zu erleben, dass da noch zu wenig an Dankbarkeit ausgesprochen worden ist. Und das noch mal irgendwie auch den Hörern und Hörerinnen klar zu machen, gleich wie anfangs Jenny sagt, also die Schauspielerin, die in der Rolle Marie sagt: Ja, wir sagen so oft Danke, aber sagen sagen wir es wirklich? Und das finde ich schon, also das hat mich total reingezogen. Deswegen wollte ich auch, dass diese vier, fünf Zeilen, die die Schauspielerin Jenny König am Anfang hat, da haben wir an diesen vier, fünf Zeilen haben wir ganz schön lang gearbeitet. Das war mir ganz wichtig, dass einen das gleich sehr reinzieht. Und der Raum ist auch, auch Pausen und Raum ist, auch für die Erwartung, ja was, in welcher Form kommt das jetzt, dieses Thema?"

Martin Stengel: "Wie ist das denn bei der Umsetzung jetzt vom Roman zum Hörspiel gewesen? Das Hörspiel ist knapp 80 Minuten lang. Da bekommen Sie ja nicht jetzt jeden einzelnen Gedankengang aus dem Buch rein. Gab es denn auch Momente, wo Sie gesagt haben, das finde ich schade, dass - man sagte immer "Kill your darlings", dass Sie da irgendetwas nicht mit aufnehmen konnten, was Sie gerne drin gehabt hätten?"

Irene Schuck: "Nie. In dem Hörspiel war das nicht so was, wirklich nicht so. Es gab ja eine ganze Ebene, die ich rausgelassen habe. Die Träume von der Mischka habe ich rausgelassen, weil's mir wichtig war, noch mehr auf den Dialog zu setzen. Und es gibt natürlich, es kann natürlich vorkommen, dass es Bearbeitungen gibt, wo ich sozusagen Lieblings-Romane oder Romane, die ich... das heißt jetzt nicht, dass ich diesen Roman schwächer finde, aber die umfangreicher sind, das ist ja knapp 200 Seiten lang oder so, eigentlich kein sehr umfangreicher Roman und das kann schon vorkommen, dass ich auch Romane mache, wo dann so Stellen sind, wo ich sage, schade, dass man darauf verzichten muss. Aber meistens habe ich dann das schöne Erlebnis, oder darauf hin arbeiten wir alle natürlich dann im Studio, das ganze Team, das darf man ja nie vergessen, dass wir ein ganzes Team sind, dass durch die Kraft der Sprache, also des Sprechens, durch die Kraft der Persönlichkeiten der Schauspieler, das ja auch noch mal ganz anders zum Leben kommt. Und deswegen sind dann vielleicht einzelne Textstellen, auf die man verzichten muss, gar nicht so wesentlich."

Martin Stengel: "Sie haben gerade im Vorgespräch schon gesagt, dass Sie inzwischen ja längst an weiteren Hörspielprojekten gearbeitet haben. Was steht denn momentan bei Ihnen an, worauf wir uns jetzt demnächst freuen können?"

Irene Schuck: "Es sind zwei Hörspiele, an denen ich gerade arbeite. Das eine ist ein sehr schwieriger Stoff von David Vann, den ich sehr schätze als Autor, einen Amerikaner, der im Grunde, Anfang 50, sein ganzes Leben lang um seine traumatische Erfahrung kreist, dass sein Vater, als er damals 14 war, sich erschossen hat. Der Vater war manisch-depressiv. Das habe ich gerade mit Jörg Hartmann aufgenommen in Hamburg, und das werde ich nächste Woche zu Ende mischen. Und es war natürlich auch eine ganz große Herausforderung, auch für den Hauptdarsteller, der - also da war es ähnlich, dass das alles zugeschnitten ist auf diese eine Figur, so eine Krankheit darzustellen. Und das nächste Stück ist eines, das ich Ende Oktober in Berlin produzieren werde. Ein großartiges Buch, kann ich jedem nur empfehlen zu lesen, "Am Tag davor" von Sorj Chalandon. Und das ist eine Geschichte, wo es um einen ganz schrecklichen Unfall in einem Bergwerk ging, 1974 in Frankreich, wo sehr viele Menschen gestorben sind. Und er hat es geschafft, daraus wirklich richtige Literatur zu machen. Und eine Hauptfigur, die so spannend ist, nämlich der damals noch Sechzehnjährige, der da seinen Bruder verloren hat. Und da gibt es, warum ich mich entschieden habe, dieses Buch machen zu wollen im Hörspiel, weil ein eine klassische Szene immer wiederkehrt, die sehr akustisch angelegt ist. Und da werde ich auch mit Geräuschen arbeiten, aber primär nur für diese eine Szene."

Martin Stengel: "Passend zu Ihrem Hörspieltitel Dankbarkeiten kann ich abschließend eigentlich nur noch mal mich bedanken, dass Sie sich die Zeit genommen haben für dieses Gespräch und wünsche Ihnen dann viel Erfolg bei den Produktionen, die jetzt gerade anstehen."

Irene Schuck: "Ja, danke."

Martin Stengel: "Das war Irene Schuck, Regisseurin des vom SWR produzierten Hörspiels Dankbarkeiten, dem Hörspiel des Monats Juli. Am Mikrofon verabschiedet sich Martin Stengel."

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