Hörspielmagazin, vom 03.03.2020, 20:20 Uhr

Zum "Hörspiel des Monats Dezember"Webers Woyzeck

"Webers Produktion ist reduziert, aber in ihrer Gestaltung höchst effektiv und gerade dadurch umso eindringlicher und wirkmächtiger", so heißt es in der Begründung der Jury der Akademie der Darstellenden Künste, die Stefan Webers "Woyzeck"-Inszenierung zum Hörspiel des Monats wählte. Michael Langer sprach mit dem Schweizer Regisseur und Sounddesigner über sein Stück.

Georg Büchner, deutscher Dramatiker ("Dantons Tod"), geboren am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt, gestorben am 19. Februar 1837 in Zürich. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahner)
Georg Büchner schrieb sein fragmentarisches gebliebenes Drama „Woyzeck“ 1836 (picture alliance / dpa / Sebastian Kahner)

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Woyzeck: "Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht."

Es ist fürwahr ein besonderer Fall, Büchners Fragment gebliebenes Drama zu inszenieren: "Woyzeck" als Hörspiel. Dieser diffizilen Aufgabe hat sich der Schweizer Regisseur und Sounddesigner Stefan Weber erfolgreich angenommen.

Stefan Weber: "Büchner hat mich eigentlich seit der Jugend begleitet. Ich kam irgendwie mit 20 das erste Mal mit "Leonce und Lena" in Kontakt und hab da ein Sounddesign gemacht für ein Theaterstück und hab dann irgendwie gemerkt, dass dieser Büchner so eine fantastische Kraft hat in der Sprache. Und das hat mich dann eigentlich ein Leben lang nie mehr wirklich losgelassen. Hab dann auf dem Theater auch "Lenz" dramatisiert. Das war ein Freund von mir, der hat das dramatisierten und ich hab das dann inszeniert. Die Genauigkeit der Sprache war eigentlich immer so wie ein Schwimmbecken, wo man so rein springen konnte und sich in der Sprache von Herrn Büchner tummeln konnte. Und letztes Jahr hat der Markus Meyer, der jetzt Woyzeck spielt, mich gefragt, ob ich denn vielleicht Lust hätte, den Woyzeck zu machen. Und so sind wir dann zusammen in dieses Schwimmbecken gesprungen, quasi. Und so ist dieser Woyzeck entstanden, ja, auch im Hinblick auf, sagen wir mal so: Die Erde ist ein umgestürzter Hafen. Das ist für mich so ein Kernpunkt gewesen dann im Stück selber. Und deswegen hat man das dann auch als Prolog vorangestellt, dass man so eine Art, ich sag's ein bisschen pathetisch vielleicht jetzt, eine postapokalyptische Märchenatmosphäre schaffen kann und man dann sehr frei wird, auch in der Gestaltung, weil ja, es eben Märchen ist und ja, ein umgestürzter Hafen, wo sich das ganze Postapokalyptische abspielt."

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"Es war einmal ein arm Kind. Und hat kein Vater und keine Mutter. War alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot. Und es ist hin gegangen und hat gerrt. Tag und Nacht. Und wie auf die Erd niemand mehr war, wollt's in Himmel gehen und der Mond guckt es so freundlich an. Und wie es endlich zum Mond kam, war es ein Stück faul Holz. Und da ist es zur Sonn gegangen und wie es zur Sonn kam, da war es eine verwelkte Sonnenblume und wie es zu den Sternen kam, waren es kleine goldene Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter es auf die Schlehen steckt. Und wie es wieder zur Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen , und war ganz allein. Und da hat's sich hingesetzt und gerrt und da sitzt es immer noch und ist ganz allein."

Großmutters vollkommen trostloses Märchen, das bei Büchner mittendrin und kurz vor der Mordszene steht, hat der Regisseur in künstlerischer Freiheit und doch mit berechtigtem Grund ganz an den Anfang seiner Hörspielinszenierung gesetzt, die überhaupt vom episodenhaften Charakter der Szenenfolge lebt.

Stefan Weber: "Natürlich kommt das einem sehr entgegen, und was ich aber versucht habe, auch in der Inszenierung, genau dieses Fragmentarische auch zu beleuchten, das heißt, es gibt für die einzelnen Szenen nicht wirkliche Motive, sondern diese Szenen, die kommen so wie kleine Mosaiksteinchen, tauchen die auf und setzen sich so quasi in das Stück jeweils hinein. Und das erscheint mir doch auch sehr, eine Parallele zu sein unserer heutigen Welt, die ich manchmal auch als sehr fragmentarisch empfinde und es deswegen der Büchner auch sehr aktuell gemacht hat."

Ausschnitt

Woyzeck: "Ich sehe nichts! Ich seh nicht. Man müsst sehen, man müsst greifen können mit Fäusten."
Marie: "Was hast du, Franz? Du bist hirnwütig."
Woyzeck: "Eine Sünde. So dick und so breit. Es stinkt, dass man die Engelchen zum Himmel hinausräuchern könnt. Du hast einen roten Mund, Marie, du bist so schön, wie die Sünde. Kann die Todsünde so schön sein?"

Zur berückenden Atmosphäre seiner bedächtigen Inszenierung trägt Stefan Webers tüftliges Sounddesign ganz wesentlich bei, da es die Figuren in mitunter betörende Klangwelten taucht.

Ausschnitt

Stefan Weber: "Es ist so, dass eben dadurch, dass dieser Prolog, diese Sterntaler-Geschichte eben schließt mit dem umgestürzten Hafen, hab ich mir dann überlegt: Es sind da nicht mehr viele Leute auf der Welt, es sind diese fünf Leute, die man da sprechen hört. Und da ist jeder für sich ganz allein. Und dann hat man ein gewisses Bild auch, wie könnten Einsamkeit oder Leere klingen? Verbunden mit diesem Wasser, was immer und überall ein bisschen sintflutartig auch da wieder kommt. Und Wasser, Regen, Sturm, Einsamkeit, Lautsprecher in die Leere hinaus, das war so ein Moment, wo ich mir gedacht habe, man muss Leere eigentlich, Leere komponieren. Leere vertonen, Stille dann letztendlich auch."

Ausschnitt

Woyzeck: "Marie?"
Marie: "Was ist?"
Woyzeck: "Wir wollen gehen. Es ist Zeit."
Marie: "Wo hinaus?"
Woyzeck: "Weiß ich's?"

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